Der junge Marquis war geschickt genug, die Principessa d'Atella zu überzeugen, daß ihr seine Huldigung gelte, aber tatsächlich war er in die junge Rosalinda verliebt und, was mehr ist, eifersüchtig auf sie. Eben jener Herzog, der in der Nacht vor der Bataille von Velletri dem Don Carlos so von Nutzen gewesen war und sich nun der höchsten Gunst des jungen Königs erfreute, war aufs tiefste berührt von der naiven Grazie der jungen Rosalinda und ganz besonders von ihrem einfachen 344Wesen und ihrer aus den Augen strahlenden Aufrichtigkeit; er machte ihr auf eine majestätische Weise den Hof, wie sich dies für einen dreifachen spanischen Granden gehört. Aber er schnupfte und trug eine Perücke; und gerade Schnupftabak und Perücke sind für eine junge Neapolitanerin die zwei Dinge, die sie nicht ausstehen kann. Und trotz der nur bescheidenen Mitgift von vielleicht zwanzigtausend Francs und keiner andern Aussicht als das vornehme Kloster San Petito ganz oben in der Toledanerstraße, dem Modegrab der jungen Mädchen aus dem Hochadel, konnte sich Rosalinda nicht entschließen, die leidenschaftlichen Augen des Herzogs von Prada zu verstehen; wohl aber begriff sie sehr gut, was ihr Don Genarino mit seinen Blicken sagte, wenn ihn die Principessa d'Atella gerade nicht beobachtete. Der Herzog von Prada war sich nicht ganz sicher, ob die junge Rosalinda nicht manchmal auch Antwort auf Genarinos fragende Augen gab.

Die Liebe der beiden hatte wirklich, vernünftig betrachtet, gar keinen Sinn. Gewiß gehörte die Familie der Las Flores zum Hochadel, aber der alte Herzog dieses Namens, Genarinos Vater, besaß drei Söhne und hatte nach Brauch des Landes deren Angelegenheiten so arrangiert, daß der älteste etwa fünfzehnhundert Dukaten Rente bekam, während die beiden jüngeren sich mit zwanzig Dukaten im Monat zufrieden geben mußten samt Logis im Stadtpalais und in der Villa, zufrieden geben mußten, aber nicht damit zufrieden waren.

Don Genarino und Rosalinda verwandten all ihre Geschicklichkeit darauf, was sie für einander empfanden, vor der Principessa d'Atella zu verbergen, deren kokettischer Anspruch auf Begehrtwerden dem jungen Marquis niemals die falschen Gedanken verziehen hätte, die 345sie sich hinsichtlich seiner Liebe zu ihr machte. Aber ihr Gatte, der alte General, hatte bessere Augen als sie. Beim letzten Ball, den in diesem Winter König Carlos selber gab, war es ihm ganz klar geworden, daß der bereits durch mehr als ein Abenteuer berühmte Don Genarino es unternommen hatte, entweder seiner Frau oder seiner Tochter zu gefallen; und das eine paßte ihm so wenig wie das andere. Nächsten Morgen hieß er nach dem Frühstück seine Tochter, mit ihm auszufahren, und er brachte sie, ohne weiter auch nur ein Wort zu sprechen, nach dem Kloster von San Petito; es ist das jenes damals sehr modische Kloster, dessen köstliche Fassade man ganz oben zur linken in der Calle di Toledo sieht neben dem magnifiken Palazzo dei Studi.

Die langhin sich streckenden Mauern, die man bei einem Spaziergang auf der Wiese von Vomero immer im Rücken hat, sollen das profane Auge abhalten, in die Gärten von San Petito zu blicken.

Der alte Fürst tat erst den Mund auf, als er seiner Schwester seine Tochter vorstellte. Wie eine Mitteilung, die er ihr aus Höflichkeit mache und für die sie ihm dankbar sein müsse, sagte er zu Rosalinda, daß sie das Kloster nur ein einziges Mal noch verlassen würde, nämlich am Vorabend des Tages ihrer Profeß.

Rosalinda war über alles das nicht weiter erstaunt; sie wußte ganz gut, daß sie höchstens durch ein Wunder eine Verheiratung erwarten konnte, und den Herzog Vargas del Prado zu heiraten, davor graute ihr in diesem Augenblick. Außerdem hatte sie einige Jahre als Pensionärin in dem Kloster geweilt, in das man sie jetzt zurückbrachte, und alle ihre Erinnerungen an ihren frühern Klosteraufenthalt waren lustig und amüsant; so war sie am ersten Tage nicht arg betroffen von ihrem 346Lose; aber schon am nächsten Tage war ihr deutlich, daß sie den jungen Don Genarino niemals wiedersehen würde, und das traf sie, trotz ihres Alters Kindlichkeit, tief. Verspielt und betäubt die ersten Tage, wurde sie bald die am wenigsten resignierte und traurigste unter den Mädchen des Klosters. Wohl zwanzig Male dachte sie im Tage an Genarino, den sie nicht mehr sehen sollte, während doch früher und zu Hause an diesen liebenswürdigen jungen Mann zu denken ihr höchstens zweimal im Tage eingefallen war.

Drei Wochen nach ihrem Eintritt im Kloster geschah es ihr, daß sie beim Abendgebet die marianische Litanei ohne jeden Fehler hersagte und ihr dafür die Novizenmutter für den andern Tag erlaubte, zum erstenmal, auf das Belvedere hinaufzusteigen; so nennt man die weitläufige Galerie, von den Nonnen mannigfaltig mit Bildern und Arabesken geschmückt, die ganz oben an der Außenmauer des Klosters gegen die Toledanerstraße zu offen liegt.

Rosalinda war entzückt über die doppelte Wagenreihe, die um diese Zeit des Korso die Straße füllt; sie erkannte die meisten Wagen und die Damen darin. Das amüsierte sie und bedrückte sie zugleich.

Aber Verwirrung kam in ihr Herz, als sie unter einem Torweg einen jungen Mann erkannte, der zärtlich zu ihr hinauf einen Strauß wundervoller Blumen bewegte; es war Don Genarino, der seit Rosalindas Entführung ins Kloster jeden Tag hierher kam in der Hoffnung, sie auf dem Belvedere zu sehen; und da er um ihre Blumenliebe wußte, hatte er jedesmal, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, einen Strauß seltenster Blumen mitgebracht. Als Genarino sich erkannt sah, gab er ein sichtbares Zeichen seiner Freude, und bald [folgtem] 347diesem andere Zeichen, die zu beantworten sich Rosalinda hütete. Sie überlegte, daß nach der vom Kloster befolgten Regel Benedicti gut ein paar Wochen bis zu neuerlicher Erlaubnis das Belvedere zu besuchen vergehen könnten. Um sie herum war eine Menge sehr lustiger Nonnen, von denen fast alle ihren Freunden Zeichen machten, und diese jungen Damen schienen etwas geniert von der Anwesenheit dieses jungen Mädchens im weißen Schleier, die doch etwas erstaunt sein könnte über ihr wenig klösterliches Benehmen und ihr Sprechen mit den Herren da unten. Man muß wissen, daß in Neapel die Mädchen von Kindheit an die Fingersprache sprechen, bei der die verschiedenen Stellungen der Finger zueinander das Alphabet bilden. Man kann die Mädchen im Salon auf diese Weise leise sprechen sehen, während sich die betreffenden Eltern laut unterhalten.

Genarino zitterte bei dem Gedanken, Rosalindas Nonnentum könnte echt sein. Er war noch etwas weiter zurück in den Torweg getreten und sagte ihr von hier aus in den Kindersprache der Finger: