Helena hatte sich mit dieser so geschickten Mutter wieder halb versöhnt, deren größter Wunsch war, sie verheiratet zu wissen; die Mutter bat ihren Freund, den alten Kardinal Santi-Quatro, den Protektor der ‚Heimsuchung‘, der nach Castro reiste, er möge den ältesten Nonnen des Klosters im Vertrauen erzählen, daß seine Reise durch einen Gnadenakt verzögert worden sei: der gute Papst Gregor XIII. habe aus Mitleid für die Seele eines Briganten, namens Giulio Branciforte, der es einst versuchte, ihr Kloster zu schänden, bei der Nachricht von dessen Tode das Urteil der Gotteslästerung aufheben wollen, überzeugt davon, daß er unter der Last einer solchen Verdammung niemals das Fegefeuer wieder verließe; falls Branciforte, der in Mexiko von den Wilden überrascht und niedergemacht worden sei, überhaupt das Glück gehabt habe, nur ins Fegefeuer zu kommen. Diese Neuigkeit versetzte das ganze Kloster von Castro in Aufregung; sie gelangte auch zu Helena, die sich 304damals allen Torheiten der Eitelkeit hingab, welche der Besitz eines großen Vermögens in einem aufs tiefste gelangweilten Menschen erwecken kann. Von diesem Augenblick an verließ sie nicht mehr ihr Zimmer. Man muß wissen, daß sie das halbe Kloster hatte umbauen lassen, um das kleine Zimmer der Pförtnerin, wo Giulio in jener Nacht einen Augenblick während des Kampfes ausgeruht hatte, bewohnen zu können. Nach unendlichen Mühen war es ihr geglückt, die drei noch lebenden Bravi zu entdecken, von den fünf aus Giulios Gefolge, die damals dem Gefecht in Castro entronnen waren, und sie hatte sie, trotz des schwer zu besänftigenden Skandals, in ihre Dienste genommen. Unter ihnen befand sich Ugone, jetzt alt und von Wunden bedeckt. Der Anblick dieser drei Männer hatte viel Murren erregt, aber schließlich war die Furcht, welche Helenas hochfahrender Charakter dem ganzen Kloster einflößte, größer, und man sah sie täglich in der Livree des Hauses Campireali Helenas Befehle am äußeren Gitter entgegennehmen, und oft weitläufig auf ihre Fragen antworten, die immer dem gleichen Gegenstand galten.

Nach den ersten sechs Monaten der Einschließung in sich selbst und der Abkehr von allen weltlichen Dingen, die der Nachricht von Giulios Tod gefolgt waren, ist das erste Gefühl, welches diese durch einen unheilbaren Schmerz und eine namenlose Langweile bereits gebrochene Seele wieder zum Leben weckte, ein Gefühl der Eitelkeit gewesen.

Vor kurzem war die Äbtissin gestorben. Dem Brauch gemäß, hatte der Kardinal Santi-Quatro, der trotz des hohen Alters von zweiundneunzig Jahren noch Protektor des Klosters zur ‚Heimsuchung‘ war, die Liste der drei vornehmen Nonnen aufgestellt, aus welchen der 305Papst die Äbtissin wählen sollte. Es mußten sehr gewichtige Gründe im Spiel sein, wenn Seine Heiligkeit die beiden letzten Namen der Liste überhaupt las; gewöhnlich begnügte er sich damit, einen Strich mit der Feder durch diese Namen zu ziehen, und die Ernennung war geschehen.

Eines Tages stand Helena am Fenster des ehemaligen Pförtnergemachs, das jetzt den äußersten Flügel des neuen, auf ihren Befehl hergestellten Anbaus bildete. Dieses Fenster lag höchstens zwei Fuß über dem Gang, der ehemals mit Giulios Blut getränkt war und jetzt einen Teil des Gartens bildete. Helena hatte die Augen sinnend auf den Boden geheftet. Die drei Damen, welche man seit einigen Stunden auf der Liste des Kardinals zur Nachfolge der verstorbenen Äbtissin wußte, kamen am Fenster Helenas vorüber. Sie bemerkte sie nicht und konnte sie daher auch nicht grüßen. Eine der Damen wurde dadurch gereizt und sagte laut genug zu den andren:

„Das ist eine nette Art für eine Pensionärin, ihr Zimmer so den Augen aller zur Schau zu stellen.“

Durch diese Worte aufgestört, sah Helena auf und begegnete drei boshaften Augenpaaren.

‚Nun wohl,‘ sagte sie sich, das Fenster ohne Gruß schließend, ‚lange genug bin ich jetzt das Lamm in diesem Kloster gewesen, man muß Wolf sein, wäre es auch nur, um den Neugierigen in der Stadt etwas Abwechslung zu bieten!‘

Eine Stunde später brachte einer ihrer Leute folgenden Kurierbrief ihrer Mutter, welche seit zehn Jahren in Rom lebte und verstanden hatte, sich dort großen Einfluß zu verschaffen.

306„Hochverehrte Mutter!

Jedes Jahr schenkst Du mir an meinem Namenstage dreihunderttausend Francs, und ich verwende dieses Geld, um hier Torheiten zu begehen; ehrenvolle allerdings, aber doch Torheiten. Obwohl du es mir schon seit langem nicht mehr zu verstehen gibst, weiß ich doch, daß zwei Dinge imstande sind, Dir meine Dankbarkeit für all Deine guten Absichten zu beweisen. Verheiraten werde ich mich nicht mehr, aber ich würde mit Vergnügen Äbtissin dieses Klosters; ich bin auf diesen Einfall gekommen, weil die drei Damen, welche unser Kardinal Santi-Quatro auf die Liste gesetzt hat, die er dem Heiligen Vater vorlegt, meine Feindinnen sind; und welche immer gewählt wird, muß ich Ärger aller Art erwarten. Spende meine Festgabe den Personen, die in Betracht kommen; schaffen wir erst eine Verzögerung von sechs Monaten für die Ernennung; das wird die Priorin des Klosters, die meine intime Freundin ist und gegenwärtig die Zügel der Regierung in Händen hat, vor Freude außer sich bringen. Schon dies wird eine Quelle des Glückes für mich sein und es ist so selten, daß ich dies Wort anwenden kann, wenn ich von Deiner Tochter spreche. Ich finde meinen Einfall toll, aber wenn Du irgendeine Möglichkeit des Erfolgs siehst, werde ich binnen drei Tagen den weißen Schleier nehmen; ich habe das Recht auf Erlaß von sechs Monaten, da ich seit acht Jahren ununterbrochen im Kloster wohne. Der Dispens kostet vierzig Taler und wird nicht verweigert.