„Du verbringst dein Leben damit, deinen Geliebten zu beweinen“, sagte sie zu Fabiana, „und denkst nicht an die entsetzliche Gefahr, die uns droht. Unsere Äbtissin ist so unfähig zu schweigen, daß früher oder später das, was geschehen ist, unsrem strengen Großherzog zur Kenntnis kommen wird. Er hat die Ideen eines Mannes, der fünfundzwanzig Jahre Kardinal war, auf den Thron mitgebracht. Unser Verbrechen ist eins der größten, das man in den Augen der Religion begehen kann; mit einem Wort: das Leben der Äbtissin ist unser Tod.“

„Was willst du sagen?“ fragte Fabiana, sich die Tränen trocknend.

143„Ich will sagen, daß du von deiner Freundin, Vittoria Ammanati ein wenig von dem berühmten Gift von Perugia erlangen mußt, daß ihre Mutter, die ja selbst von ihrem Gatten vergiftet worden ist, ihr sterbend gab. Ihre Krankheit hatte mehrere Monate gedauert und wenige hatten an Gift geglaubt; genau so wird es bei unsrer Äbtissin sein.“

„Dein Gedanke entsetzt mich,“ rief die sanfte Fabiana.

„Ich zweifle nicht an deinem Entsetzen, und ich würde es teilen, wenn ich mir nicht sagte: das Leben der Äbtissin ist der Tod Fabianas und Celias. Bedenke doch: sie ist vollkommen unfähig, zu schweigen; ein Wort von ihr genügt, um den Kardinal-Großherzog zu überzeugen, der nichts so verabscheut wie jene Verbrechen, die durch die alte Freiheit, die in unsern armen Klöstern herrschte, verursacht wurden. Deine Cousine steht in nahen Beziehungen zu Martona, die einem Zweig ihrer Familie angehört, der durch den Zusammenbruch von 1584 ruiniert wurde. Martona ist sterblich verliebt in einen schönen Seidenweber, namens Giuliano: es ist notwendig, daß deine Cousine ihr als ein Schlafmittel, geeignet, die unbequeme Aufmerksamkeit der Äbtissin zu beseitigen, dieses Gift aus Perugia gibt, das den Tod in sechs Monaten herbeiführt.“

Als Graf Buondelmonte wieder Gelegenheit fand, bei Hof zu erscheinen, beglückwünschte ihn Großherzog Ferdinand zu der mustergültigen Ruhe, die in dem Kloster von Sante Riparata herrschte. Dieser Ausspruch des Fürsten veranlaßte den Grafen, sich sein Werk anzusehen. Man kann sich sein Erstaunen vorstellen, als die Äbtissin ihm von dem Doppelmord erzählte, dessen Ende sie mit angesehen hatte. Der Graf 144merkte wohl, daß die Äbtissin Virgilia ganz unfähig war, ihm die geringste Auskunft über den Grund dieses Doppelverbrechens zu geben. ‚Außer Felizia‘, sagte er sich, ‚mit ihrem klaren Kopf, dessen Logik mich vor sechs Monaten bei meinem ersten Besuch so in Verlegenheit brachte, gibt es hier niemand, der mir Aufschluß über die fragliche Angelegenheit geben könnte. Aber wird sie sprechen wollen, eingenommen wie sie ist gegen die Ungerechtigkeit der Gesellschaft und der Familien in der Frage der Nonnen?‘

Die Ankunft des großherzoglichen Vertreters im Kloster hatte Felizia mit maßloser Freude erfüllt. Endlich sah sie diesen unvergleichlichen Mann wieder, der die einzige Ursache all ihrer Handlungen seit sechs Monaten war! Durch eine entgegengesetzte Wirkung hatte die Ankunft des Grafen Celia und ihre Freundin, die junge Fabiana, in den tiefsten Schrecken versetzt.

„Deine Bedenken werden uns zugrunde gerichtet haben,“ sagte Celia zu Fabiana. „Die Äbtissin ist zu schwach, als daß sie nicht gesprochen haben sollte. Und jetzt ist unser Leben in den Händen des Grafen. Zwei Auswege bleiben uns: die Flucht ergreifen! Aber wovon werden wir leben? Der Geiz unsrer Väter wird den Verdacht des Verbrechens, der über uns schwebt, als Ausflucht benutzen, um uns das Brot zu verweigern. Ehemals, als Toskana nur eine Provinz Spaniens war, konnten sich die unglücklichen verfolgten Toskaner nach Frankreich flüchten. Aber der Großherzog-Kardinal will das spanische Joch abwerfen. Unmöglich für uns, eine Zuflucht zu finden; dahin haben uns deine kindischen Bedenken geführt, meine arme Freundin. Wir werden deshalb nicht weniger genötigt sein, das Verbrechen zu begehen, denn Martona und die Äbtissin 145sind die einzigen gefährlichen Zeugen dessen, was in jener verhängnisvollen Nacht geschehen ist. Die Tante Rodelindes wird nichts sagen; sie wird nicht die Ehre ihrer Verwandten, die ihr so teuer ist, bloßstellen wollen. Martona, die das angebliche Schlafmittel der Äbtissin verabreicht hat, wird sich wohl hüten, zu sprechen, sobald wir ihr gesagt haben, daß dieses Schlafmittel ein Gift war. Außerdem ist sie ein gutes Mädchen und leidenschaftlich in ihren Giuliano verliebt.“

Es währte zu lang, wollte man die geistvolle Unterhaltung wiedergeben, die Felizia mit dem Grafen führte. Ihr war immer der Fehler gegenwärtig, den sie begangen hatte, als sie zu schnell in der Angelegenheit der beiden Kammerfrauen nachgab. Die Folge dieses Übermaßes von Gutherzigkeit war, daß der Graf sechs Monate hatte verstreichen lassen, ohne im Kloster zu erscheinen. Felizia gab sich das Versprechen, nicht wieder in den gleichen Irrtum zu verfallen. Der Graf hatte sie mit allergrößter Artigkeit bitten lassen, ihm eine Unterredung im Sprechzimmer zu gewähren. Diese Einladung brachte Felizia außer sich. Es war nötig, daß sie sich erinnerte, was sie ihrer Würde als Frau schuldig sei, um die Unterredung auf den nächsten Tag zu verschieben. Aber als sie in dieses Sprechzimmer eintrat, wo der Graf allein war, fühlte sich Felizia von einer ihr ganz fremden Schüchternheit ergriffen, obwohl sie durch ein Gitter ungeheurer Eisenstäbe von ihm getrennt war. Ihr Erstaunen war außerordentlich; sie bereute den Einfall tief, der ihr einstmals so geschickt und gefällig erschienen war. Wir sprechen von dem Geständnis ihrer Leidenschaft für den Grafen, das sie damals der Äbtissin gemacht hatte, damit diese es 146dem Grafen wiedererzähle. Damals war sie weit davon entfernt, ihn so zu lieben wie jetzt. Es war ihr vergnüglich erschienen, das Herz des ernsten Vertreters anzugreifen, den der Herzog dem Kloster gegeben hatte. Jetzt waren ihre Gefühle ganz anders. Ihm zu gefallen, war notwendig für ihr Glück; wenn ihr dies nicht gelänge, würde sie unglücklich sein, und wie würde ein so ernster Mann die seltsame Eröffnung aufnehmen, die ihm die Äbtissin machen würde? Es könnte leicht geschehen, daß er sie indezent fände, und dieser Gedanke war eine Marter für Felizia. Es war nötig zu sprechen. Der Graf saß ernst vor ihr und sagte ihr Höflichkeiten über ihren starken Geist. „Hat es ihm die Äbtissin schon erzählt?“ Die ganze Aufmerksamkeit der jungen Nonne vereinigte sich auf diese große Frage. Zu ihrem Glück glaubte sie zu erkennen, was in der Tat die Wahrheit war: daß die Äbtissin, vom Anblick der beiden Leichen jener verhängnisvollen Nacht noch ganz entsetzt, eine so nichtige Einzelheit wie die törichte Liebe der jungen Nonne ganz vergessen hatte.

Der Graf bemerkte die außerordentliche Verwirrung dieses schönen Mädchens sehr wohl und wußte nicht, wem er sie zuschreiben sollte. ‚Wäre sie schuldig?‘ sagte er sich. Diese Idee beunruhigte ihn, den so Vernünftigen. Dieser Verdacht bewog ihn, den Antworten der jungen Nonne außerordentliche und ernste Aufmerksamkeit zu schenken. Das war eine Ehre, die er schon seit langem nicht den Worten einer Frau erwiesen hatte. Er bewunderte Felizias Geschick. Sie traf die Kunst, in einer für den Grafen schmeichelhaften Weise auf alles zu antworten, was er über den verhängnisvollen Kampf an der Türe des Klosters sagte, aber sie hütete sich wohl, ihm entscheidende Antworten 147zu geben. Nach einer Unterhaltung, die anderthalb Stunden gewährt hatte, während deren der Graf sich nicht einen Augenblick langweilte, beurlaubte er sich von der jungen Nonne und bat sie mit Wärme, ihm in einigen Tagen noch eine Unterredung zu gewähren. Dies Wort erfüllte Felizias Herz mit himmlischer Seligkeit.