Vanina erschien nicht in der Romagna, so daß sich Missirilli vergessen wähnte. In seiner Eitelkeit verletzt, begann er sich häufig Gedanken über den Standesunterschied zu machen, der ihn von seiner Geliebten trennte. In einem Anfall von zärtlicher Sehnsucht nach dem verlorenen Glücke geriet er auf den Einfall, nach Rom zurückzukehren, um nachzusehen, was Vanina treibe. Dieser tolle Gedanke triumphierte über das, was ihn seine Pflicht deuchte ...

Da läutete eines Abends die Glocke eines Bergkirchleins den Angelus auf seltsame Weise. Es klang, als würde der Glöckner mitten beim Läuten abgerufen. Dies war das Zeichen zur Venta der Gruppe Karbonari, zu der Missirilli gehörte, seit er in seine Heimat zurückgekehrt war.

In der folgenden Nacht versammelten sich alle Verschwörer in einer Einsiedelei im Gebirge. Die beiden Einsiedler waren durch Opium eingeschläfert worden, so daß sie nicht wahrnahmen, wozu man ihr Häuschen benutzte. Missirilli kam in trüber Stimmung hin. Er erfuhr, daß das Haupt der Venta verhaftet worden und daß er, trotzdem er erst zwanzig Jahre zählte, zum Führer des Geheimbundes gewählt war, der Männer zu seinen Mitgliedern zählte, die Fünfziger waren und bereits seit Murats Expedition vom Jahre 1815 an der Verschwörung teilnahmen.

Als Pietro die unverhoffte Ehre entgegennahm, pochte sein Herz heftig, und als er wieder allein war, faßte er den Entschluß, nicht mehr der jungen Römerin zu gedenken, die ihn offenbar vergessen hatte. Er gelobte sich, all sein Tun und Denken der Pflicht zu weihen, Italien von den Barbaren zu befreien.

Man weiß, daß dieses geflügelte Wort von Petrarka stammt, von Julius dem Zweiten und Machiavell wiederholt und zu guter Letzt vom Grafen Alfieri von neuem auf das Banner geschrieben worden ist.

Zwei Tage danach ersah Missirilli aus einem der Ankunfts- und Abgangs-Rapporte, die man ihm als Karbonariführer von allen Orten der Umgegend regelmäßig zusandte, daß die Prinzessin Vanina Vanini eben in ihrem Schlosse zu San Nicolo eingetroffen war. Beim Lesen ihres Namens erfüllte sich seine Seele eher mit Wankelmut denn mit Freude. Wohl glaubte er, seine Treue gegen das Vaterland sei felsenfest, dieweil er sich vornahm, nicht noch am nämlichen Abend nach dem Schlosse San Nicolo hinzueilen. Aber es war nicht an dem. Die Sehnsucht nach Vanina, die er zu bezwingen sich Mühe gab, zog ihn doch von der vollen Erfüllung seiner Pflicht ab. Am Tage darauf suchte er Vanina auf.

Sie liebte ihn noch genau so wie in Rom. Aber ihr Vater, der sie verheiraten wollte, hatte ihre Abreise verzögert.

Vanina brachte zweitausend Zechinen mit. Dieser unerwartete Zuschuß festigte Pietros Ansehen in seiner neuen Würde in erstaunlicher Weise. Man bestellte Dolche in Korfu. Ferner bestach man in Forli den Geheimsekretär des päpstlichen Legaten, der mit der Verfolgung der Karbonari betraut war, wodurch man die Liste der Pfarrer in die Hände bekam, die für die Regierung spionierten.

Um diese Zeit bildete sich eine der am wenigsten törichten Verschwörungen, die je im unglücklichen Italien versucht worden sind. Einzelheiten hierüber würden zu weit abseits führen. So viel aber sei erwähnt: wenn das Unternehmen von Erfolg gekrönt worden wäre, hätte Missirilli einen guten Teil des Ruhmes für sich beanspruchen können. Es wäre sein Verdienst gewesen, daß sich auf ein zu gebendes Zeichen mehrere Tausend Rebellen erhoben und sich gutbewaffnet einem höheren Führer zur Verfügung gestellt hätten. Der entscheidende Augenblick war bereits ganz nahe: da wurde die ganze Verschwörung durch die Verhaftung der Rädelsführer völlig lahmgelegt, wie dies meist zu geschehen pflegt.

Vanina weilte noch nicht lange in der Romagna, aber schon glaubte sie zu erkennen, daß die Liebe zum Vaterlande jede andere Leidenschaft im Herzen ihres Geliebten verjagt habe. Die hochmütige stolze Römerin war empört. Umsonst versuchte sie sich Vernunft zu predigen. Sie verfiel dem düstersten Kummer. Ja, sie ertappte sich bei einer Verwünschung der Freiheit ihres Vaterlandes.