Da erinnerte er sich an eine Einzelheit: die Nonnen des Klosters trugen unter ihrem Schleier ein Kleid aus grüner Seide, welches eng anliegend am Körper und gerade nur unter die Knie reichend, wenig von dem glänzenden Kostüm der Waffenherolde abwich, die bei den großen Zeremonien vor dem Fürsten einherschritten. 155‚Es wird genügen,‘ sagte sich der Graf, ‚daß Felizia ihren Schleier über dem Kopf zusammenrafft und ihn wie ein Barett faltet; wenn sie dann ihr langes fließendes Gewand wie einen Mantel um die Schultern wirft, wird sie ganz das Ansehen eines großherzoglichen Herolds haben. Man hat mir erzählt, daß eine Nonne in solcher Verkleidung ausging, um ihren Geliebten zu besuchen. Felizia wird ebenfalls keine Schwierigkeit haben, besonders weil sie von mir begleitet ist und die Wache wird ihr die Ehrenbezeugung erweisen.‘
Er ließ sofort Felizia rufen und teilte ihr seinen Plan mit. Sie antwortete ihm, daß sie ihr Leben in seine Hände gäbe: „Wisset,“ sagte sie, „daß es weniger Glück für mich ist, es zu behalten, als es Euch zu verdanken und zu wissen, daß Ihr Euch die Mühe genommen habt, für mich zu sorgen.“ Ein feuriger Blick, der diese Worte begleitete, verriet die Gefühle dieses leidenschaftlichen Mädchens. Es war nicht Zeit für langes Reden. Felizia beeilte sich, den Anweisungen des Grafen zu folgen, und als sie passend verkleidet war, begab sie sich auf dem gleichen Weg zur Terrasse der Orangerie, wie in der Nacht, als Lorenzo und Pierantonio getötet wurden. Sie stieg in den Garten, wohin der Graf ihr vorausgegangen war und fand ihn nahe der Tür, die auf die weite Ebene hinter den Stadtmauern führte. Man hatte grade die Wache abgelöst und dieser Umstand begünstigte noch die Flucht, denn die vorige Wache hätte sich wundern können, einen Waffenherold, den sie nicht eingelassen hatte, aus dem Kloster fortgehen zu sehn. Der Graf und Felizia befanden sich in der Straße der Goldarbeiter, dort führte er sie zu einem Mann, der ihm sehr ergeben war, weil er ihn einstens vor den Galeeren 156gerettet hatte. Sie wechselte ihre Kleider, nahm die der Tochter ihres Wirts und ritt gegen Mitternacht, von zwei Dienern des Grafen begleitet, zu einem seiner Pächter, der sie bis an die Grenzen Bolognas begleiten sollte, wo die Buondelmonte Freunde hatten. Dort befand sie sich endlich in Sicherheit.
Dann bemühte sich Graf [Buondelonte], auch die sanfte Rodelinde zu retten, und es fiel ihm nicht zu schwer, weil er sich Celias Nachschlüssel bedienen konnte, die man ihr weggenommen hatte.
Schon am nächsten Morgen kehrte der Bischof ins Kloster zurück und führte, wie der Graf vorher geahnt hatte, die ganzen Schrecken der Inquisition mit sich. Er leitete den Prozeß gegen die Nonnen in den strengsten Formen ein. Dieses Verfahren dauerte nicht lange und der Prälat lud die schuldigen Schwestern in dem Saal vor sich, wo gewöhnlich die Wahl der Äbtissin stattfand. Der Spruch wurde verkündet: Celia und Fabiana wurden verurteilt, durch Gift zu sterben; andre, der Nonnenkleider verlustig zu gehen und bis ans Ende ihrer Tage in ein Gefängnis geworfen zu werden, und die endlich, die am wenigsten schuldig gefunden wurden, sollten eine Gefangenschaft von zehn Jahren erdulden.
Kaum war diese Vorlesung beendet, als eine der zu lebenslänglichem Kerker verurteilten Nonnen zum Fenster lief, es öffnete und sich in den Garten stürzte; eine andre durchstieß sich die Brust mit einem Dolch. Schreckliche Schreie ertönten und verbreiteten Entsetzen im ganzen Kloster.
Der Bischof hatte sich zurückgezogen, als die Ruhe wiederhergestellt war, und der Geistliche, dem er seine Macht übertragen hatte, schritt an den schmerzlichsten 157Teil seiner Aufgabe, jenen, der Celia und Fabiana betraf. Er machte ihnen in rauhester Weise Vorstellungen über den Ernst der Unruhen, die sie veranlaßt hatten und schloß, indem er ihnen sagte, sie müßten dieses Leben verlassen, um den Zorn des Himmels zu besänftigen.
„Aber“, fügte er hinzu, „Eure Vorgesetzten und Eure Richter, welche den Adel Eurer Familien und die Würde dieses Orts in Betracht gezogen haben, wollten Euch von der vollen Strenge der geistlichen [Diszipin] befreien und Euch die Schande eines öffentlichen Urteilsvollzugs ersparen; sie haben also, nach den Grundsätzen der Barmherzigkeit Jesu Christi, beschlossen, Euch Eure Tage in der Umfassung dieses geweihten Orts beenden zu lassen — und durch den Schierlingstrank.“
Während dieser Rede sah ihn Celia starr mit verächtlicher Ruhe an. Als er aufgehört hatte, zu sprechen, fragte sie ihn kurz, wo der Giftbecher sei. „Priester eines Gottes der Barmherzigkeit,“ antwortete er, „habe ich nur das Urteil über die Schuldigen zu sprechen: die Ausführung ist den Laienbrüdern anvertraut, wendet Euch an diese.“
Ein Leibwächter des Geistlichen brachte zwei mit diesem Gift gefüllte Becher, er reichte sie Celia, die einen davon nahm und zu Fabiana sagte: „Bringen wir diese Todesblume diesem Hanswurst der Seelen“ — und sie schlang es hinunter bis auf den letzten Tropfen. Die schwächere Fabiana gab sich Tränen und Klagen hin; Celia machte ihr Vorwürfe über ihre Anhänglichkeit an ein so unglückliches Leben und über ihre Feigheit, die, wie sie sagte, der dieser Männer gleichkam, die sich nicht schämten, von aller Welt verlassene Frauen zu ermorden.[“] Endlich trocknete Fabiana ihre Tränen, faßte 158sich wie im Augenblick einer großen Krise und würgte das Gebräu hinunter; es Tropfen für Tropfen schlürfend.
Indessen trugen Livia und eine andre Dienerin den leblosen Körper der Nonne vom Garten herein, die sich aus dem Fenster gestürzt hatte. Als Celia sie bemerkte, entschlüpften ihr die Worte: „Wie ist sie glücklich, nicht mehr zu leben!“ Dann sprach sie den beiden Dienerinnen ihren Dank für die Ergebenheit aus, die sie ihr gezeigt hatten; sie gab Livia einen Diamantring, den sie am Finger trug, zum Geschenk, und forderte sie auf, den Erlös mit ihrer Gefährtin zu teilen.