Schließlich genehmigte er aus besonderer Gnade einen Aufschub von fünfundzwanzig Tagen. Sogleich begannen die ersten Advokaten Roms in dieser Sache, welche die ganze Stadt mit Aufregung und Mitleid erfüllt hatte, zu schreiben. Am fünfundzwanzigsten Tag erschienen sie alle zusammen vor Seiner Heiligkeit. Nicolo d'Angelis sprach als erster; aber er hatte kaum zwei Zeilen seiner Verteidigungsschrift gelesen, als Clemens VIII. ihn unterbrach:
„Also, es finden sich in Rom Menschen, die ihren Vater ermorden und danach Advokaten, welche diese Menschen verteidigen!“ Alle schwiegen, als Farinacci wagte, das Wort zu ergreifen.
„Heiligster Vater,“ sagte er, „wir sind nicht hier, um das Verbrechen zu verteidigen, sondern um zu beweisen, wenn wir es können, daß einer oder mehrere dieser Menschen am Verbrechen unschuldig sind.“
Der Papst gab ihm das Zeichen, zu sprechen, und er sprach drei lange Stunden; danach nahm der Papst alle ihre Schriftstücke an sich und schickte sie fort. Als sie gingen, war Altiere der Letzte; er hatte Furcht, sich kompromittiert zu haben und warf sich vor dem Papst auf die Knie, indem er sagte:
„Es blieb mir nichts übrig, als in dieser Sache zu erscheinen, denn ich bin Anwalt der Armen.“
Worauf der Papst antwortete:
„Wir wundern uns nicht über Euch, sondern über die anderen.“
92Der Papst wollte sich nicht niederlegen, sondern verbrachte die ganze Nacht damit, die Verteidigungsschriften der Advokaten zu lesen; er ließ sich bei dieser Arbeit von dem Kardinal von San Marcello helfen. Seine Heiligkeit schien dermaßen gerührt, daß man etwas Hoffnung für das Leben dieser Unglücklichen schöpfen konnte. Um die Söhne zu retten, suchten die Advokaten die ganze Schuld auf Beatrice zu wälzen. Da im Prozeß bewiesen worden war, daß ihr Vater mehrmals in einer verbrecherischen Absicht Gewalt angewendet hatte, hofften die Advokaten, daß ihr der Mord vergeben würde, da sie sich im Zustand der berechtigten Notwehr befand; und wenn es so geschah, daß dem Haupturheber des Verbrechens das Leben geschenkt wurde, wie wäre es möglich, ihre Brüder, die durch sie verleitet waren, mit dem Tode zu bestrafen?
Nach dieser in seinen Pflichten als Richter verbrachten Nacht, befahl Clemens VIII., daß die Angeklagten ins Gefängnis zurückgeführt und in geheimer Haft gehalten würden. Es war erwiesen, daß Beatrice den Monsignor Guerra liebte, aber niemals die Regeln der strengsten Tugend überschritten hatte: man konnte ihr also bei wahrer Gerechtigkeit nicht die Verbrechen eines Ungeheuers anrechnen und sie strafen, weil sie von ihrem Verteidigungsrecht Gebrauch gemacht hatte. Was hätte man getan, wenn sie eingewilligt hätte? Mußte es sein, daß die menschliche Rechtsprechung das Mißgeschick eines so liebenswürdigen, so bemitleidenswerten und schon so unglücklichen Wesens noch vergrößerte? Hatte sie nicht nach einem so traurigen Leben, [daß] sie schon, bevor sie 16 Jahr alt war, mit allen Arten des Unglücks überhäuft hatte, das Recht auf weniger schreckliche Tage? Jedermann in Rom schien ihre Verteidigung 93übernommen zu haben. Wäre ihr nicht verziehen worden, wenn sie Francesco Cenci erdolcht hätte, als er zum ersten Mal das Verbrechen versuchte?
Papst Clemens VIII. war milde und voll Erbarmen. Wir begannen zu hoffen, er würde, — ein wenig beschämt über die Grille, die ihn das Beweisverfahren der Advokaten hatte unterbrechen lassen, — jener verzeihen, die Gewalt mit Gewalt vergolten hatte, und wahrhaftig nicht als vorschnelle Erwiderung des Verbrechens, sondern erst, als man es von neuem an ihr versuchen wollte. Ganz Rom war in ängstlicher Spannung; da erhielt der Papst die Nachricht des gewaltsamen Todes der Marchesa Constanza Santa Croce. Ihr Sohn Paolo Santa Croce hatte diese sechzig Jahre alte Dame mit Dolchstichen getötet, weil sie sich nicht verpflichten wollte, ihn zum Erben aller ihrer Güter einzusetzen. Der Bericht fügte hinzu, daß Santa Croce die Flucht ergriffen habe und daß man keine Hoffnung hätte, ihn festzunehmen. Der Papst erinnerte sich an den Brudermord der Massini, der vor kurzer Zeit begangen worden war. Aufs Tiefste betrübt über diese Häufung von Morden an Nahverwandten, glaubte Seine Heiligkeit, es sei nicht gestattet, zu verzeihen. Als der Papst den verhängnisvollen Bericht über Santa Croce erhielt, befand er sich, es war am 6. September, im Palast von Monte Cavallo, um am folgenden Tage ganz in der Nähe der Kirche Santa Maria degli Angeli zu sein, wo er einen deutschen Kardinal zum Bischof weihen sollte.