„Ich werde sie bei der Hand nehmen; werden Eure Leute wagen, Gewalt anzuwenden?“
„Meine Leute werden in dieses Sprechzimmer sie und Euch führen, Signora.“
„Und mich?“
„Und Euch selbst; und wenn es mir beliebt, werde ich Euch aus diesem Kloster fortführen lassen und 118Ihr werdet in irgendeinem armen kleinen, auf dem Gipfel irgendeines Berges des Apennin gelegenen Klosters fortfahren an Eurem Heil zu arbeiten. Ich vermag dies und noch ganz andere Dinge zu tun.“
Der Graf bemerkte, daß die fünf Kammerfrauen erbleichten; auch die Wangen Felizias färbten sich in einer leichten Blässe, die sie noch schöner machte.
‚Dies ist sicherlich,‘ sagte sich der Graf, ‚die schönste Person, der ich in meinem Leben begegnet bin, man muß die Szene länger dauern lassen.‘ Sie dauerte in der Tat gegen dreiviertel Stunden. Felizia zeigte dabei einen Geist und vor allem ein so stolzes Wesen, daß der Stellvertreter des Fürsten sich sehr damit unterhielt. Gegen Ende der Unterredung hatte sich der Ton sehr gemildert und Felizia erschien dem Grafen minder schön. ‚Man muß ihr ihren Zorn wiedergeben‘, dachte er. Er erinnerte sie daran, daß sie das Gelübde des Gehorsams abgelegt habe und daß, wenn sie in Zukunft auch nur einen Schatten von Widerstand gegen die fürstlichen Befehle zeige, die er dem Kloster übermittle, er es für ihr Seelenheil nützlich halten werde, sie auf sechs Monate in das langweiligste Kloster des Apennin zu schicken.
Daraufhin wurde Felizia prächtig vor Zorn. Sie sagte ihm, daß die heiligen Märtyrer mehr als dies durch die Barbarei der römischen Imperatoren gelitten hätten.
„Ich bin nicht Imperator, Signora, und ebensowenig brachten die Märtyrer die ganze Gesellschaft in Aufruhr, um zwei Kammerfrauen mehr zu bekommen, wenn sie ohnedies fünf so liebenswürdige wie diese Fräuleins hatten.“ Er [größte] sie sehr kalt und ging fort, ohne ihr Zeit zu einer Antwort zu lassen, und sie blieb wütend zurück.
Der Graf blieb in Florenz und kehrte gar nicht mehr 119auf seine Güter zurück; er war neugierig, zu erfahren, was eigentlich im Kloster von Santa Riparata vor sich ging. Einige Kundschafter, die ihm die Polizei des Fürsten beistellte, in der Nähe des Klosters und rings um die unermeßlich großen Gärten postiert, die es beim Tor, das nach Fiesole führt, besitzt, hatten ihm bald alles, was er zu wissen wünschte, mitteilen können: Roderigo L**, einer der reichsten und lüderlichsten Jungen der Stadt, war Felizias Liebhaber, und ihre vertraute Freundin, die sanfte Rodelinde, war die Geliebte Lancelotto P***s, eines jungen Mannes, der sich in den Kriegen, die Florenz gegen Pisa führte, sehr ausgezeichnet hatte. Diese jungen Leute hatten große Schwierigkeiten zu überwinden, um in das Kloster einzudringen. Die Strenge war verdoppelt worden, oder vielmehr, die alte Freiheit war seit der Thronbesteigung des Großherzogs Ferdinand vollkommen unterdrückt worden. Die Äbtissin Virgilia wollte die Ordensregel in ihrer ganzen Strenge durchführen lassen, aber ihre Einsicht und ihr Charakter entsprachen diesen guten Absichten nicht, und die Kundschafter des Grafen berichteten ihm, daß kaum ein Monat verginge, ohne daß es Roderigo, Lancelotto und noch zwei oder drei junge Leute, welche Beziehungen im Kloster hatten, dahin brachten, ihre Geliebten zu sehen. Die Unermeßlichkeit der Gärten des Klosters hatte den Bischof genötigt, nur die Existenz von zwei Türen zu dulden, die auf den weiten Raum hinter der Schutzmauer im Norden der Stadt führten. Die pflichtlosen Nonnen — und diese bildeten weitaus die Mehrheit im Kloster — kannten diese Einzelheiten nicht mit solcher Gewißheit wie der Graf; aber sie vermuteten sie und nutzten die Existenz solchen Mißbrauchs, um den Maßnahmen 120der Äbtissin nicht zu gehorchen, wenn es ihnen nicht paßte.
Es war dem Grafen klar, daß es nicht leicht sein würde, die Ordnung in diesem Kloster wiederherzustellen, so lang eine solch schwache Frau wie die Äbtissin Virgilia es leitete. Er sprach in diesem Sinne zum Großherzog, der ihn zur äußersten Strenge aufforderte, aber gleichzeitig nicht im geringsten gewillt zu sein schien, seiner ehemaligen Freundin den Kummer anzutun, sie wegen Unfähigkeit in ein andres Kloster zu versetzen.