Giulio beeilte sich, zu antworten; nach Anklagen gegen das Schicksal, die Platon nachahmten und damals in Mode waren, fuhr er fort:
„Du willst also das Wort Gottes, das er in der Heiligen Schrift für uns niedergelegt hat, vergessen? Gott sagt: die Frau soll ihre Familie und ihre Eltern verlassen, um ihrem Gatten zu folgen. Wagst du zu behaupten, daß du nicht meine Frau bist? Erinnere dich an die Nacht von San Pietro. Als die Morgenröte schon hinter dem Monte Cave aufstieg, warfst du dich mir zu Füßen; ich wollte dich schonen; du gehörtest mir, wenn ich es gewollt hätte; du konntest der Liebe, die du damals für mich fühltest, nicht widerstehen. Ich hatte dir schon oft gesagt, daß ich dir mein Leben und alles, was mir auf der Welt teuer ist, darbringe; aber plötzlich schien mir, daß du mir auch antworten könntest — wenn du es selbst niemals tätest — daß alle diese durch keine äußere Tat erhärteten Opfer vielleicht nur Einbildung sind. Ein gegen mich grausamer, 261aber im Grunde richtiger Gedanke erleuchtete mich. Ich dachte, daß nicht ohne Grund der Zufall mir jetzt die Gelegenheit gebe, in deinem Interesse auf das höchste Glück zu verzichten, das ich mir je hatte träumen lassen. Du warst in meinen Armen und schon ohne Widerstand, erinnere dich, selbst dein Mund wagte nicht zu verweigern. In diesem Augenblick ertönte das morgendliche Ave Maria im Kloster von Monte Cave und durch einen wundersamen Zufall drang dieser Ton bis zu uns. Du riefst mir zu: Bring dieses Opfer der heiligen Madonna, der Mutter aller Reinheit. Ich hatte schon seit einem Augenblick die Idee dieses Opfers, des einzigen, das ich dir je zu bringen Gelegenheit haben würde. Ich fand es unerhört, daß auch dir der gleiche Gedanke gekommen war. Der ferne Klang dieses Ave Maria rührte mich, ich gestehe es; ich erfüllte deine Bitte. Das Opfer war jedoch nicht ganz allein für dich gebracht; ich glaubte, unsre zukünftige Vereinigung unter den Schutz der Mutter Gottes zu stellen. Damals dachte ich nicht daran, daß von dir, Treulose, wohl aber, daß von deiner reichen und vornehmen Familie Hindernisse kommen könnten. Wie hätte dieses Angelus von so weit her, durch den halben Wald über die Gipfel der im Morgenwind bewegten Bäume ohne übernatürliche Einwirkung bis zu uns dringen können? Da fielst du vor mir auf die Knie, erinnerst du dich? Ich stand auf, zog aus meiner Brust das Kreuz, das ich dort trage, und du schwurst auf dieses Kreuz, das hier vor mir liegt, und bei deiner ewigen Verdammnis, wo du je sein würdest und was immer auch geschehen möge, würdest du, sobald ich dir den Befehl zukommen lasse, wieder ganz mein Eigen sein, wie du es in dem Augenblick warst, als das Ave Maria von Monte Cave von so weit 262her an dein Ohr rührte. Dann sagten wir fromm zwei Ave und zwei Paternoster. Nun wohl, bei der Liebe, die du damals für mich fühltest oder wenn du sie — wie ich fürchte — vergessen hast, bei deiner ewigen Verdammnis befehle ich dir, mich heute Nacht in deinem Zimmer oder im Garten zu empfangen.“
Der italienische Autor bringt seltsamerweise noch viele lange Briefe Giulio Brancifortes, welche nach diesem geschrieben sind; aber er gibt nur Auszüge aus den Antworten Helena Campirealis. Jetzt, einige hundert Jahre später, stehen wir den Gefühlen der Liebe und der Religion, welche diese Briefe erfüllen, so fremd gegenüber, daß ich fürchte, sie könnten zu lang sein.
Aus diesen Briefen geht hervor, daß Helena endlich dem Befehl gehorchte, der in dem von uns gekürzt wiedergegebenen Schreiben enthalten war. Giulio fand ein Mittel, ins Kloster einzudringen; man vermöchte aus einem Wort anzunehmen, daß er sich als Frau verkleidete. Helena empfing ihn, aber nur hinter dem Gitter eines Erdgeschoßfensters, das auf den Garten ging. Zu seinem unbeschreiblichen Schmerz erkannte Giulio, daß dieses einst so zärtliche und sogar leidenschaftliche Mädchen zu einer Fremden geworden war; sie behandelte ihn fast mit ausgesuchter Höflichkeit. Als sie ihn in den Garten einließ, hatte sie fast ausschließlich der heiligen Pflicht des Eides gehorcht. Die Begegnung war kurz: schon nach einigen Minuten gewann der Stolz Giulios, der vielleicht durch die Ereignisse der letzten vierzehn Tage ein wenig gereizt war, die Oberhand.
‚Ich sehe nichts vor mir‘, sagte er zu sich, ‚als den Schatten jener Helena, die sich mir in Albano für das 263ganze Leben hingab,‘ Nun war es die Hauptsache für Giulio, die Tränen zu verbergen, die bei den höflichen Wendungen, mit denen Helena das Wort an ihn richtete, sein Gesicht überströmten. Als sie aufgehört hatte, zu sprechen und die — wie sie sagte — nach dem Tode eines Bruders so natürliche Veränderung zu rechtfertigen, antwortete ihr Giulio, indem er sehr langsam sprach:
„Ihr erfüllt nicht Euer Gelöbnis; Ihr empfangt mich nicht im Garten; Ihr liegt nicht vor mir auf den Knien, wie damals, eine halbe Minute, nachdem wir jenes Ave Maria von Monte Cave hörten. Vergeßt Euren Schwur, wenn Ihr könnt, ich vergesse nichts, Gott stehe Euch bei!“
Mit diesen Worten verließ er das vergitterte Fenster, an dem er gut noch eine Stunde hätte bleiben können. Wer hätte ihm einige Augenblicke zuvor sagen dürfen, daß er diese so herbeigesehnte Zusammenkunft freiwillig abkürzen werde! Dieses Opfer zerriß seine Seele, aber er glaubte, daß er Helenas Verachtung verdienen würde, wenn er auf ihre Förmlichkeit anders als damit antwortete, daß er sie ihrer Reue überließ.
Vor Sonnenaufgang verließ er das Kloster. Er stieg zu Pferde und gab seinen Soldaten Befehl, ihn eine Woche lang in Castro zu erwarten und dann in den Wald zurückzukehren; er war außer sich vor Verzweiflung. Zuerst wandte er sich nach Rom.
‚Was?! Ich entferne mich von ihr!‘ sagte er sich bei jedem Schritt. ‚Wie! Wir sind einander fremd geworden! O Fabio! Wie bist du gerächt!‘
Der Anblick der Menschen, die er auf der Straße antraf, steigerte noch seinen Zorn; er lenkte sein Pferd quer über die Felder und ritt auf den öden verlassenen 264Uferstreif zu, der das Meer begleitet. Als er nicht mehr durch die Begegnungen mit diesen ruhigen Bauern gestört wurde, deren Los er beneidete, atmete er auf; der Anblick dieser wilden Gegend war in Einklang mit seiner Verzweiflung und mäßigte seinen Zorn; jetzt konnte er sich der Betrachtung seines traurigen Schicksals hingeben.