„Darauf habe ich nichts zu sagen,“ entgegnete der Graf, „ich kann nicht glauben, daß der Allmächtige Gott seinen Blick auf solche Kleinigkeiten herabsenkt. Macht aus Euren Untertanen glückliche und ehrliche Leute, wenn Ihr es könnt und habt im übrigen sechsunddreißig Geliebte.“
„Ich will nicht einmal eine haben,“ entgegnete der Fürst lachend; „doch ich wäre dem sehr ausgesetzt, 115wenn ich die Äbtissin von Santa Riparata wiedersähe. Das ist das vortrefflichste Mädchen der Welt und das unfähigste, nicht nur ein Kloster voll junger widerwillig der Welt entrissener Mädchen zu leiten, sondern selbst die verständigste Vereinigung alter und frommer Frauen.“
Der Fürst hatte eine so tiefe Furcht, Schwester Virgilia wiederzusehn, daß der Graf davon gerührt wurde. ‚Wenn er diesen vertrackten Eid bricht, den er geleistet hat, als der Papst ihm gestattete zu heiraten,[“] sagte er sich, [„]ist er auch fähig, für den Rest seines Lebens ein verstörtes Herz davonzutragen.‘ Am nächsten Morgen begab er sich ins Kloster von Santa Riparata, wo er mit der ganzen Neugier und allen Ehren, die dem Abgesandten des Fürsten gebühren, empfangen wurde. Ferdinand hatte einen seiner Minister ins Kloster gesandt, um der Äbtissin und den Nonnen die Erklärung zu überbringen, daß Staatsgeschäfte ihn verhinderten, sich mit ihrem Kloster zu beschäftigen und daß er seine Machtvollkommenheit für immer dem Grafen Buondelmonte übertragen habe, dessen Entschließungen unwiderruflich seien.
Nachdem er mit der guten Äbtissin gesprochen hatte, war der Graf von dem schlechten Geschmack des Fürsten skandalisiert: sie hatte nicht einmal gesunden Menschenverstand und war nichts weniger als hübsch. Der Graf fand die Nonnen, welche Felizia degli Almieri verhindern wollten, zwei neue Kammerfrauen zu nehmen, sehr garstig. Er hatte Felizia ins Sprechzimmer rufen lassen. Sie ließ mit Dreistigkeit antworten, daß sie keine Zeit hätte, zu kommen, was den Grafen amüsierte, den bis dahin seine Mission recht gelangweilt hatte und der seine Gefälligkeit gegen den Fürsten bereute.
116Er sagte, daß er es ebenso liebe, mit den Kammerfrauen zu sprechen wie mit Felizia selber und ließ die fünf Kammerfrauen ins Sprechzimmer rufen. Nur drei stellten sich ein und erklärten im Namen ihrer Herrin, daß sie sich der Gesellschaft der zwei andren nicht berauben könnte, worauf der Graf von seinen Rechten als Vertreter des Fürsten Gebrauch machte und zwei seiner Leute ins Kloster eindringen hieß, die ihm die beiden widerstrebenden Kammerfrauen herbeibrachten; und er amüsierte sich eine Stunde hindurch über das Geschwätz dieser fünf hübschen jungen Mädchen. Die den größten Teil der Zeit über alle auf einmal sprachen. Erst hierbei, durch das was sie, ihnen selbst unbewußt, ihm verrieten, wurde dem Stellvertreter des Fürsten ein wenig klar, was im Kloster vorging. Nur fünf oder sechs Nonnen waren bejahrt, zwanzig etwa waren fromm, obgleich sie jung waren, aber die andern, jung und hübsch, hatten Liebhaber in der Stadt. In Wahrheit, sie konnten sie nur sehr selten sehen; aber wie machten sie es überhaupt möglich? Das wollte der Graf nicht die Kammerfrauen Felizias fragen, aber er versprach sich, es bald zu wissen, indem er Beobachter rings um das Kloster aufstellte.
Er erfuhr zu seinem großen Erstaunen, daß es intime Freundschaften unter den Nonnen gab und vor allem dies die Ursache des Hasses und der inneren Zwistigkeiten war. So hatte zum Beispiel Felizia als intime Freundin Rodelinde di P**; Celia, nach Felizia die Schönste des Klosters, hatte die junge Fabiana zur Freundin. Jede dieser Damen hatte ihre adlige Kammerfrau, welche mehr oder weniger in Gunst stand. Zum Beispiel hatte Martona, die adlige Kammerfrau der Äbtissin, deren Gunst dadurch erworben, daß sie sich noch frömmer 117als sie zeigte. Sie betete auf den Knien täglich fünf bis sechs Stunden zu Seiten der Äbtissin, aber diese Zeit wurde ihr sehr lang, wie die Kammerfrauen sagten.
Der Graf erfuhr außerdem, daß Roderigo und Lancelotto die Namen zweier Liebhaber dieser Damen waren, anscheinend von Felizia und Rodelinde; aber er wollte keine direkte Frage stellen.
Die Stunde, die er mit den Frauen verbrachte, erschien ihm nicht im geringsten lang, aber Felizia erschien sie endlos; sie fühlte sich durch diesen Stellvertreter des Fürsten in ihrer Würde beleidigt, der sie zu gleicher Zeit des Dienstes ihrer fünf Kammerfrauen beraubte. Sie konnte nicht an sich halten, und da sie von weitem den Lärm aus dem Sprechzimmer hörte, drang sie dort ein, obwohl ihre Würde ihr sagte, daß diese Art, aus einer ungeduldigen Laune heraus nun doch zu erscheinen, lächerlich aussehen konnte, nachdem sie die offizielle Einladung des Abgesandten des Fürsten ausgeschlagen habe. ‚Aber ich werde das Gackern dieses kleinen Herrn wohl parieren‘, sagte sich die herrische Felizia.
Sie brach also in das Sprechzimmer ein, grüßte den Abgesandten des Fürsten sehr nachlässig und befahl einer ihrer Frauen ihr zu folgen.
„Signora, wenn dies Mädchen Euch gehorcht, werde ich meine Leute ins Kloster eintreten lassen und sie werden es sofort wieder zurückführen.“