„Das ist die erste Dummheit unsrer Äbtissin“, sagte Celia zu Martona. „Sie wird sich erinnert haben, daß die Regel des heiligen Benedikt will, daß die Türe des Gartens verschlossen sei. Wir werden zu unsren Eltern flüchten müssen, und bei der Strenge dieses düstren Fürsten, den wir haben, ist es wohl möglich, daß ich bei dieser Sache das Leben lasse. Du, Martona, bist in 139nichts schuldig; du hast auf meinen Befehl geholfen, die Leichen fortzubringen, deren Anwesenheit im Garten das Kloster entehren konnte. Knien wir hinter diesen Steinen nieder.“
Zwei Soldaten kamen an ihnen vorbei und gingen von dem Gartentor in ihre Wachstube zurück. Celia bemerkte zu ihrer Freude, daß sie fast vollständig betrunken waren. Sie unterhielten sich, aber der, welcher auf Wache gewesen war, man konnte ihn an seiner hohen Gestalt leicht erkennen, erzählte seinem Kameraden gar nichts von den Ereignissen dieser Nacht; und tatsächlich sagte er im Prozeß, welcher später geführt wurde, nur aus, daß prächtig gekleidete Bewaffnete sich wenige Schritte von ihm entfernt geschlagen hatten. In der tiefen Dunkelheit hätte er sieben oder acht Mann unterscheiden können; aber er hätte sich wohl gehütet, sich in ihren Streit zu mischen; darauf wären sie alle in den Garten des Klosters eingetreten.
Als die beiden Soldaten vorüber waren, näherten sich Celia und ihre Gefährtin der Türe des Gartens und fanden sie zu ihrer großen Freude nur angelehnt. Diese weise Vorsicht war das Werk Felizias. Als sie die Äbtissin verlassen hatte, um nicht von Celia und Fabiana erkannt zu werden, war sie zu der Gartentür gelaufen, die ganz offen stand[2]. Sie hatte tödliche Angst, daß Roderigo, der ihr in diesem Augenblick Abscheu einflößte, die Gelegenheit ausnützen und in den Garten eintreten könnte, um sie zu sehen. Da sie seine Unvorsichtigkeit und Verwegenheit kannte und befürchtete, daß er sie bloßstellen möchte, um sich wegen des Nachlassens ihrer Gefühle, das ihm nicht unbekannt 140war, zu rächen, hatte sich Felizia bei der Tür am Boden hinter den Bäumen verborgen. Sie hatte alles gehört, was Celia zu der Äbtissin und nachher zu Martona gesagt hatte, und sie war es, welche die Türe des Gartens zugelehnt hatte, als sie wenige Augenblicke, nachdem Celia und Martona den zweiten Leichnam fortgebracht hatten, die Soldaten kommen hörte, die den Wachposten ablösten.
Felizia sah, wie Celia die Türe mit ihrem Nachschlüssel wieder schloß und sich darauf entfernte. Dann erst verließ sie den Garten. „Also das ist diese Rache,“ sagte sie sich, „von der ich mir soviel Vergnügen versprochen hatte.“ Sie verbrachte den Rest der Nacht mit Rodelinde und versuchten die Ereignisse zu enträtseln, die eine so tragische Wendung herbeigeführt haben mochten.
Zum Glück kehrte ihre Kammerfrau schon ganz früh am nächsten Morgen zurück und brachte ihr einen langen Brief Roderigos. Er und Lancelotto hatten sich aus Bravour nicht von bezahlten Mördern helfen lassen wollen, wie es damals in Florenz allgemein üblich war.
Nur sie beide hatten Lorenzo und Pierantonio angegriffen. Der Zweikampf hatte sehr lange gedauert, weil Roderigo und Lancelotto, dem erhaltenen Befehl getreu, sich standhaft zurückgehalten hatten, um ihren Gegnern nur leichte Wunden zuzufügen, und sie hatten ihnen wirklich nur Degenstöße gegen die Arme beigebracht und waren vollkommen sicher, daß sie an diesen Wunden nicht sterben konnten. Aber als sie sich gerade zurückziehen wollten, hatten sie zu ihrem großen Erstaunen einen wütenden Raufbold sich auf Pierantonio stürzen gesehen. An den Schreien, die er beim Angriff ausstieß, hatten sie deutlich den Malteserritter Don Cesare erkannt. Als sie sich nun zu dritt gegen 141zwei noch dazu verwundete Männer sahen, beeilten sie sich, zu fliehen und am nächsten Morgen gab es großes Staunen in Florenz, als man die Leichen dieser beiden jungen Männer entdeckte, welche unter der reichen und eleganten Jugend der Stadt den ersten Rang einnahmen. Dieser Rang bewirkte, daß man von ihrem Ende Notiz nahm, denn unter der lockeren Herrschaft Francesco, auf welchen der strenge Ferdinand gefolgt war, hatte Toskana einer Provinz Spaniens geglichen und man zählte jedes Jahr mehr als hundert Morde in der Stadt. Die Erörterungen, welche die vornehme Gesellschaft bewegten, der Lorenzo und Pierantonio angehört hatten, drehten sich um die Frage, ob sie einander im Zweikampf erschlagen hätten oder als Opfer irgendeiner Rache gefallen seien.
Am Morgen nach diesem großen Ereignis war alles im Kloster ruhig. Die große Mehrzahl der Nonnen hatte keine Ahnung von dem, was vorgefallen war. Seit Tagesanbruch und noch bevor die Gärtner kamen, hatte Martona die Erde an den Stellen, wo sie mit Blut befleckt war, umgegraben, um die Spuren von dem, was geschehen war, zu zerstören. Dieses Mädchen, das selbst einen Liebhaber hatte, führte mit viel Intelligenz und besonders ohne irgend etwas der Äbtissin zu sagen die Befehle Celias aus. Die machte ihr ein hübsches Diamantkreuz zum Geschenk. Martona, welche ein sehr einfaches Mädchen war, bedankte sich dafür und sagte:
„Es gibt eine Sache, die ich allen Diamanten der Welt vorziehen würde. Seit diese neue Äbtissin ins Kloster gekommen ist, habe ich, obgleich ich mich, um ihre Gunst zu erlangen, zu jedem Dienst erniedrigt habe, niemals von ihr erreichen können, daß sie mir auch nur die kleinste Erleichterung gewährt hätte, um Giuliano 142R**, der mein Freund ist, zu sehen. Diese Äbtissin wird unser aller Unglück sein. Schließlich sind es schon mehr als vier Monate, seit ich Giuliano gesehen habe, und es wird damit enden, daß er mich vergißt. Die vertraute Freundin der gnädigen Signora Fabiana gehört doch zu den acht Schwestern-Pförtnerinnen; ein Dienst verlangt den andern. Könnte Signora Fabiana nicht eines Tages, wenn sie Wache an der Türe haben wird, mir erlauben, fortzugehen, um Giuliano zu sehen oder ihm erlauben, zu kommen?“
„Ich werde mein möglichstes tun,“ sagte Celia, „aber die große Schwierigkeit, die Fabiana mir einwerfen wird, ist, daß die Äbtissin Eure Abwesenheit bemerken wird. Ihr habt sie zu sehr daran gewöhnt, Euch unaufhörlich in der Nähe zu haben. Versucht, Euch hie und da zu entfernen. Ich bin sicher, wenn Ihr Euch an jede andere angeschlossen hättet als an die Frau Äbtissin, würde es Fabiana gar keine Schwierigkeit machen, Euren Wunsch zu erfüllen.“
Nicht ohne Plan sprach Celia so.