„Gottlose Mädchen,“ schrie sie mit einer Stimme, die gebieterisch sein sollte, „unvorsichtige Unglückliche! Dient Ihr so der göttlichen Majestät? Bedenkt, daß der große heilige Benedikt, Euer Beschützer, Euch von der Höhe des Himmels betrachtet und schaudert, da er Euch gegen sein Gesetz freveln sieht. Kehrt in Euch ein und, da die Nachtglocke seit langem geläutet hat, eilt in Eure Gemächer zurück und betet, in Erwartung der Buße, die ich Euch morgen früh auferlegen werde.“
Wer könnte die Bestürzung und den Kummer Celias und Fabianas schildern, als sie über ihren Köpfen, und so aus der Nähe die gebietende Stimme der gereizten Äbtissin hörten? Sie hörten auf zu sprechen und verhielten sich unbeweglich, als eine ganz andre Überraschung sowohl sie wie die Äbtissin traf. Diese Damen hörten kaum acht oder zehn Schritt entfernt auf der andern Seite der Tür den heftigen Lärm eines Degengefechts. Bald schlugen Schreie verwundeter Kämpfer herüber; einzelne von Schmerzen entpreßt. Welches Leid empfanden Celia und Fabiana, als sie die Stimmen Lorenzos und Pierantonios erkannten! Sie hatten Nachschlüssel 133zur Gartentür, sie stürzten sich auf die Schlösser, und obgleich die Türe ungeheuer war, hatten sie doch die Kraft, sie in ihren Angeln zu drehen. Celia, welche die stärkere und ältere war, wagte als erste aus dem Garten zu treten. Sie kehrte einige Augenblicke später zurück, ihren Geliebten, Lorenzo, mit ihren Armen stützend, der gefährlich verwundet zu sein schien und sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte. Er ächzte bei jedem Schritt wie ein Sterbender, und wirklich, als er kaum zehn Schritt im Garten getan hatte, fiel er trotz der Anstrengungen Celias zu Boden und verschied alsbald. Celia, alle Vorsicht vergessend, rief ihn mit lauter Stimme an und warf sich schluchzend über seinen Körper, als er nicht mehr antwortete.
All das geschah ungefähr zwanzig Schritt von dem Dach der kleinen Orangerie entfernt. Felizia begriff sehr wohl, daß Lorenzo tot oder sterbend war und es würde schwer sein, ihre Verzweiflung zu schildern. ‚Ich bin die Ursache von all dem,‘ sagte sie sich, ‚Roderigo hat sich hinreißen lassen und wird Lorenzo zu Tode getroffen haben. Er ist von Natur grausam, und seine Eitelkeit verzeiht niemals die Wunden, die man ihr schlägt: in mehreren Maskenzügen wurden die Pferde Lorenzos und die Livreen seiner Leute schöner gefunden als seine eigenen.‘ Felizia stützte die vor Entsetzen fast ohnmächtige Äbtissin.
Einige Augenblicke später kehrte die unglückliche Fabiana, ihren Liebhaber Pierantonio stützend, in den Garten zurück; auch er war von tödlichen Stichen getroffen. Auch er war am Verscheiden, aber inmitten des allgemeinen Schweigens, das diese Szene des Entsetzens um sich gebreitet hatte, hörte man, wie er zu Fabiana sagte: „Es ist Don Cesare, der Malteser. Ich 134habe ihn wohl erkannt; aber wenngleich er mich verwundet hat, trägt auch er meine Zeichen.“
Don Cesare war der Vorgänger Pierantonios bei Fabiana gewesen. Diese junge Nonne schien jede Angst um ihren Ruf verloren zu haben: sie rief mit lauter Stimme die Madonna und ihre Schutzheilige zu Hilfe, sie rief auch ihre Kammerfrau, es kümmerte sie nicht, das ganze Kloster zu wecken; das kam daher, daß sie Pierantonio wirklich liebte. Sie wollte ihn pflegen, sein Blut stillen, seine Wunden verbinden. Diese wahrhafte Leidenschaft erregte das Mitleid vieler Nonnen. Man näherte sich dem Verwundeten, man eilte fort, um Binden zu holen. Er saß unter einem Lorbeerbaum und lehnte sich an ihn. Fabiana lag vor ihm auf den Knien und mühte sich um ihn. Er sprach noch gut und erzählte von neuem, daß es der Malteserritter Don Cesare war, der ihn verwundet hatte, — als er mit einem Male die Arme streckte und verschied.
Celia unterbrach die Verzweiflungsausbrüche Fabianas. Einmal des Todes Pierantonios gewiß, schien sie ihn vergessen zu haben und erinnerte sich nur noch der Gefahr, die sie und ihre teure Fabiana umgab. Diese war ohnmächtig auf dem Leichnam ihres Geliebten zusammengebrochen. Celia richtete sie halb auf und schüttelte sie heftig, um sie wieder zu sich zu bringen.
„Dein Tod und der meine sind gewiß, wenn du dich dieser Schwäche hingibst,“ sagte sie ihr mit leiser Stimme, indem sie den Mund an ihr Ohr preßte, um nicht von der Äbtissin gehört zu werden, die sie wohl unterschied, wie sie, an das Geländer des Daches gelehnt, kaum zehn oder zwölf Fuß über dem Garten stand: „Wach auf,“ sagte sie ihr, „denk an dein Heil 135und an deine Sicherheit! Du wirst viele Jahre in einein dunklen, ekelhaften Loch gefangen sein, wenn du dich jetzt noch länger deinem Schmerz überläßt.“
In diesem Augenblick näherte sich die Äbtissin, welche in den Garten hinabsteigen wollte, auf den Arm Felizias gestützt, den beiden unglücklichen Nonnen.
„Was Euch betrifft, Signora,“ sagte ihr Celia so stolz und fest, daß es selbst der Äbtissin Eindruck machte, „wenn Ihr den Frieden liebt und die Ehre des Klosters Euch teuer ist, so werdet Ihr zu schweigen wissen und nicht aus all dem einen Klatsch beim Großherzog machen. Auch Ihr habt geliebt, man glaubt allgemein, daß Ihr ehrbar gewesen seid und das verleiht Euch eine Überlegenheit über uns; aber wenn Ihr ein Wort von dieser Angelegenheit dem Großherzog sagt, wird sie bald das einzige Gespräch der Stadt bilden und man wird sagen: die Äbtissin von Santa Riparata, die in den früheren Jahren ihres Lebens die Liebe kannte, hat nicht genug Festigkeit, um die Nonnen ihres Klosters zu leiten. Ihr werdet uns verderben, Signora, aber Ihr werdet Euch selbst noch sicherer als uns verderben. Gesteht, Signora,“ sagte sie der Äbtissin, welche Seufzer und verwirrte Ausrufe und leise Schreie des Staunens ausstieß, „daß Ihr selbst in diesem Augenblick nicht wißt, was für Euer Heil und für das des Klosters zu tun ist!“
Und weil die Äbtissin verwirrt und stumm blieb, fügte Celia hinzu: „Vor allem müßt Ihr schweigen und sodann ist das Wichtigste, diese beiden Leichen sogleich von hier weit weg zu bringen, welche unser Verderben bedeuten, unsres und Eures, wenn man sie entdeckt.“