Der Graf ging sehr nachdenklich aus der Abtei von Santa Riparata. ‚Es wäre ohne Zweifel meine Pflicht,‘ sagte er sich, ‚dem Fürsten von den seltsamen Dingen, die ich erfahren habe, in Kenntnis zu setzen. Der ganze Staat hat sich mit dem Tod dieser beiden bedauernswerten, so reichen und glänzenden jungen Leute beschäftigt. Andrerseits hat uns der Fürst-Kardinal jetzt einen so schrecklichen Bischof gegeben, daß man die ganzen Greuel der spanischen Inquisition auf das unglückliche Kloster hetzen würde, wenn man auch nur ein Wort verlauten ließe von dem, was geschehen ist. Es wäre nicht nur eines dieser armen jungen Mädchen, das dieser fürchterliche Bischof umbringen lassen würde, sondern vielleicht fünf oder sechs; und wer wäre an ihrem Tode schuldig, wenn nicht ich, der nur einen ganz kleinen Vertrauensmißbrauch zu begehen hat, damit nichts geschieht? Wenn der Fürst erfährt, was vorgefallen ist und mir Vorwürfe macht, werde ich ihm sagen: Euer entsetzlicher Bischof hat mir Angst eingeflößt.‘
Der Graf wagte nicht, sich alle die Gründe, die ihn zum Schweigen brachten, genau einzugestehen. Er war unsicher, ob nicht die schöne Felizia schuldig war, und sein ganzes Wesen wurde von Schreck gepackt bei der Vorstellung, das Leben eines armen, von ihren Eltern und von der Gesellschaft so grausam behandelten 148jungen Mädchens in Gefahr bringen. ‚Sie würde die Zierde von Florenz sein,‘ sagte er sich, ‚wenn man sie verheiratet hätte.‘
Der Graf hatte die vornehmsten Herrn und die reichsten Kaufleute von Florenz zu einer prächtigen Jagdpartie in den zur Hälfte ihm gehörenden Maremmen von Siena eingeladen. Er entschuldigte sich bei ihnen; die Jagd fand ohne ihn statt, und Felizia war sehr erstaunt, als sie schon am übernächsten Morgen nach ihrer ersten Unterhaltung die Pferde des Grafen im äußeren Klosterhof stampfen hörte. Als der Vertreter des Großherzogs den Entschluß gefaßt hatte, dem Fürsten nichts von dem mitzuteilen, was geschehen war, hatte er gleichwohl gefühlt, daß er die Verpflichtung auf sich nehmen müsse, in Zukunft über die Ruhe des Klosters zu wachen. Nun war es, um das zu erreichen, vor allem zu wissen nötig, welchen Anteil die beiden Nonnen, deren Liebhaber ermordet worden waren, an ihrem Tod gehabt hatten. Nach einer langen Unterredung mit der Äbtissin ließ der Graf acht oder zehn Nonnen rufen, unter denen sich auch Fabiana und Celia befanden. Er fand zu seinem großen Erstaunen, was auch die Äbtissin ihm gesagt hatte, daß acht von diesen Nonnen gar nichts von den Vorgängen jener verhängnisvollen Nacht wußten. Der Graf stellte an keine direkte Fragen, außer an Celia und an Fabiana: sie leugneten, Celia mit der ganzen Festigkeit einer Seele, die über alles Unglück erhaben ist, die junge Fabiana wie ein armes Mädchen in Verzweiflung darüber, daß man es in barbarischer Weise an die Quelle aller seiner Schmerzen erinnert. Sie war entsetzlich abgemagert und hatte das Aussehen einer Schwindsüchtigen; sie konnte sich über den Tod des jungen Lorenzo B** nicht trösten. ‚Ich bin es, die ihn getötet 149hat,‘ sagte sie Celia in den langen Gesprächen, die sie mit ihr führte; ‚ich hätte die Eigenliebe des wilden Don Cesare, seines Vorgängers, besser schonen müssen, als ich mit ihm brach.‘
Kaum in das Sprechzimmer eingetreten, bemerkte Felizia, daß die Äbtissin die Schwäche gehabt hatte, dem Stellvertreter des Großherzogs von ihrer Liebe zu ihm zu sprechen; die Haltung des gelassenen Buondelmonte war dadurch ganz verändert. Das war zuerst ein Anlaß des Errötens und der Verlegenheit für Felizia. Ohne es zu wollen, war sie entzückend, während der langen Unterredung, die sie mit dem Grafen hatte; aber sie gestand nichts. Die Äbtissin wußte nichts genaues über das, was sie gesehen und allem Anschein nach falsch gesehen hatte. Celia und Fabiana gestanden nichts. Der Graf war sehr verlegen. ‚Wenn ich die Kammerfrauen und die Dienerinnen verhöre, heißt das, dem Bischof in dieser Sache Zutritt verschaffen. Sie werden zu ihrem Beichtvater davon sprechen und dann haben wir die Inquisition im Kloster.‘
Der Graf war sehr beunruhigt und kam alle Tage nach Santa Riparata. Er hatte sich entschlossen, alle Nonnen zu verhören, dann alle Hofkammerfrauen und endlich das ganze Gesinde. Er deckte die Wahrheit über einen vor drei Jahren verübten Kindesmord auf, dessen Anzeige ihm der Offizial des geistlichen Gerichtshofs, dessen Präsident der Bischof war, übermittelt hatte. Doch zu seinem großen Erstaunen sah er, daß die Geschichte der beiden jungen Leute, die sterbend den Garten der Abtei betreten hatten, nur der Äbtissin, Celia, Fabiana, Felizia und ihrer Freundin Rodelinde bekannt war. Die Tante dieser Letzteren wußte sich so gut zu verstellen, daß sie dem Argwohn entschlüpfte. Der 150Schrecken, den der neue Bischof Monsignore einflößte, war derart groß, daß, mit Ausnahme der Äbtissin und Felizias, die offensichtlich lügenhaften Aussagen aller andren Nonnen immer in den gleichen Worten gegeben wurden. Der Graf hatte zum Schluß jeder seiner Sitzungen im Kloster eine lange Unterhaltung mit Felizia, welche sie glücklich machte; aber um sie zu verlängern, befleißigte sie sich, den Grafen jeden Tag nur einen ganz kleinen Teil von dem mitzuteilen, was sie über den Tod der beiden jungen Edelleute wußte. Im Gegensatz dazu war sie von äußerstem Freimut in den Dingen, die sie persönlich betrafen. Sie hatte drei Liebhaber gehabt; sie erzählte dem Grafen, der fast ihr Freund geworden war, die ganze Geschichte dieser Liebschaften. Die völlige Offenheit dieses schönen und geistvollen Mädchens fesselte den Grafen, dem es nicht schwer fiel, sie mit äußerster Aufrichtigkeit zu beantworten.
„Ich kann Euch nicht mit so interessanten Geschichten, wie Eure es sind, erwidern,“ sagte er Felizia, „und ich weiß nicht, ob ich es wagen soll, Euch zu sagen, daß mir alle Eures Geschlechts, die ich in der Welt getroffen habe, stets mehr Verachtung für ihren Geist, als Bewunderung für ihre Schönheit eingeflößt haben.“
Die häufigen Besuche des Grafen hatten Celia die Ruhe genommen. Fabiana, mehr und mehr von ihrem Schmerz benommen, hatte aufgehört, den Ratschlägen ihrer Freundin ihre Abwehr entgegenzusetzen. Als die Reihe an sie kam, die Tür des Klosters zu bewachen, öffnete sie, wandte den Kopf, und der junge Seidenweber Giuliano, Martonas Freund, konnte ins Kloster eintreten. Er verbrachte dort volle acht Tage, bis Fabiana von neuem Dienst hatte und die Türe offen lassen 151konnte. Es scheint, daß Martona gegen Ende des langen Aufenthalts ihres Geliebten, gerührt von Giulianos Klagen, der sich allein in ihrem Zimmer eingeschlossen tödlich langweilte, der Äbtissin, welche sie Tag und Nacht um sich haben wollte, die einschläfernde Essenz verabreichte.
Als Giulia, eine sehr fromme junge Nonne, eines Abends durch die großen Schlafräume ging, hörte sie in Martonas Zimmer sprechen. Sie näherte sich leise, blickte durch das Schlüsselloch und sah einen schönen jungen Mann unter Scherzen mit Martona zur Nacht speisen. Giulia tat einige Schläge gegen die Türe; als ihr aber einfiel, daß Martona sehr wohl öffnen, sie mit diesem jungen Mann einschließen und sie, Giulia, der Äbtissin anzeigen könnte, wurde sie von großer Bestürzung erfaßt, denn Martona verbrachte ihr ganzes Leben mit der Äbtissin und man würde ihr gewiß glauben. In ihrer Einbildung sah sie sich schon in diesem einsamen und dunklen Korridor, wo noch keine Lampen angezündet waren, von Martona verfolgt, die sehr viel stärker war als sie selbst. Giulia ergriff ganz bestürzt die Flucht, aber sie hörte noch Martona die Türe öffnen und bildete sich ein, von ihr erkannt worden zu sein; so lief sie zur Äbtissin, um ihr alles zu sagen und diese eilte in furchtbarer Entrüstung auf Martonas Zimmer, wo sie jedoch Giuliano nicht mehr vorfand, der sich in den Garten geflüchtet hatte. Aber in der gleichen Nacht, da die Äbtissin aus Vorsicht und im Interesse von Martonas Ruf, diese zu sich nahm und ihr ankündigte, daß sie, damit die Bosheit nicht wieder einen Mann dahinter vermuten könne, am nächsten Morgen in Begleitung des Beichtvaters, an die Türe ihrer Zelle Siegel anlegen werde, mischte Martona, die in diesem Augenblick damit beschäftig 152war, der Äbtissin das aus einer Schokolade bestehende Nachtmahl, zu bereiten, eine ungeheure Menge des vorgeblichen Schlafpulvers hinein.
Am nächsten Morgen befand sich die Äbtissin Virgilia in einem so seltsamen Zustand nervöser Erregung und fand, als sie in den Spiegel sah, ihr Gesicht so verändert, daß sie dachte, sie würde sterben. Die erste Wirkung des Giftes von Perugia ist, daß es die Personen, die davon genossen, fast verrückt macht. Virgilia erinnerte sich, daß eines der Vorrechte der Äbtissinnen des adligen Klosters von Santa Riparata war, in ihren letzten Augenblicken den Beistand Seiner bischöflichen Gnaden zu genießen. Sie schrieb dem Prälaten, der bald im Kloster erschien. Sie erzählte ihm nicht nur von ihrer Krankheit, sondern auch von der Geschichte der beiden Leichen. Der Bischof tadelte streng, daß sie ihm von einem so eigentümlichen und so verbrecherischen Vorfall nicht Kenntnis gegeben habe. Die Äbtissin antwortete, daß der Stellvertreter des Herzogs, der Graf Buondelmonte, ihr nachdrücklich geraten hätte, den Skandal zu vermeiden.
„Und wie kann dieser Weltliche die Kühnheit haben, die genaue Erfüllung Eurer Pflichten Skandal zu nennen?“