Die arme Äbtissin seufzte tief und war so verstört, 136daß sie nicht einmal zu antworten vermochte. Sie hatte nicht mehr Felizia neben sich, denn diese hatte sich klüglich entfernt, nachdem sie die Vorsteherin zu den beiden unglücklichen Nonnen hingeführt hatte, von denen sie unter keinen Umständen erkannt werden wollte.
„Meine Töchter, tut alles, was Euch notwendig, alles, was Euch passend erscheint,“ sagte endlich die unglückliche Äbtissin mit einer Stimme, die vor Schauder über die Lage, in der sie sich befand, ganz gebrochen war. „Ich werde unsre Schande verhehlen, aber wisset, daß die Augen der göttlichen Gerechtigkeit immer offen sind für unsre Sünden.“
Celia schenkte den Worten der Äbtissin gar keine Aufmerksamkeit.
„Wisset Schweigen zu bewahren, Signora, das ist alles, was man von Euch verlangt,“ wiederholte sie mehrere Male, indem sie sie unterbrach. Dann wandte sie sich an Martona, die Vertraute der Äbtissin, welche eben hinzutrat: „Helft mir, liebe Freundin! Es gilt die Ehre des ganzen Klosters, es gilt die Ehre und das Leben der Äbtissin, denn wenn sie spricht, verdirbt sie nicht nur uns; unsre edlen Familien werden uns nicht ungerächt verkommen lassen.“ Fabiana schluchzte auf den Knien, an einen Olivenbaum gelehnt, und war außerstande, Celia und Martona zu helfen.
„Zieh dich in deine Gemächer zurück“, sagte ihr Celia. „Denk vor allem daran, die Blutspuren, die sich vielleicht an deinen Kleidern finden können, verschwinden zu lassen. In einer Stunde werde ich mit dir weinen.“
Felizia war in Verzweiflung. Obgleich dieses Jahrhundert zu nahe den wahren Gefahren lebte, als daß 137es sich durch eine übermäßige Zartheit hätte auszeichnen können, vermochte sie sich doch nicht zu verhehlen, daß sie es war, die diese ganze Geschichte angezettelt hatte. Auf dem Dache der Orangerie konnte sie nur schlecht verstehen, was Pierantonio sagte, überdies sah sie, daß die Türe ganz offen stand: sie litt Todesangst, daß Roderigos Unvorsichtigkeit und die unbestimmte Hoffnung auf ein Stelldichein ihn dazu verführen könnten, sich zu zeigen; denn seit er nicht mehr geliebt wurde, war er, trotz all seiner natürlichen Leichtfertigkeit, ein leidenschaftlicher Liebhaber geworden.
Die vor Grauen erstarrte Äbtissin war unbeweglich geblieben und widersetzte sich auch den Bitten Felizias, welche sie beschwor, in den Garten hinabzusteigen; aber endlich umschlang Felizia, die durch ihre Gewissensvorwürfe der Tollheit nahe war, mit beiden Armen die Äbtissin, und zwang sie fast mit Gewalt, die sieben oder acht Stufen hinabzusteigen, die von der Dachterrasse der Orangerie in den Garten führten. Felizia beeilte sich, die Äbtissin der Sorge der erstbesten Nonnen, die sie trafen, zu übergeben. Sie eilte zum Tor, zitternd vor Furcht, dort Roderigo zu treffen[1]; sie fand nichts, als das blöde Gesicht der endlich durch so viel Lärm aus tiefer Betrunkenheit erwachten Schildwache, welche, die Flinte in der Hand, diese schwarzen Figuren betrachtete, die sich im Garten bewegten. Felizias Absicht war, die Türe zu schließen, aber sie bemerkte, daß der Soldat sie starr anblickte.
‚Wenn ich das Tor schließe,‘ sagte sie sich, beschwert von ihren Gedanken und fast verletzt davon, daß sie 138sonst niemand sah, ‚wird er sich an mein Gesicht erinnern und wird mich kompromittieren können.‘
Dieser Gedanke gab ihr Klarheit. Sie glitt in einen dunklen Teil des Gartens zurück, und suchte von dort aus zu sehen, wo Rodelinde war; endlich entdeckte sie sie bleich und halbtot an einen Olivenbaum gelehnt, packte sie an der Hand und alle beide liefen in aller Hast in ihre Gemächer zurück.
Celia trug mit Hilfe Martonas zuerst den Leichnam ihres Geliebten und dann den Pierantonios in die Straße der Goldarbeiter, die zehn Minuten Wegs von dem Tor des Gartens entfernt lag. Celia und ihre Gefährtin waren so glücklich, von niemand erkannt zu werden. Durch eine ganz besondere Fügung, ohne die all ihre weise Umsicht vergebens gewesen wäre, hatte sich der Soldat, der Wachposten vor dem Gartentor war, auf einen etwas entfernten Stein gesetzt und schien von neuem zu schlafen. Davon hatte sich Celia zuerst vergewissert, ehe sie es unternahm, die Leichen hinauszuschaffen. Bei der Rückkehr von dem zweiten Gang erschraken aber Celia und ihre Begleiterin heftig. Die Nacht war schon etwas weniger finster geworden, es mochte zwei Uhr des Morgens sein; sie sahen ganz deutlich drei Soldaten vor der Türe des Gartens stehen, und, was noch weit schlimmer war: diese Tür schien geschlossen zu sein.