Schon begannen bei Hof alle Freunde der Familie degli Almieri zu sagen, wie befremdlich es sei, daß man ein Mädchen von so hoher Geburt, noch dazu es ehemals so barbarisch von seiner Familie geopfert, nun wieder verhindern wolle, von seinem Reichtum Gebrauch zu machen wie es wünsche, besonders wo dieser Gebrauch so unschuldig wäre. Von der anderen Seite verfehlten die Familien der älteren oder weniger begüterten Nonnen nicht, zu antworten, es sei zum mindesten sonderbar, daß eine Nonne, die das Gelübde der Armut abgelegt habe, sich nicht mit fünf Kammerfrauen zufrieden geben könne.
Der Großherzog wollte einen Klatsch, der die ganze Stadt in Aufregung versetzen konnte, kurz beendigen. Seine Minister drängten ihn, der Äbtissin von Santa Riparata eine Audienz zu gewähren, und da dieses Mädchen in seiner himmlischen Tugend und seinem bewundernswürdigem Charakter seinen ganz in die Dinge des Himmels vertieften Geist wahrscheinlich nicht zu der Kleinlichkeit eines so elenden Klatsches herablassen würde, müßte der Großherzog ihr eine Entschließung eröffnen, die sie nur auszuführen hätte. ‚Aber wie könnte ich diese Entschließung fassen,‘ sagte sich der verständige Fürst, ‚wenn ich doch durchaus nichts von den Gründen weiß, welche die beiden Parteien geltend machen können?‘ Übrigens wollte er sich auch nicht die mächtige Familie degli Almieri ohne hinreichende Gründe zum Feinde machen.
Der intime Freund des Fürsten war Graf Buondelmonte, der ein Jahr jünger als er war. Sie kannten sich schon von der Wiege her, da sie die gleiche Amme gehabt 113hatten, eine reiche schöne Bäuerin von Casentino. Graf Buondelmonte, reich, vornehm und einer der schönsten Männer der Stadt, war durch die außerordentliche Gleichgültigkeit und Kälte seines Charakters bekannt. Er hatte unverzüglich abgelehnt, Premierminister zu werden, was ihm Großherzog Ferdinand schon am Tage seiner Ankunft in Florenz angetragen hatte.
‚Ich an Eurer Stelle, Fürst,‘ hatte ihm der Graf gesagt, ‚würde sogleich abdanken; urteilt also selbst, ob ich der Minister des Fürsten sein und den Haß der halben Bevölkerung einer Stadt gegen mich entfesseln möchte, in der ich mein Leben verbringen will!‘
Mitten in den Unannehmlichkeiten am Hofe, welche dem Herzog durch die Mißhelligkeiten im Kloster von Santa Riparata erwachsen waren, fiel ihm ein, daß er die Freundschaft des Grafen anrufen könnte. Dieser brachte sein Leben auf seinen Gütern zu, deren Pflege er mit viel Aufmerksamkeit leitete. Täglich widmete er der Jagd oder dem Fischen zwei Stunden, je nach der Jahreszeit. Niemals hatte man eine Geliebte bei ihm gesehn. Er wurde durch den Brief des Fürsten, der ihn nach Florenz rief, sehr verstimmt; er wurde es noch viel mehr, nachdem der Fürst ihm gesagt hatte, daß er ihn zum Vorsteher des Damenstifts von Santa Riparata ernennen wolle.
„Wißt,“ sagte ihm der Graf, „daß ich beinahe vorzöge, Premierminister Eurer Hoheit zu sein. Der Frieden des Gemüts ist meine Leidenschaft, und was glaubt Ihr wohl soll aus mir inmitten all dieser wütenden Schäflein werden?“
„Was meinen Blick auf Euch gelenkt hat, mein Freund, ist, daß man weiß, eine Frau hat niemals auch nur die Gänze eines Tags hindurch Eure Seele zu beherrschen 114vermocht; ich bin weit entfernt davon, ebenso glücklich zu sein; es fehlte nicht viel, daß ich die gleichen Torheiten fortgesetzt hätte, die mein Bruder für Bianca Capello begangen hat.“
Jetzt begann der Fürst ihm vertrauliche Mitteilungen zu machen, mit deren Hilfe er seinen Freund zu verführen gedachte. „Glaubt mir,“ sagte er ihm, „wenn ich dieses so sanfte Mädchen wiedersehe, das ich zur Äbtissin von Santa Riparata gemacht habe, kann ich nicht mehr für mich einstehn.“
„Und was wäre dabei?“ sagte der Graf, „Wenn es Euch als ein Glück erscheint, eine Geliebte zu haben, warum solltet Ihr dann keine nehmen? Wenn ich keine habe, ist es, weil mich jede Frau durch ihre Klatscherei und durch die Kleinlichkeit ihres Charakters langweilt, schon nach dreitägiger Bekanntschaft.“
„Ich,“ sagte der Großherzog, „ich bin Kardinal. Es ist wahr, daß der Papst mir die Erlaubnis erteilt hat, auf den Hut zu verzichten und mich in Anbetracht der Krone, welche mir unvermutet zukam, zu verheiraten; aber ich verlange gar nicht danach, in der Hölle zu brennen, und wenn ich mich verheirate, werde ich eine Frau nehmen, welche ich nicht liebe und von der ich Nachfolger für meine Krone verlangen werde, und nicht die üblichen Süßigkeiten der Ehe.“