Kurz nach der Flucht entdeckte Guido das leere Bett und den offenen Schrank, in dem eine darin verwahrte Geldsumme fehlte. Zu Pferde eilte er den Flüchtigen auf der Straße nach Rom nach. Er traf eine Stunde nach ihrer Ankunft in jener Herberge ein, stieß auf Caponzachi, der ihn einen Schurken und Tyrannen nannte. Guido war sehr überrascht, den Canonicus bei seiner Frau zu treffen, und er verlor allen Mut so sehr, daß er wieder nach Hause ritt. Hier angekommen verklagte er seine Frau wegen Flucht und Ehebruch, womit er seine Mitgift gewonnen zu haben glaubte. Sein Bruder, der Abbate Paolo, erhob Beschwerde beim Papste Innozenz XII. und beim Gouverneur von Rom, dieser möge den Canonicus Caponzachi als Entführer und Ehebrecher erklären und seinem Bruder die Mitgift zusprechen.
428Der mit aller Strenge geführte Prozeß ergab aber nichts gegen das Paar, außer dem Briefwechsel vor der Flucht, diese selber und die Aussage des Kutschers, der erklärte, er hätte beim Umsehen des öftern die beiden Wange an Wange liegend im Wagen gesehen. Aber es möchte dessen Ursache die schlechte Straße gewesen sein. Endlich verfügte das Gericht die Verbannung des Canonicus für Jahre nach Civitavechia wegen Begünstigung der Flucht, wenn auch in guter Absicht. Pompilia wurde mit Zustimmung der Franceschinis in loco carceris nach dem Kloster delle Scalette an der Lungara gebracht, wo Guido ihren Unterhalt zu bestreiten hatte. Da sie aber ihrer Schwangerschaft wegen nicht länger an diesem Orte bleiben konnte, verfügte der Gouverneur ihre Übersiedlung in das elterliche Haus, womit auch der Unterhalt durch den Gatten sein Ende fand.
Des Geredes über diese Sache war in Rom so viel, daß der Abbate Paolo seine Stelle beim Malteserorden verlor. Worauf er sich entschloß, Rom zu verlassen und in ein Land zu gehen, wohin kein Gerücht von der Unehre, die ihn betroffen, gedrungen sein konnte. Er hinterließ Guido die Pflicht, die Ehre des Hauses wieder herzustellen.
Pompilia gebar einen Sohn, der den Namen Moschio erhielt und von den Comparinis zur Pflege außer Haus gegeben wurde. Alle Welt hoffte, Guido würde nun zur Besinnung kommen und sich mit seinem Weibe versöhnen; aber Guido hatte ganz andere Gedanken: er wollte seine Ehre mit dem Blute aller Contarinis reinwaschen.
Einem Feldarbeiter, einem Menschen niedern Wandels, vertraute er seine Schmach und seinen Racheplan 429an, und der Mensch erbot sich, mit Hilfe von vier, fünf sichern Leuten den Racheplan auszuführen. Zu fünft begaben sie sich verkleidet nach Rom und klopften des Nachts um zwei bei den Comparinis an. Einer rief, er habe einen Brief Caponzachis zu bestellen, aber die Frauen hatten Angst und rieten Pietro, nicht zu öffnen. Der aber, auf den Brief neugierig, öffnete die Tür und Guido stürzte mit zweien seiner Leute herein, während die andern zwei draußen Wache standen. Er stieß dem Alten das Messer in den Leib, so daß er ohne einen Laut hinfiel und starb. Hierauf ermorderte er Violante und die unglückliche Pompilia mit vielen Messerstichen und Fußtritten. Einem seiner Leute befahl er, nachzusehen, ob die Frauen tot seien; der zog sie an den Haaren hoch, ließ sie hinfallen und sagte, sie seien tot. Er zahlte ihnen dann den Lohn aus und wollte sich von ihnen trennen; dies aber ließen die vier Gesellen nicht zu, aus Angst, und so gingen sie alle miteinander zu Fuß die Straße nach Arezzo zu.
Guido und Violante waren tot, aber Pompilia lebte noch, trotzdem sie die meisten Messerstiche bekommen hatte. Nun rief sie um Hilfe, so daß die Nachbarn herbeieilten. Mit großer Standhaftigkeit ertrug sie ihre schwere Verwundung, beklagte auch nicht ihren Gatten, sondern bat den Himmel, daß er ihm seine Tat vergebe, und starb eines seligen Todes, bis zuletzt ihre Unschuld beteuernd.
In einer Hütte nahe Rom wurden die Mörder aufgegriffen. Guido gestand erst beim Anblick der Folter, rechtfertigte seine Tat aber als seiner Ehre wegen getan. Seine Mitschuldigen wurden an den Galgen geknüpft; er selber wurde geköpft.
430KÖNIGIN CHRISTINE
Die Königin Christine hatte Jahre in Rom gelebt und entschloß sich, einer Einladung Ludwigs XIV. zu folgen und nach Frankreich zu reisen. Mit einem großen Gefolge von Kavalieren und Pagen verließ sie Rom. Der König hatte für seinen erlauchten Gast einen prunkvollen Palast richten lassen und dem Gefolge ein Kavalierhaus angewiesen. In diesem Gefolge befanden sich zwei Herren, die sie mit ihrer besonderen Gunst auszeichnete; Tag und Nacht waren der Marchese Monaldeschi und der Marchese Santinelli um sie, der erste ein witziger Poet in der modischen Art der Marini, der den königlichen Hof zum großen Ergötzen seiner Herrin in scharfen Satiren durchhechelte. Dies führte dazu, daß ihn die Königin zu ihrem geheimen Vertrauten machte. Darüber fühlte sich Santinelli zurückgesetzt, wenn auch die Königin alles tat, ihn huldvoll zu behandeln. Monaldeschi merkte die Eifersucht seines Nebenbuhlers um die Gunst und wollte sich diese allein erhalten; also ließ er am Hofe Briefe mit verstellter Hand verbreiten, in denen sehr vertrauliche Mitteilungen der Königin an Santinelli und was sie miteinander taten, auf das respektloseste erzählt wurden. Diese Briefe kamen auch in Santinellis Hände, und er erkannte die verstellte Handschrift. Er beschloß die Vernichtung seines Gegners. Er brachte, mit der Königin einmal im Garten lustwandelnd, das Gespräch auf jene Briefe, über die man sich bei Hofe sehr skandalisierte. Die Königin verlangte die Briefe zu lesen; doch schwieg sie dazu und bat Santinelli nun, nicht weiter darüber zu sprechen. Ein neuer Brief, in anderer Hand, aber gleichem Stile, teilte weiteres von den Beziehungen der 431Königin zu Santinelli mit. Die Königin wollte nun die verdiente Strafe für den Briefschreiber nicht länger hinausschieben, aber sie lebte in Frankreich, wo die Gesetze jede Gewalttat strenge ahnden. Die Gesetze waren erst vor kurzem vom Kardinal Richelieu erlassen worden, um den zahlreichen Bluttaten zu steuern. Der König hatte ihre geringste Verletzung mit dem Tode bestraft, auch wenn es Mitglieder seines Hauses waren, die sich solches zuschulden kommen ließen. Durch eine Ermordung des Monaldeschi hatte die Königin den Zorn des Königs zu fürchten; doch war ihre Ehre allzu sehr beleidigt und solches allgemein bekannt geworden.
Eines Tages legte die Königin dem Monaldeschi einen mit verstellter Hand geschriebenen Brief vor, er möge ihn lesen.