‚In meinem Alter‘, sagte er sich, ‚habe ich eine Hilfe: eine andre Frau zu lieben!‘
Bei diesem traurigen Gedanken fühlte er seine Verzweiflung sich verdoppeln; er sah nur zu gut, daß es für ihn nur eine Frau auf der Welt gab. Er stellte sich die Qual vor, die er leiden würde, wenn er das Wort Liebe vor einer andern als Helena ausspräche. Dieser Gedanke zerriß ihn.
Er wurde von einem Anfall bittren Lachens geschüttelt.
‚Ich gleiche hier genau diesen Helden Ariosts,‘ dachte er, ‚die einsam durch öde Länder ziehen, um zu vergessen, daß sie ihre treulose Geliebte in den Armen eines andren Ritters gefunden haben… Aber sie ist nicht so schuldig,‘ sagte er sich, indem er nach diesem tollen Lachen wieder in Tränen ausbrach; ‚ihre Untreue geht nicht so weit, einen andren zu lieben. Diese bewegsame und reine Seele hat sich durch die schrecklichen Dinge irreleiten lassen, die man ihr von mir erzählt hat; ohne Zweifel hat man es ihr so dargestellt, als hätte ich mich an diesem verhängnisvollen Überfall nur in der geheimen Absicht beteiligt, ihren Bruder zu töten. Man wird noch weiter gegangen sein, man wird mir die schmutzige Berechnung unterschoben haben, daß sie die alleinige Erbin eines ungeheuren Vermögens werde, wenn ihr Bruder tot sei… Und ich, ich habe 265die Dummheit begangen, sie ganze vierzehn Tage allein der Überredung meiner Feinde als Beute zu überlassen! Man muß zugeben, daß mir, zu allem meinem Unglück, der Himmel auch noch den Verstand versagt hat, mein Leben zu lenken! Ich bin ein verächtliches, bei Gott ein verächtliches Wesen! Mein Leben war niemand nützlich und mir noch weniger als jedem andren.‘
In diesem Augenblick hatte der junge Branciforte eine für jene Zeit sehr seltsame Eingebung: sein Pferd schritt am äußersten Uferrand und zuweilen benetzten die Wellen seine Hufe; er hatte den Einfall, es ins Meer zu treiben und so das schreckliche Schicksal zu beenden, dessen Beute er war. Was sollte er fernerhin machen, da das einzige Wesen auf der Welt, das ihn jemals die Möglichkeit eines Glücks hatte fühlen lassen, ihn verließ? Dann hielt ihn plötzlich ein andrer Gedanke zurück.
‚Was sind die Qualen, die ich erdulde‘, sagte er sich, ‚im Vergleich mit jenen, die ich leiden würde, nachdem dieses elende Leben beendet ist? Helena wird sich nicht mehr bloß gleichgültig gegen mich verhalten, wie sie es jetzt tut, sondern ich würde sie in den Armen eines Nebenbuhlers sehen, und dieser Rivale wird ein junger römischer Edelmann sein, reich und angesehen; denn die Dämonen werden, wie es ihre Pflicht ist, die grausamsten Bilder suchen, um meine Seele zu zerreißen. So werde ich selbst im Tode Helena nicht vergessen können; ja, weit mehr: meine Leidenschaft für sie wird sich verdoppeln; denn dies ist der sicherste Weg, welchen die ewigen Mächte gehen können, um mich für meine schreckliche Sünde zu bestrafen.‘
Um die Versuchung gänzlich zu vertreiben, schickte sich Giulio an, das Ave Maria zu beten. Einst, als er das 266morgendliche Ave Maria gehört hatte, das der Mutter Gottes geweihte Gebet, war jene Versuchung über ihn gekommen, edelmütig zu handeln, die ihm heute als die größte Torheit seines Lebens erschien. Aber aus Ehrfurcht wagte er es nicht, weiterzugehen und den Gedanken ganz auszudrücken, der sich seines Geistes bemächtigt hatte.
‚Wenn ich durch Eingebung der Madonna in einen verhängnisvollen Irrtum verfallen bin, muß sie da nicht in ihrer unendlichen Gerechtigkeit irgendeinen Umstand schaffen, der mir das Glück wiedergibt?‘
Dieser Gedanke an die Gerechtigkeit der Madonna verjagte nach und nach seine Verzweiflung. Er hob den Kopf und sah hinter Albano und dem Wald den von düsterem Grün bedeckten Monte Cave vor sich und das heilige Kloster, dessen Morgenläuten ihn zu dem gebracht hatte, was er jetzt eine schändliche Täuschung nannte, die an ihm verübt worden war. Der unerwartete Anblick dieses heiligen Orts tröstete ihn.
‚Nein,‘ rief er aus, ‚es ist unmöglich, daß die Madonna mich im Stich läßt. Wäre Helena meine Frau gewesen, wie ihre Liebe es zuließ und meine Würde als Mann es forderte, so hätte die Erzählung von ihres Bruders Tod in ihrer Seele die Erinnerung an das Band vorgefunden, das sie mit mir verknüpft. Sie hätte sich gesagt, daß sie mir lange angehörte, bevor der unglückliche Zufall mich auf dem Kampfplatz Fabio gegenüberstellte. Er war zwei Jahre älter als ich, er war erfahrener in den Waffen, in jeder Hinsicht gewandter und stärker. Tausend Gründe wären meiner Frau eingefallen, daß nicht ich diesen Kampf gesucht haben könne. Sie würde sich erinnert haben, daß ich nie den mindesten Haß gegen ihren Bruder gehegt habe, selbst damals 267nicht, als er mit der Büchse nach uns schoß. Ich erinnere mich an unsre erste Zusammenkunft nach meiner Rückkehr aus Rom; ich sagte ihr: ‚Was willst du? die Ehre verlangt es; ich kann einen Bruder nicht tadeln!‘‘