Der Graf kehrte nach Santa Riparata zurück, ganz entschlossen, äußerste Strenge anzuwenden, um sich so bald wie möglich der Last zu entledigen, die er unvorsichtiger Weise auf sich genommen hatte. Felizia ihrerseits war noch gereizt über die Art, wie der Graf zu ihr gesprochen hatte, und fest entschlossen, die nächste Zusammenkunft auszunützen, den Ton wieder zu finden, der für den hohen Adel ihrer Familie und für die Stellung passend war, die sie in der Gesellschaft einnahm. Bei seiner Ankunft im Kloster ließ der Graf unverzüglich Felizia rufen, um sich des heikelsten Teils seiner Arbeit gleich zu entledigen. Felizia kam, schon vom lebhaftesten Zorn bewegt, in das Sprechzimmer, aber der Graf fand sie sehr schön; er war feiner Kenner in diesen Dingen. ‚Bevor wir dieses prachtvolle Antlitz verstören,‘ sagte er sich, ‚lassen wir uns Zeit, es gut anzuschauen.‘ Felizia bewunderte unwillkürlich den verständigen kalten Ton dieses schönen Mannes, der in seinem vollständig schwarzen Kostüm, das er für die Funktion im Kloster schicklich fand, wirklich bemerkenswert aussah. ‚Ich glaubte, weil er über fünfunddreißig Jahre ist,‘ sagte sich Felizia, ‚daß er ein lächerlicher Alter sein würde, wie unsere Beichtväter, aber ich 121finde statt dessen einen Mann, der wirklich dieses Namens würdig ist. Er trägt freilich nicht die auffallenden Kleider, die einen großen Teil der Verdienste Roderigos und vieler junger Leute, die ich gekannt habe, ausmachten; in der Menge der Goldstickerei und des Samtes ist er ihnen sehr untergeordnet; aber wenn er wollte, könnte er in einem Augenblick über diese Art des Verdienstes verfügen, während die andern, denke ich, recht viel Mühe hätten, die kluge, verständige und wirklich interessante Unterhaltung des Grafen Buondelmonte nachzuahmen.‘ Felizia legte sich nicht genau Rechenschaft ab, was es war, das diesem großen, in schwarzem Sammet gekleideten Mann, mit dem sie sich schon seit einer Stunde von den verschiedensten Dingen unterhielt, einen eigenartigen Ausdruck gab.
Obgleich er mit Sorgfalt alles vermied, was sie hätte reizen können, war der Graf weit davon entfernt, ihr in allem nachzugeben, so wie es nacheinander die Männer getan hatten, welche diesem schönen stolzen Mädchen näher getreten waren, von dem bekannt war, daß es Liebhaber habe. Weil der Graf gar keine Absichten hatte, war er einfach und natürlich mit ihr, nur hatte er bis dahin vermieden, die Dinge, die ihren Zorn erregen konnten, näher zu besprechen. Trotzdem war es notwendig, zu den Forderungen der stolzen Nonne zu kommen; man hatte bereits von der Unordnung im Kloster gesprochen.
„In der Tat, Signora, was hier alles in Aufruhr versetzt, ist die in gewisser Hinsicht ja vielleicht gerechtfertigte Forderung, zwei Kammerfrauen mehr als die andern zu haben, welche eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten des Klosters stellt.“
„Was hier alles in Aufruhr versetzt, ist die Charakterschwäche 122der Äbtissin, welche uns mit einer gänzlich neuen Strenge behandeln will, von der man niemals einen Begriff gehabt hat. Es kann ja sein, daß es Klöster gibt, wo die Mädchen wirklich fromm sind, die Zurückgezogenheit lieben und davon geträumt haben, wirklich die Gelübde der Armut, des Gehorsams und dergleichen zu erfüllen, die man ihnen mit siebzehn Jahren abverlangt hat; was uns betrifft, haben uns unsre Familien hier untergebracht, um den ganzen Reichtum des Hauses unsren Brüdern zu lassen. Wir haben keine andre Berufung, als die Unmöglichkeit, zu entfliehn und anderswo als im Kloster zu leben, da unsre Väter uns nicht mehr in ihren Palästen aufnehmen wollen. Übrigens, als wir diese in den Augen der Vernunft so nichtigen Gelübde abgelegt haben, waren wir alle ein oder mehrere Jahre Pensionärinnen im Kloster gewesen und jede von uns nahm an, den gleichen Grad von Freiheit genießen zu dürfen, den wir damals an den Nonnen sahen. Und ich versichere Ihnen, Herr Vikar des Fürsten, die Türe der Mauer war bis Tagesanbruch offen und alle diese Damen sahen ihre Freunde unbehindert im Garten. Niemand dachte daran, diese Art des Lebens zu tadeln und wir alle glaubten, wenn wir erst Nonnen wären, ebensoviel Freiheit und ein ebenso glückliches Leben zu genießen, wie diejenigen unsrer Schwestern, denen der Geiz unsrer Eltern erlaubt hatte, zu heiraten. (In der ersten Unterhaltung hatte sie ihm ihr Verhältnis zu Roderigo und ihre andern Liebschaften — es waren drei — gestanden.) Es ist wahr, alles ist verändert, seit wir einen Fürsten haben, der fünfundzwanzig Jahre seines Lebens Kardinal war. Herr Vikar, Ihr könnt in dieses Kloster Soldaten oder sogar Dienerschaft, wie Ihr es neulich getan habt, eintreten lassen. Sie werden uns 123Gewalt antun, wie Eure Diener meinen Frauen Gewalt angetan haben, und das aus dem würdigen und einzigen Grund, weil sie die Stärkeren waren. Aber Euer Stolz darf nicht glauben das geringste Recht über uns zu haben. Wir sind mit Gewalt in dieses Kloster gebracht worden, man hat uns Eide und Gelübde im Alter von sechzehn Jahren mit Gewalt abgezwungen und endlich ist auch die langweilige Art des Lebens, der Ihr uns unterwerfen wollt, nicht im geringsten die, welche wir an den Nonnen dieses Klosters sahen, zur Zeit als wir die Gelübde ablegten. Selbst wenn man diese Gelübde als gesetzmäßig anerkennen wollte, haben wir doch höchstens versprochen, so zu leben wie sie, und Ihr wollt uns leben lassen, wie sie niemals gelebt haben. Ich muß Euch gestehen, Herr Vikar, daß ich Wert auf die Achtung meiner Mitbürger lege. In den Zeiten der Republik hätte man diese unwürdige Unterdrückung nie geduldet, die an jungen Mädchen begangen wird, die nie andres Unrecht getan haben, als daß sie in wohlhabenden Familien geboren sind und Brüder haben. Ich habe die Gelegenheit gewünscht, diese Dinge in der Öffentlichkeit oder wenigstens zu einem verständigen Menschen zu sagen. Was die Zahl meiner Frauen betrifft, liegt mir sehr wenig dran. Zwei und nicht fünf oder sieben würden mir reichlich genügen; ich könnte darauf bestehn, sieben zu verlangen, bis man sich die Mühe gegeben hat, den unwürdigen Betrug, dessen Opfer wir sind, abzustellen, wovon ich Ihnen jetzt einiges mitgeteilt habe; doch weil Euer Anzug aus schwarzem Sammet Euch sehr gut steht, Herr Vikar des Fürsten, erkläre ich Euch, daß ich für dies Jahr auf das Recht verzichte, so viele Dienerinnen zu haben, wie ich bezahlen könnte.“
Graf Buondelmonte ward sehr ergötzt durch diese 124Aufständigkeit; er ließ sie andauern, indem er die lächerlichsten Einwände machte, die ihm nur einfallen mochten. Felizia antwortete mit entzückendem Feuer und Geist. Der Graf sah in ihren Augen das ganze Staunen, das dieses junge Mädchen von zwanzig Jahren empfand, als sie solche Albernheiten aus dem Mund eines scheinbar verständigen Mannes hörte.
Der Graf verabschiedete sich von Felizia und ließ die Äbtissin rufen, der er weise Ratschläge gab; er berichtete dem Fürsten, daß die Unruhen im Kloster von Santa Riparata beigelegt wären, erhielt viel Lobsprüche für seine tiefe Weisheit und kehrte endlich auf seine Ländereien zurück. Aber öfters sagte er sich: ‚Es gibt also ein junges Mädchen, das wohl für das schönste Frauenzimmer der Stadt gelten würde, wenn es in der Welt lebte, und das nicht ganz wie eine Puppe urteilt.‘
Doch im Kloster fanden große Ereignisse statt. Nicht alle Nonnen urteilten klar und scharf wie Felizia; aber fast alle jungen langweilten sich tödlich. Ihr einziger Trost war es, Karikaturen zu zeichnen und satirische Sonette auf einen Fürsten zu machen, der fünfundzwanzig Jahre lang Kardinal war und als er auf den Thron gelangte, nichts besseres zu tun wußte, als seine Geliebte nicht mehr zu sehen und sie in ihrer Eigenschaft als Äbtissin zu beauftragen, arme junge Mädchen zu ärgern, die der Geiz ihrer Eltern ins Kloster verstoßen hatte.
Wie wir schon gesagt haben, war die sanfte Rodelinde die vertraute Freundin Felizias. Ihre Freundschaft schien sich zu verdoppeln, seit Felizia ihr gestanden hatte, daß seit ihren Unterhaltungen mit dem Grafen Buondelmonte, diesem ältern Mann, der schon über sechsunddreißig Jahre zählte, ihr Geliebter Roderigo, um es kurz zu sagen, ihr sehr langweilig erschien. 125Felizia hatte sich in diesen ernsten Grafen verliebt; die endlosen Gespräche, die sie mit ihrer Freundin Rodelinde über diesen Gegenstand führte, zogen sich manchmal bis zwei Uhr, drei Uhr des Morgens hin. Nun sollte nach der Ordensregel des heiligen Benedikt, welche die Äbtissin in ihrer ganzen Strenge wieder einführen wollte, sich eine Stunde nach Sonnenuntergang jede Nonne in ihre Gemächer zurückziehn beim Ton einer bestimmten Glocke, welche die Retraite genannt wurde. Die gute Äbtissin, im Wunsche, ein gutes Beispiel zu geben, verfehlte nicht, sich beim Ton der Glocke in ihrem Zimmer einzuschließen und war des frommen Glaubens, daß alle Nonnen ihrem Beispiel folgten. Zu den hübschesten und reichsten dieser Damen gehörten die neunzehnjährige Fabiana, die vielleicht das leichtsinnigste Mädchen des ganzen Klosters war und ihre vertraute Freundin Celia; die eine wie die andre waren sehr in Zorn auf Felizia, welche sie, wie sie sagten, verachtete. Tatsache ist, daß Felizia, seit sie einen so interessanten Unterhaltungsstoff mit Rodelinde hatte, die Anwesenheit der andren Nonnen mit schlecht verhehlter oder vielmehr mit unverhüllter Ungeduld vertrug. Sie war die schönste, sie war die reichste, sie hatte unbestreitbar mehr Geist als die andern. Es hätte nicht einmal so viel gebraucht, um in einem Kloster, wo alles sich langweilte, einen großen Haß zu entzünden. In ihrem großen Leichtsinn erzählte Fabiana der Äbtissin, daß Felizia und Rodelinde manchmal bis zwei Uhr morgens im Garten blieben. Die Äbtissin hatte beim Grafen erwirkt, daß ein Soldat des Fürsten vor der Türe des Gartens, die auf die weite Fläche hinter der Nordmauer führte, Schildwache stand. Sie hatte ungeheure Schlösser an dieser Türe anbringen lassen und jeden Abend brachte 126als Abschluß des Tagewerks der jüngste Gärtner, der ein sechzigjähriger Greis war, den Schlüssel dieser Türe der Äbtissin. Sogleich schickte die Äbtissin eine alte, den Nonnen verhaßte Pförtnerin, um das zweite Schloß der Türe zu schließen. Trotz all dieser Vorsichtsmaßregeln war es ein großes Verbrechen in ihren Augen, bis zwei Uhr morgens im Garten zu bleiben. Sie ließ Felizia rufen und behandelte dieses stolze Mädchen, das jetzt die Erbin der ganzen Familie geworden war, in einer so hochfahrenden Weise, wie sie es sich vielleicht nicht erlaubt hätte, wäre sie nicht der Gunst des Fürsten sicher gewesen. Felizia war umso mehr verletzt durch die Bitterkeit dieser Vorwürfe, als sie ihren Geliebten Roderigo nur ein einziges Mal hatte kommen lassen, seit sie den Grafen kannte; und auch da nur, um sich über ihn lustig zu machen. In ihrer Entrüstung wurde sie beredsam, und wenn die gute Äbtissin sich auch weigerte, ihr die Angeberin zu nennen, gab sie doch Einzelheiten preis, mit deren Hilfe Felizia leicht erraten konnte, daß sie Fabiana diese Unannehmlichkeit verdanke.
Sogleich beschloß Felizia sich zu rächen. Dieser Entschluß gab ihrer von Unglück gestärkten Seele die ganze Kraft zurück.
„Wissen Sie, Mutter“, sagte sie zur Äbtissin, „daß ich einigen Mitleids würdig bin? Ich habe den Frieden der Seele völlig verloren. Nicht ohne tiefe Weisheit hat unser Gründer, der heilige Benedikt, vorgeschrieben, daß niemals ein Mann unter sechzig Jahren in unseren Klöstern eingelassen werden sollte. Der Herr Graf Buondelmonte, der großherzogliche Vertreter für die Verwaltung dieses Klosters, mußte lange Unterredungen mit mir haben, um mich von meinem törichten Einfall 127abzubringen, die Zahl meiner Kammerfrauen zu vermehren. Er besitzt Weisheit, er vereint einen bewundernswürdigen Geist mit einer unendlichen Klugheit. Ich bin mehr als es einer Dienerin Gottes und des heiligen Benedikt geziemt von diesen großen Eigenschaften des Grafen, unsres Statthalters getroffen worden. Der Himmel hat meine große Eitelkeit bestrafen wollen: ich bin sterblich verliebt in den Grafen; auf die Gefahr, meine Freundin Rodelinde zu entrüsten, habe ich ihr diese Leidenschaft gestanden, die ebenso verbrecherisch wie unfreiwillig ist; und weil sie mir Ratschläge gibt und mich tröstet, weil es ihr sogar manchesmal gelingt, mir Kräfte gegen die Versuchung des Bösen zu verleihen, ist sie zuweilen sehr lange bei mir geblieben. Aber immer geschah es auf meinen Wunsch: ich fühlte zu gut, daß ich, sobald Rodelinde mich verlassen haben würde, an den Grafen denken müßte.“