Die Äbtissin verfehlte nicht, eine lange Ermahnung an das verirrte Schaf zu richten und Felizia trug Sorge, Betrachtungen anzustellen, welche diese Sittenpredigt noch verlängerten.
Von nun an wurde die Langweile Felizias und Rodelindes durch den Plan einer Rache verjagt, der ihre ganze Zeit ausfüllte.
„Da Fabiana und Celia sich in hinterlistiger Absicht von der großen Hitze, die herrscht, im Garten erfrischt haben, ist es notwendig, daß die erste Zusammenkunft, die sie ihren Liebhabern gewähren, einen entsetzlichen Skandal verursache, der in dem Geist der ernsten Klosterdamen den auslöscht, welchen meine späten Spaziergänge im Garten verursacht haben. Am Abend des ersten Stelldicheins, das Fabiana und Celia Lorenzo 128und Pierantonio gewähren, müssen sich Roderigo und Lancelotto zuvor hinter den behauenen Steinen, die sich auf dem Platz vor der Türe unsres Gartens befinden, verbergen. Roderigo und Lancelotto sollen nicht die Liebhaber dieser Damen töten, aber sie sollen ihnen fünf oder sechs kleine Stiche mit ihren Degen verabreichen, so daß sie ganz mit Blut bedeckt sind. In diesem Zustand wird ihr Anblick ihre Geliebten beunruhigen, und diese Damen werden an ganz andere Dinge denken, als mit ihnen Liebenswürdigkeiten auszutauschen.“
Das Beste, was den beiden Freundinnen einfiel, um diesen heimtückischen Überfall zu veranstalten, war, daß Livia, die Kammerfrau Rodelindes, bei der Äbtissin um einen Monat Urlaub ansuchen sollte. Dieses sehr geschickte Mädchen wurde mit Briefen für Roderigo und Lancelotto ausgestattet. Sie überbrachte ihnen auch eine Summe Geldes, mit deren Hilfe sie Lorenzo und Pierantonio mit Spionen umgeben sollten.
‚Nun‘, dachte sie, ‚werden die Ereignisse, welche unsre — Rodelindes und meine — Rache herbeiführt, den liebenswürdigen Grafen wieder ins Kloster bringen. So werde ich den Fehler wieder gut machen, der mir unterlief, als ich zu rasch auf die Mädchen verzichtete, die ich in meinen Dienst nehmen wollte. Ich wurde, ohne es zu wissen, durch die Versuchung verführt, einem Manne, der selbst so verständig ist, verständig zu erscheinen. Ich bedachte nicht, daß ich ihm dadurch jede Gelegenheit, wiederzukehren, nahm, um sein Amt als Vikar in unsrem Kloster auszuüben. Daher kommt es, daß ich mich jetzt so sehr langweile. Diese kleine Puppe von einem Roderigo, die mich manchmal belustigte, erscheint mir jetzt vollkommen lächerlich, und durch meine Schuld habe ich 129diesen liebenswürdigen Grafen nicht wiedergesehen. Es ist nun an uns, an Rodelinde und mir, dahin zu wirken, daß unsre Rache eine solche Unordnung herbeiführt, daß seine Anwesenheit im Kloster oft notwendig wird. Unsre arme Äbtissin ist so wenig fähig, etwas geheimzuhalten, daß sie ihn wahrscheinlich auffordert, die Zusammenkünfte mit mir, die ich bei ihm erlangen werde, nach Möglichkeit einzuschränken und in welchem Fall diese ehemalige Geliebte des Großherzogs sich, wie ich nicht zweifle, die Mühe auflädt, diesem so sonderbaren und kalten Mann meine Erklärung zu übermitteln. Das wird eine komische Szene sein, die ihn vielleicht belustigt; denn, wenn ich mich nicht sehr täusche, läßt er sich nicht von allen Dummheiten zum Narren halten, die man uns predigt, um uns zu demütigen; nur hat er noch keine Frau gefunden, die seiner würdig wäre; und ich werde diese Frau sein oder das Leben dabei lassen.‘
Livia kam täglich, um Felizia und Rodelinde über die Vorbereitungen zum Angriff gegen die Geliebten Celias und Fabianas Bericht zu erstatten. Die Vorbereitungen dauerten nicht weniger als sechs Wochen. Es handelte sich darum, die Nacht zu erraten, welche Lorenzo und Pierantonio wählen würden, um ins Kloster zu kommen, und seit dem neuen Regiment, das sich mit viel Strenge ankündigte, verdoppelte sich die Vorsicht bei Unternehmungen dieser Art. Überdies stieß Livia bei Roderigo auf große Schwierigkeiten. Er hatte die Lauheit Felizias wohl bemerkt, und verweigerte schließlich rund heraus, sie an Fabiana und Celia zu rächen, wenn sie nicht einwilligte, ihn mit eigener Stimme zu einer schöneren Zusammenkunft zu bestellen. Aber Felizia, die ganz mit dem Grafen Buondelmonte 130beschäftigt war, wollte niemals darauf eingehen. „Ich begreife wohl,“ schrieb sie ihm in ihrer unvorsichtigen Offenheit, „daß man sich in die Verdammnis stürzt, um ein Glück zu genießen, aber sich zu verdammen, um einen ehemaligen Liebhaber, dessen Herrschaft beendet ist, wiederzusehen, ist etwas, das ich nie begreifen werde. Immerhin könnte ich wohl einwilligen, Euch noch einmal nachts zu empfangen, um Euch Vernunft hören zu lassen, aber es ist ja kein Verbrechen, was ich von Euch verlange. So könnt Ihr nicht übertriebene Forderungen stellen und Bezahlung begehren, als ob man von Euch verlangen würde, einen Unverschämten zu töten. Begeht nicht den Irrtum, den Liebhabern unsrer Feindinnen so ernste Wunden zuzufügen, daß sie verhindert wären, in den Garten zu kommen und all den Damen, die wir Sorge tragen werden, dort zu versammeln, als Schauspiel zu dienen. Ihr würdet dadurch unsrer Rache jeden Reiz nehmen und ich würde in Euch nur einen Leichtsinnigen sehen, der unwürdig ist, mir das geringste Vertrauen einzuflößen. Wißt nur, daß es besonders wegen dieses wesentlichen Fehlers ist, daß Ihr aufgehört habt, meine Freundschaft zu verdienen.“
Diese Nacht der Rache, die mit soviel Sorgfalt vorbereitet war, kam endlich heran. Roderigo und Lancelotto, von mehreren ihrer Leute unterstützt, belauerten während des ganzen Tages die Handlungen Lorenzos und Pierantonios. Durch deren Indiskretion erlangten sie die Gewißheit, daß die beiden in der folgenden Nacht das Ersteigen der Mauer von Santa Riparata versuchen würden. Ein reicher Kaufmann, dessen Haus neben der Wachstube lag, welche die Schildwache vor der Gartentüre der Nonnen beistellte, verheiratete an 131diesem Abend seine Tochter. Lorenzo und Pierantonio, als Domestiken eines reichen Hauses verkleidet, benutzten diesen Umstand, um gegen zehn Uhr abends der Wache ein Fäßchen Wein im Namen ihres Herrn darzubringen. Die Soldaten taten dem Geschmack Ehre an. Die Nacht war sehr dunkel, das Übersteigen der Klostermauer sollte gegen Mitternacht stattfinden; um elf Uhr abends sahen Roderigo und Lancelotto, die nahe der Tür versteckt waren, mit Vergnügen, wie die Schildwache der vorigen Stunde von einem halbbetrunkenen Soldaten abgelöst wurde, der nicht verfehlte, nach einigen Minuten einzuschlafen.
Im Inneren des Klosters hatten Felizia und Rodelinde gesehen, daß ihre Feindinnen Fabiana und Celia sich im Garten unter den nahe der Umfassungsmauer stehenden Bäumen versteckten. Ein wenig vor Mitternacht wagte Felizia, die Äbtissin zu wecken. Sie hatte nicht wenig Mühe, bis zu ihr zu gelangen; sie hatte deren noch mehr, um ihr die Möglichkeit des Vergehens, das sie ihr anzeigte, verständlich zu machen.
Und schließlich, nach einem Zeitverluste von mehr als einer halben Stunde, während deren letzten Minuten Felizia schon fürchtete, für eine Verleumderin gelten zu müssen, erklärte die Äbtissin: wenn selbst die Tatsache wahr sei, dürfte man einem Verbrechen nicht auch noch eine Verletzung der Regel des heiligen Benedikt hinzufügen. Und die Regel verbot ja durchaus, nach Sonnenuntergang den Garten zu betreten. Zum Glück erinnerte sich Felizia, daß man durch das Klosterinnere, ohne einen Fuß in den Garten zu setzen, auf das flache Dach eines kleinen niedrigen Gewächshauses gelangen konnte, das ganz in der Nähe der von der Schildwache bewachten Türe lag. Während Felizia 132damit beschäftigt war, die Äbtissin zu überzeugen, versuchte Rodelinde ihre alte Tante zu wecken, die sehr fromm und Unterpriorin des Klosters war.
Obwohl die Äbtissin sich bis auf die Terrasse der Orangerie mitziehen ließ, war sie weit entfernt davon, alles zu glauben, was Felizia ihr erzählte. Man kann sich nicht vorstellen, wie groß ihr Staunen, ihre Entrüstung, ihre Bestürzung war, als sie, neun oder zehn Fuß tiefer, zwei Nonnen bemerkte, welche sich zu dieser unerlaubten Stunde außerhalb ihrer Gemächer befanden; denn die vollkommen dunkle Nacht erlaubte ihr nicht gleich, Fabiana und Celia zu erkennen.