Als die beiden Brüder auf die Folter gespannt wurden, waren sie weit davon entfernt, der Seelengröße des Briganten nachzueifern; sie waren so kleinmütig, daß sie alles gestanden. Signora Lucrezia Petroni war so an die Weichheit und an die Annehmlichkeiten des großen Luxus gewöhnt und außerdem war sie so dick, daß sie die Tortur des Seils nicht ausgehalten hätte; sie sagte alles aus, was sie wußte. Aber nicht war es so mit der jungen, lebhaften und mutigen Beatrice Cenci. Weder gute Worte noch Drohungen des Richters Moscati erreichten etwas bei ihr. Sie ertrug die Torturen des Seils ohne ein Zeichen der Aufregung und mit vollendetem Mut. Niemals konnte sie der Richter zu einer Antwort bringen, die sie auch nur im mindesten kompromittierte, und weit mehr noch: es gelang ihr durch ihre geistvolle Lebendigkeit, den berühmten Richter Ulysse Moscati gänzlich in Verwirrung zu bringen. Er war dermaßen erstaunt über die Art dieses jungen Mädchens, daß er es für Pflicht hielt, Seiner Heiligkeit dem glücklich regierenden Papst Clemens VIII. davon Bericht zu erstatten.
Seine Heiligkeit wollte die Akten des Prozesses selbst einsehen. Er befürchtete, daß der durch seine profunde Wissenschaft wie durch den überragenden Scharfsinn seines Geistes so berühmte junge Ulysse Moscati von der Schönheit Beatrices getroffen worden sei und sie bei den Vernehmungen schone. Daraus folgte, daß Seine Heiligkeit ihn von der Leitung dieses Prozesses enthob und diesen einem anderen strengeren Richter gab. Wirklich hatte dieser Barbar den Mut, ohne Mitleid einen so schönen Körper ad torturam capillorum zu martern, 90d.h. man folterte Beatrice Cenci, indem man sie an den Haaren aufhing.
Während sie am Seil hochgezogen war, ließ dieser neue Richter ihre Stiefmutter und ihre Brüder vor Beatrice erscheinen. Sobald Giacomo und Signora Lucrezia sie so sahen, riefen sie ihr zu:
„Die Sünde ist begangen, man muß nun die Buße auf sich nehmen und sich nicht den Körper mit zweckloser Hartnäckigkeit zerreißen lassen.“
„Also Ihr wollt unser Haus mit Schande bedecken“, antwortete das junge Mädchen, „und in Schmach sterben? Ihr befindet Euch in einem großen Irrtum; aber da Ihr es wünscht, sei es.“
Und sich zu den Sbirren wendend, fuhr sie fort: „Bindet mich los, und man lese mir die Aussage meiner Mutter vor; ich werde dem zustimmen, dem zugestimmt werden muß und das leugnen, was geleugnet werden muß.“
So geschah es; sie gestand die ganze Wahrheit. Sofort nahm man allen die Ketten ab und weil es fünf Monate war, seit sie die Brüder nicht gesehen hatte, wollte sie mit ihnen speisen; sie verbrachten alle vier einen sehr heiteren Tag.
Aber am folgenden Tag wurden sie von neuem getrennt; die beiden Brüder wurden in das Gefängnis von Tordinona geführt und die beiden Frauen blieben im Gefängnis Savella. Unser Heiliger Vater, der Papst, der den authentischen Akt mit den Geständnissen aller gesehen hatte, befahl, daß sie ohne Aufschub an den Schweif ungezähmter Pferde gebunden und so zu Tode geschleift werden sollten.
Ganz Rom erschauerte, als es diese strenge Entscheidung erfuhr. Viele Kardinäle und Fürsten warfen sich 91dem Papst zu Füßen, indem sie ihn anflehten, den Unglücklichen zu erlauben, ihre Verteidigungsschrift einzureichen.
„Und sie, haben sie ihrem alten Vater Zeit gegeben, die seine zu überreichen?“ antwortete unwillig der Papst.