Bei seiner Ankunft in Avezzano nannte sich Giulio Fontana, und die Leute, die ihn trugen, waren verschwiegen. Nach La Petrella zurückgekehrt, verkündeten sie traurig, daß Giulio auf der Reise gestorben sei, und von diesem Augenblick an wußte jeder der Soldaten des Fürsten, daß ein Dolchstich ins Herz dem sicher sei, der den verhängnisvollen Namen aussprach.
Es war also vergeblich, daß Helena, nach Albano zurückgekehrt, Brief über Brief schrieb und, um Branciforte Nachricht zukommen zu lassen, ihre ganzen Zechinen ausgab. Die beiden alten Mönche, die ihre Freunde geworden waren — denn, sagt der florentinische Chronist, die wahre Schönheit ermangelt nicht, selbst auf durch niedrigsten Egoismus und Heuchelei verhärtete Herzen eine gewisse Herrschaft auszuüben —, die beiden Mönche, sagten wir, teilten dem armen jungen Mädchen mit, daß jeder Versuch, Branciforte auch nur ein Wort zukommen zu lassen, vergeblich sei: Colonna hatte erklärt, daß er tot wäre und sicher würde Giulio nicht wieder in dieser Welt erscheinen, ehe der Fürst es wollte. Die Amme Helenas kündigte ihr weinend an, daß [ihr] Mutter endlich ihren Zufluchtsort entdeckt habe und daß die strengsten Befehle ergangen seien, sie, und sei es mit Gewalt, in den Palast Campireali nach Albano zu bringen. Helena begriff, daß ihre Gefangenschaft, wenn sie einmal in diesem Palast war, 298grenzenlos streng durchgeführt werden könne und daß man ihr jeden Verkehr mit der Außenwelt untersagen würde; dagegen genoß sie im Kloster von Castro die gleiche Freiheit, Briefe zu empfangen und abzusenden, wie alle Nonnen. Überdies, und das entschied ihr Schwanken, war es der Garten dieses Klosters, wo Giulio sein Blut für sie vergossen hatte; sie konnte den hölzernen Sessel der Pförtnerin wiedersehen, auf den er sich einen Augenblick gesetzt hatte, um die Wunde an seinem Knie zu beschauen, es war dort, wo er Marietta die blutbefleckten Blumen gegeben hatte, die sie nicht mehr verließen. Also kehrte sie traurig in das Kloster von Castro zurück, und man könnte ihre Geschichte hier beenden: es wäre gut für sie und vielleicht auch für den Leser. Denn tatsächlich werden wir dem langsamen Sinken einer edlen und reichen Seele zuschauen. Kluge Maßnahmen und gesellschaftliche Lügen, die sie von nun an rings umgaben, verdrängten die aufrichtigen Regungen lebhafter und natürlicher Leidenschaft. Der römische Chronist schaltet hier eine Betrachtung ein, die voll Naivetät ist: Weil sich eine Frau die Mühe gibt, eine schöne Tochter zur Welt zu bringen, glaubt sie das Talent zu besitzen, ihr Leben zu lenken; und weil sie ihr im Alter von sechs Jahren mit Grund sagte: „Mein Fräulein, richtet Euren Kragen“, glaubt sie, wenn diese Tochter achtzehn und sie fünfzig Jahre alt ist, — und diese Tochter ebensoviel oder mehr Geist besitzt als die Mutter —, hingerissen von der Gewohnheit des Herrschens noch immer das Recht zu haben, ihr Leben zu lenken, sei es auch durch Betrug.
Wir werden sehen, daß Vittoria Carafa, die Mutter Helenas durch eine Reihe geschickter und überaus klug kombinierter Mittel den grausamen Tod ihrer so zärtlich 299geliebten Tochter herbeiführte, nachdem sie durch ihre traurige Herrschsucht zwölf Jahre hindurch ihr Unglück gewesen war.
Bevor er starb, hatte Signor von Campireali noch die Freude, in Rom den Richtspruch bekannt geben zu sehen, durch den Branciforte verurteilt ward, zwei Stunden lang an den Kreuzungen der Hauptstraßen Roms mit glühenden Zangen gezwickt und dann an langsamem Feuer verbrannt zu werden; seine Asche sollte man danach in den Tiber werfen. Die Fresken, des Klosters Santa Maria Novella in Florenz zeigen noch heute, wie man diese grausamen Urteile gegen die Kirchenschänder vollstreckte. Gewöhnlich war dabei ein großes Wachaufgebot nötig, um das empörte Volk zurückzuhalten, das sich an Stelle der Henker setzen wollte. Jeder gebärdete sich, als wäre er der vertraute Freund der Madonna. Signor Campireali hatte sich dieses Urteil noch wenige Minuten vor seinem Tode vorlesen lassen und schenkte dem Advokaten, welchem er es verdankte, seinen schönen, zwischen Albano und dem Meer gelegenen Landsitz dafür. Dieser Advokat war nicht ohne Verdienst, denn Branciforte war zu diesem gräßlichen Tod verurteilt worden, obwohl sich kein Zeuge fand, der ihn unter der Verkleidung des jungen, mit soviel Autorität die Bewegungen der Angreifer leitenden Kuriers erkannt haben wollte. Die unerhörte Größe dieser Schenkung brachte alle Intriganten Roms in Aufregung. Damals gab es bei Hof einen bekannten Fratone, einen undurchsichtigen und zu allem fähigen Menschen, — selbst dazu, den Papst zu zwingen, ihm den Hut zu verleihen; er besorgte die geschäftlichen Angelegenheiten des Fürsten Colonna und dieser gefährliche Klient verschaffte ihm großes Ansehen. Als 300Signora Campireali ihre Tochter nach Castro zurückgekehrt wußte, ließ sie diesen Fratone rufen.
„Euer Ehrwürden sollen glänzend belohnt werden, wenn Ihr einer höchst einfachen Sache, die ich Euch erklären werde, zum guten Ausgang verhelfet. In wenigen Tagen wird das Urteil, welches Giulio Branciforte zu einem schrecklichen Tod verdammt, auch im Königreich Neapel bekannt gemacht und vollstreckbar werden. Ich ersuche Euer Ehrwürden, diesen Brief des Vize-Königs zu lesen, der weitläufig mit mir verwandt ist und mir diese Neuigkeit zu melden geruht. In welchem Land kann Branciforte Zuflucht suchen? Ich werde dem Fürsten fünfzigtausend Piaster mit der Bitte übersenden, sie ganz oder zum Teil Giulio Branciforte unter der Bedingung zu geben, daß er beim König von Spanien, meinem Herrn, Dienst gegen die Rebellen von Flandern nimmt. Der Vize-König wird Branciforte ein Hauptmannsdiplom geben, und damit das Urteil wegen Gotteslästerung, welches wohl bald auch in Spanien vollstreckbar sein wird, ihn in seiner Laufbahn nicht hindert, wird er sich Baron Lizzara nennen, nach einem kleinen Gut, das mir in den Abruzzen gehört, dessen Besitz ich ihm durch einen Scheinkauf verschaffen werde. Ich glaube, daß Euer Ehrwürden noch nie eine Mutter so den Mörder ihres Sohns behandeln gesehen haben. Mit fünfhundert Piastern hätten wir uns längst dieses hassenswerten Menschen entledigen können: aber wir wollten uns nicht mit Colonna überwerfen. Habt also die Güte, den Fürsten wissen zu lassen, daß meine Achtung vor seinen Rechten mich sechzig- bis achtzigtausend Piaster kostet. Ich will nie wieder von diesem Branciforte sprechen hören — und vor allem versichert dem Fürsten meine Ehrerbietung.“
301Der Fratone sagte, daß er in drei Tagen eine Wanderung in die Gegend von Ostia machen werde, und Signora Campireali übergab ihm einen Ring im Wert von tausend Piastern.
Einige Tage später erschien der Fratone wieder in Rom und sagte der Signora Campireali, daß er ihren Vorschlag dem Fürsten nicht zur Kenntnis gebracht hätte, aber daß der junge Branciforte sich binnen eines Monats nach Barcelona einschiffen würde, wo sie ihm bei einem der Bankiers dieser Stadt fünfzigtausend Piaster anweisen solle.
Giulio bereitete dem Fürsten große Schwierigkeit, denn trotz der Gefahr, die er von nun ab in Italien lief, mochte sich der junge Verliebte nicht entschließen, dieses Land zu verlassen. Vergebens ließ der Fürst durchblicken, daß Signora Campireali sterben könne, vergebens versprach er ihm, daß er in jedem Fall nach drei Jahren sein Vaterland wiedersehen solle; Giulio vergoß Tränen, aber er stimmte nicht zu. Der Fürst war genötigt, diese Abreise als persönlichen Dienst von ihm zu verlangen; Giulio konnte dem Freund seines Vaters nichts abschlagen; aber vor allem wollte er Helenas Wünsche wissen. Der Fürst geruhte, die Übermittlung eines langen Briefes auf sich zu nehmen; ja er erlaubte Giulio, ihm einmal im Monat aus Flandern zu schreiben. Endlich schiffte sich der verzweifelte Liebhaber nach Barcelona ein. Alle seine Briefe wurden vom Fürsten, der nicht wollte, daß Giulio jemals nach Italien zurückkehre, verbrannt. Wir haben vergessen, zu sagen, daß der Fürst, obgleich seinem Wesen nichts ferner lag als eitle Anmaßung, sich doch, um die Geldgeschichte glücklich zu ordnen, zu der Äußerung verpflichtet glaubte, daß er es gewesen sei, der es für angemessen 302hielt, dem einzigen Sohn eines der treuesten Diener des Hauses Colonna ein kleines Vermögen von fünfzigtausend Piastern zuzuwenden.
Die arme Helena wurde im Kloster von Castro als Fürstin behandelt. Der Tod ihres Vaters hatte sie in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens gesetzt und ein unermeßliches Erbteil kam noch hinzu. Als ihr Vater starb, ließ sie jedem Einwohner von Castro und Umgebung, der erklärte, um Herrn von Campireali Trauer tragen zu wollen, fünf Ellen schwarzen Tuchs schenken. Es war noch in den ersten Tagen, als ihr von gänzlich unbekannter Hand ein Brief Giulios zugestellt wurde. Es wäre schwierig, die Entzückungen zu schildern, mit denen dieser Brief geöffnet wurde; und nicht minder die tiefe Traurigkeit, die über sie kam, nachdem sie ihn gelesen hatte. Und doch war es ohne Zweifel die Handschrift Giulios; sie wurde mit der größten Aufmerksamkeit geprüft, der Brief sprach von Liebe; aber welcher Liebe, großer Gott! Und doch hatte ihn Signora Campireali, die so viel Geist besaß, verfaßt. Ihr Plan war: die Korrespondenz mit sieben oder acht Briefen voll leidenschaftlicher Liebe einzuleiten; so wollte sie auf die späteren vorbereiten, in denen diese Liebe nach und nach erlöschen sollte.
Wir gehen rasch über zehn Jahre eines unglücklichen Lebens hinweg. Helena glaubte sich völlig vergessen; trotzdem wies sie mit Hochmut die Huldigungen der vornehmsten jungen Edelleute Roms zurück. Indessen, als man ihr von dem jungen Ottavio Colonna sprach, dem ältesten Sohn des berühmten Fabrizio, der sie einstens in La Petrella so schlecht empfangen hatte, war sie einen Augenblick unentschieden. Es erschien ihr, 303wenn sie nun einmal einen Gatten nehmen mußte, um ihrem Besitz im Kirchenstaat und im Königreich Neapel einen Beschützer zu geben, als Linderung, den Namen eines Mannes zu tragen, den Giulio einstmals geliebt hatte. Hätte sie dieser Heirat zugestimmt, dann hätte Helena sehr bald die Wahrheit über Giulio Branciforte erfahren. Der alte Fürst Fabrizio sprach oft und mit Entzücken von der übermenschlichen Tapferkeit des Obersten Lizzara, welcher sich gleich den Helden des alten Roms schlage, und gleich ihnen sich durch große Taten von der unglücklichen Liebe abzulenken versuchte, die ihn für jedes Vergnügen unempfindlich machte. Giulio glaubte, daß Helena längst verheiratet sei: Signora von Campireali hatte nicht nur ihre Tochter mit Lügen umgeben.