Aber der abgesandte Bote wurde vor der Stadt angehalten und sorgfältig untersucht; man fand den Brief, den Fürst Luigi gezeigt hatte und einen zweiten, in den Schuhen des Kuriers versteckten; er hatte folgenden Wortlaut:
„Dem Herrn Virginio Orsini
Sehr illustrer Herr,
Wir haben zur Ausführung gebracht, was zwischen uns vereinbart wurde, und auf solche Art, daß wir den sehr illustren Tondini (scheinbar der Name des Vorsitzenden der Corte, der den Fürsten einvernommen hatte) gefoppt haben, und zwar so gut, daß man mich hier für den untadeligsten Menschen von der Welt hält. Ich habe die Sache persönlich gemacht, versäumt daher nicht, sofort die Leute zu schicken, von denen Ihr wißt.“
Der Brief machte Eindruck auf die Behörden; sie beeilten sich, ihn nach Venedig zu schicken; auf ihren Befehl wurden die Tore der Stadt geschlossen und die Mauern Tag und Nacht mit Soldaten besetzt. Man veröffentlichte einen Erlaß, der jedem die strengsten Strafen androhte, welcher die Mörder kenne und das was er wisse, nicht der Behörde anzeige.
188Diejenigen der Mörder, welche gegen einen der ihren Zeugnis ablegten, sollten nicht bestraft werden, man würde ihnen sogar eine Summe Geldes auszahlen. Aber um die siebente Stunde nach dem Ave Maria des Weihnachtsabends (am vierundzwanzigsten Dezember gegen Mitternacht) langte Aloisio Bragadino von Venedig mit weitgehender Vollmacht von Seiten des Senats an und mit dem Befehl, den Fürsten Luigi und sein Gefolge lebend oder tot, was es auch kosten möge, zu verhaften.
Der Signor Avogador Bragadino, die Hauptleute und der Bürgermeister vereinigten sich in der Festung.
Unter Androhung des Galgens wurde befohlen, daß die ganze Mannschaft, Fußtruppen und Berittene, gut bewaffnet das Haus des Fürsten Luigi einschließen solle, das anstoßend an die Kirche Sant Agostino nahe der Festung auf der Arena lag.
Als es Tag geworden war, es war der Weihnachtstag, wurde ein Edikt in der Stadt veröffentlicht, welches die Söhne San Marcos aufforderte, bewaffnet zum Hause des Signor Luigi zu eilen; die keine Waffen besaßen, sollten zur Festung kommen, wo man ihnen so viele geben würde, als sie wollten; dieses Edikt versprach eine Belohnung von zweitausend Dukaten demjenigen, der den Signor Luigi lebend oder tot der Corte einlieferte und fünfhundert Dukaten für jeden seiner Leute. Außerdem wurde ein Befehl erlassen, niemand dürfe sich waffenlos dem Hause des Fürsten nähern, damit er denen, die sich schlagen wollten, nicht im Wege sei, falls der Fürst es für günstig hielte, einen Ausfall zu versuchen.
Zu gleicher Zeit brachte man Wallbüchsen, Mörser und schwere Artillerie auf die alten Mauern, dem Hause des Fürsten gegenüber; ebenfalls auf die neuen Mauern, 189von denen man die Rückseite dieses Hauses erblickte. Auf dieser Seite hatte man auch die Reiterei so aufgestellt, daß sie Bewegungsfreiheit hatte, falls man ihrer bedurfte. Längs der Ufer der Brenta war man damit beschäftigt, Bänke, Schränke, Wagen und andre Gegenstände, die sich zur Deckung eigneten, aufzuhäufen. Man wollte auf diese Weise Unternehmungen der Belagerten erschweren, wenn sie etwa in geschlossener Ordnung gegen das Volk vorgehen würden. Diese Brustwehr sollte auch dazu dienen, die Artilleristen und die Soldaten gegen die Flintenschüsse der Belagerten zu schützen.