Zwei Roman-Entwürfe. Erstmals von C. Stryienski veröffentlicht in den Soirées du Stendhal Club, Paris 1904, pag. 95-100. Der erste Plan — A-Imagination, das A ist alpha privativum — ist gegen 1840 aufgeschrieben, wie sich aus der Julien Sorel erwähnenden Textstelle ergibt. Den zweiten Entwurf hat Stendhal selber datiert. Der in dem Legat angegebene Abraham Constantin war ein Miniaturenmaler auf Porzellan und Kopist alter Meister, dessen Hauptwerke sich im Museum von Turin befinden. Die Duchesse de Vaussey dürfte in Menta ihr Urbild haben. Vgl. Vie de Henri Brulard und einen Brief Mentas in Comment a vécu Stendhal, 1900. Roizard ist Selbstporträt; R. Colomb benützt es in seiner Notice.

Aus italienischen Chroniken. Im Jahre 1833 erstand Stendhal zwölf — nach Oppeln-Bronikowski, Einleitung zu Chroniken 1908, dreizehn — handgeschriebene Foliobände mit zeitgenössischen Berichten aus dem Italien des Seicento, vornehmlich des römischen. Was er damit für Absichten hatte und wie er durch ihre Verwendung der Originator des Renaissancismus wurde, geht aus Briefen an den Freund R. Colomb und den Verleger Calman Levy und aus Tagebuchaufzeichnungen hervor: sie sollten ihm das stoffliche Material zu einer Reihe von Erzählungen liefern, denen er den gemeinsamen 446Titel „Les Bois de Premol“ geben wollte und die sechs Bände umfassen sollten. „Ich habe alles nichts als Historische beiseite gelassen und nur das gesucht, was das menschliche Herz schildert“ und unterm 27. April 1882 an Colomb aus Palermo: „was geht uns heute ein Interdikt gegen Venedig an oder die Geschichte der zahllosen Verträge zwischen Rom und Neapel? Aber es interessiert uns, wie man sich in jener Zeit an einem Nebenbuhler rächte oder eine Frau eroberte. Ich las das Manuskript dieser alten Berichte wie einen Roman.“

Und: „Die Eitelkeit und die öffentliche Meinung waren kaum im Entstehen, und vom Fürsten verliehene Ehren nahm man mitnichten ernst… Manche glauben ja gar, jene Kultur wäre der unsern, auf die wir so stolz sind, gleichwertig. Aber wir haben da ein Plus von zwei hübschen Dingen: die Wohlanständigkeit und die Heuchelei. Unsere heutige Prüderie hat nicht die leiseste Vorstellung von jener Kultur… Aber dafür wären auch alle unsere mumienhaften Tugenden den Zeitgenossen Ariostos und Raffaels höchst lächerlich vorgekommen. Denn man schätzte damals am Manne nur, was er als Person, als er selber war, und es war keine Eigenschaft der Person, so zu sein wie jedermann: die Dummköpfe und Einfaltspinsel hatten da kein Terrain.“ Und: „Das Leben ohne die Dinge, die es glücklich machen, wurde nicht hoch eingeschätzt. Ehe man den beklagte, der es verlor, rechnete man die Summe von Glück aus, die er genossen, und in dieser Rechnung nahmen die Frauen einen weit größeren Raum ein als heutzutage.“ Und: „Diese Sitten haben einen Raffael und Michel Angelo hervorgebracht, die man heute höchst lächerlich durch Kunstakademien hervorbringen will. 447Man vergißt, daß es einer kühnen Seele bedarf, um den Pinsel recht zu führen, und erzielt nichts als arme Teufel, die einem Bureauchef den Hof machen müssen, damit er bei ihnen ein Bild bestelle.“

Einiges aus diesen Handschriften hat Stendhal in die Formen seiner Novellen gebracht; fast wörtlich folgt er seinen Quellen in der Vittoria Accoramboni und den Cenci. Anderes wird Episode, ja dient als Fabel, wie in der Chartreuse de Parme. An der Ausführung seines Planes der weiteren Bände wurde Stendhal durch den Tod verhindert; der Vertrag über neue Chroniques italiennes mit der Revue des Deux Mondes war bereits abgeschlossen und 1500 Franken an Stendhal als Vorzahlung geschickt worden.

Stendhals Schwester Pauline Périer-Lagrange verkaufte durch Mérimées Vermittlung die Manuskriptbände der Quellen an die Bibliothèque nationale: es sind die Codices Italiani 169-179 und 296-297 der Handschriftenabteilung. Zum ersten Male haben gleichzeitig Oppeln-Bronikowski a.a.O. und C. Stryienski im zweiten Bande der Soirées du Stendhal Club, Paris 1908, pag. 214-267, daraus einiges publiziert, der Deutsche sechzehn, der Franzose zwölf gekürzte Stücke. Oppeln-Bronikowski hat außerdem eine genaue Beschreibung der Codices gegeben, die ungeführ fünfzig Geschichten enthalten. Ein kleiner Teil dieser Geschichten ist von Stendhal durchkorrigiert — „ich mache Bleistiftkorrekturen, um nicht beim dritten Lesen die Geduld zu verlieren“, wie er in einer Vorrede schreibt. Unserer Übersetzung dienten als Vorlage: Abschriften nach den Originalen in Paris, Stryienskis Text und für Ariberti und Farnese Stendhals Correspondance. Die ausgewählten Beispiele wären leicht zu vermehren gewesen, 448doch schien dies überflüssig. Das begrifflich und dokumentarisch Neue von 1830 ist durch Burckhardt und Nietzsche und ihnen nachfolgend durch zahlreiche Veröffentlichungen der Dokumente so vertraut geworden, daß ein ausführlicherer Abdruck Stendhalscher Exzerpte obsolet wäre. Aus einem der drei oder vier literar-kritischen Werke von Rang, die in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland veröffentlicht wurden, aus F.F. Braungartens ‚Das Werk Conrad Ferdinand Meyers, Renaissance-Empfinden und Stilkunst‘, G. Müller, München 1920, seien hier einige Sätze zitiert: [„]Bei Stendhal ist die Renaissancebegeisterung wesentlich revolutionäre Weltanschauung: Stendhals Renaissancehelden sind die Abenteurer, die Briganti und Condottieri. Cesar Borgia, ‚le représentant de son siècle‘ heißt es bei Stendhal… Er stellt die Renaissance als Ziel des natürlichen und freien Menschen in Gegensatz zu der Knechtschaft und Verlogenheit des ancien régime. Er verherrlicht die Leidenschaft und Aufrichtigkeit der Renaissance als lichte Gegenbilder der Eitelkeit und der Galanterie und des verlogenen Ehrbegriffs des ancien régime, die den Mann im Herrendienst und Frauendienst zum Sklaven macht. Auf diesen von Stendhal festgelegten Grundzügen baut sich das Renaissanceempfinden auf. Auch das erschöpfendste Renaissancebild: die Darstellung Burckhardts hat hier ihre Aufgabe. Stendhal, der immer nur an das XVI. Jahrhundert denkt und von dessen civilisation renaissante spricht, kennt übrigens das Wort Renaissance noch nicht. Stendhal hat die Renaissance als Folie des ancien régime, d.h. des Barocks, geschaut… Das Renaissancebild des Romanciers Stendhal war rein psychologisch. Er hatte bereits 1817 der Renaissancebewunderung das Losungswort 449gegeben: „le seul siècle, qui ait eu à la fois de l'esprit et de l'énergie“.

Stendhal hat einigen seiner Auszüge Bemerkungen vorangestellt; sie sind folgend wiedergegeben:

Zu Kardinal Aldobrandini: „Das wirkliche Herz der italienischen Kurtisane; die Sitten waren zu wild, als daß sie den Kurtisanen eine leichtherzige Güte erlaubt hätten. Mit dieser Geschichte die Sammlung anfangen. Hierauf chronologische Folge. In der Biographie Michaud den Artikel Aldobrandini zu lesen, um über die Lügereien zu lachen. Alles das ist vor der Kopie von mir in den Originalmanuskripten gelesen worden. Augenschmerzen wegen des Staubes.“

Girolamo Biancinfiore: „Art Don Juan oder giftmischender Casanova. Wildes Geschwätz, sehr abzukürzen, macht den Eindruck, als ob es für Kinder erzählt wäre. 24. April 1833.“

Die Brüder Massimi: „Aus Höflichkeit, aus mondäner Klugheit diese Geschichte nach Neapel verlegen. Anfangen mit der Geschichte der Stiefmutter, umgebracht von den vier Brüdern.“

George Picknon: „Unter Ganganelli kam ein Engländer, wie ich glaube, nach Rom, um den Papst zu bekehren. Ganganelli ließ ihm einiges Geld für die Heimreise geben. Ich hätte den Mann zu meinem Amüsement kommen lassen, aber wahrscheinlich hatte der arme Ganganelli, mit den Jesuiten beschäftigt, keine Zeit, sich zu amüsieren.“