„Seitdem ich Sie nicht mehr sehe, bin ich unglücklich. Sind Sie im Kloster glücklich? Haben Sie so viel Freiheit, öfter auf das Belvedere zu kommen? Lieben Sie immer noch die Blumen?“
Rosalinda sah ihm voll ins Gesicht, aber antwortete nicht. Auf einmal verschwand sie, entweder von der Novizenmutter gerufen oder von den wenigen Worten Don Genarinos beleidigt. Der stand eine Weile bestürzt.
Dann stieg er das kleine Gehölz von Aranella hinauf, das über Neapel liegt; bis da hinauf zieht sich die Umfassungsmauer des weiten Klostergartens von San Petito. Weiter ging er seinen melancholischen Spaziergang 348und kam auf die Wiesenfläche von Vomero, von wo aus man über Neapel und das Meer blickt; nach ein paar hundert Schritten stand er vor dem großartigen Schlosse des Herzogs Vargas del Prado ehemals eine mittelalterliche Festung mit schwarzen kranelierten Mauern und berühmt in Neapel wegen seiner Düsterkeit und der Manie des Herzogs, sich nur von spanischen Domestiken bedienen zu lassen, die genau so alt waren wie er. Der alte Herzog sagte, daß er sich auf seinem Schlosse in Spanien glaube, und um diesen Eindruck zu vermehren, hatte er auch alle Bäume in der Umgebung umhauen lassen. Sooft es ihm nur der Dienst beim König erlaubte, begab sich der Herzog, um Luft zu schnappen, nach seinem Schloß San Nicola.
Das düstere Schloß vermehrte noch Genarinos Melancholie. Da packte ihn, als er unter der Mauer der Gärten von San Petito hinschritt, ein Gedanke. ‚Natürlich liebt sie noch die Blumen,‘ sagte er sich; ‚die Nonnen dürften deren kultivieren in ihrem Garten; also muß es wohl Gärtner geben; ich muß diese Gärtner kennenlernen.‘
In dieser sehr verlassenen Gegend gab es eine Osteria, in die Genarino eintrat; sein Anzug war für diesen Ort viel zu prächtig, und er merkte mit einigem Unbehagen, daß seine Anwesenheit Überraschung und Mißtrauen hervorrief; da tat er, als ob er sehr müde wäre und machte sich Liebkind mit den Wirtsleuten und dem Volk, das da seinen Schoppen Wein trank. Seiner offenen Art hatte er es zu danken, daß die Leute in der Kneipe ihm seine für den Ort etwas zu kostbaren Kleider verziehen. Genarino scheute sich nicht, mit dem Wirt und dessen Freunden ein paar Gläser von dem Bessern zu leeren, den er kommen ließ. Nach Verlauf einer Stunde 349Arbeit machte seine Anwesenheit keinen mehr mißtrauisch. Man riß Witze über die adeligen Nonnen von San Petito und über die Besucher, die manche von ihnen über die Gartenmauer weg empfingen.
Genarino bekam die Gewißheit, daß, worüber man in Neapel so viel redete, wirklich existiere. Die guten Leute von Vomero scherzten darüber, aber zeigten sich nicht im mindesten entrüstet über die weltlichen Gewohnheiten der Nonnen von San Petito.
351DER CHEVALIER VON SAINT-ISMIER
353Man schrieb das Jahr 1640. Richelieu war, schlimmer als je, Herr Frankreichs. Sein eiserner Wille und seine Launen eines großen Mannes suchten jene turbulenten Geister zu beugen, die Krieg und Liebe mit der gleichen Leidenschaft trieben. Die Galanterie war noch nicht auf die Welt gekommen. Die Religionskriege und die um das Gold des düstern Philipp II. erkauften Fraktionen hatten in den Herzen ein Feuer entzündet, das der Anblick der auf Befehl Richelieus vom Rumpfe getrennten Köpfe noch nicht zum Erlöschen gebracht hatte. Reim Bauern, beim Edelmann, beim Bürger traf man auf eine Energie, die man in dem Frankreich nach den 72 Jahren Herrschaft Ludwig XIV. nicht mehr kannte. Im Jahr 1640 war der französische Charakter noch imstande, Energisches zu verlangen, aber die Tapfersten fürchteten den Kardinal; sie wußten ganz genau, daß man ihm nicht entginge, besäße man die Unbesonnenheit, im Lande zu bleiben, nachdem man ihn beleidigt hatte.
Solchem gab der Chevalier von Saint-Ismier seine Gedanken, ein junger Offizier aus einer der reichsten Adelsfamilien des Languedoc. An einem der schönsten Juniabende ritt er nachdenklich am rechten Dordogneufer hin, Moulons gegenüber. Er hatte nur einen Domestiken zur Begleitung. Er wußte, wagte er nach Bordeaux zu gehen, daß er es hier mit dem Kapitän Rochegude zu tun habe. Dieser Stadtgewaltige war eine Kreatur des 354Kardinals, und Saint-Ismier kannte die schreckliche Eminenz. Trotz seiner fünfundzwanzig Jahre hatte sich der junge Edelmann im deutschen Kriege rühmlichst ausgezeichnet. Aber da hatte er zuletzt auf dem Schloß einer Tante, die er beerben sollte, auf einem Balle Streit mit dem Grafen de Chaix bekommen, dem Verwandten eines Parlamentspräsidenten der Normandie und treu ergebenen Dieners des Kardinals, für dessen Rechnung er in seiner Körperschaft intrigierte. Alle Welt in Rouen wußte das, und so war der Präsident mächtiger als der Gouverneur selber. Darum beeilte sich Saint-Ismier auch, nachdem er den Grafen elf Uhr des Nachts unter einer Straßenlaterne getötet hatte, aus der Stadt hinauszukommen; er nahm nicht einmal Abschied von seiner Tante.