Alsbald verließ ihn Vanina unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur Fahrt nach San Nicolo zu treffen. Sie eilte zu einer ihrer früheren Kammerjungfern, die geheiratet und einen kleinen Handel in Forli begonnen hatte. Bei dieser Frau schrieb sie in ein Gebetbuch, das sie im Schlafzimmer liegen sah, in aller Hast die genaue Ortsangabe, wo die Verschwörer in der kommenden Nacht ihre Venta abhalten wollten. Ihre Denunziation schloß mit den Worten: »Die Versammlung wird aus folgenden neunzehn Teilnehmern bestehen: ....« Es folgten die Namen und Wohnungsangaben.
Als Vanina die Liste fertig hatte, in der einzig und allein Missirillis Name fehlte, sagte sie zu der Frau, deren Zuverlässigkeit ihr sicher war:
»Bring dieses Buch zum Kardinal-Legaten. Er soll lesen, was hineingeschrieben worden ist, und dir das Buch dann zurückgeben. Hier hast du zehn Zechinen. Wenn der Legat jemals deinen Namen erfährt, bist du des Todes. Aber du rettest mir das Leben, wenn du ihm das darin beschriebene Blatt zu lesen gibst.«
Alles ging tadellos nach Erwarten. Der Legat war dermaßen furchtsam, daß er auf die Rolle eines großen Herrn verzichtete. Er erlaubte der Frau aus dem Volke, die ihn so dringend zu sprechen begehrte, maskiert vor ihm zu erscheinen, allerdings mit gebundenen Händen. So wurde die Krämersfrau vor den Machthaber geführt. Als sie eintrat, saß er verschanzt hinter einem mit grünem Tuche überzogenen großen Tische.
Der Legat las das beschriebene Blatt des Gebetbuches, wobei er es weit von sich abhielt, aus Angst vor einem Gifte. Alsdann reichte er es der Frau zurück. Auch ließ er sie nicht verfolgen.
Vanina hatte auf die Wiederkehr ihrer ehemaligen Jungfer gewartet. Keine dreiviertel Stunde, nachdem sie den Geliebten verlassen, stellte sie sich wieder bei ihm ein, fest überzeugt, daß er ihr fortan allein gehöre. Sie erzählte ihm, in der Stadt herrsche ungewöhnliche Bewegung. Karabinieripatrouillen ritten durch Gassen, in die sie sonst nie kämen.
»Wenn du mir Gehör schenken willst,« fügte sie hinzu, »so brechen wir sofort nach San Nicolo auf.«
Missirilli war damit einverstanden. Zu Fuß erreichten sie den Wagen der Prinzessin, der ebenso wie ihre Gesellschaftsdame, eine verschwiegene, gutbezahlte Vertraute, eine halbe Wegstunde vor der Stadt wartete.
Im Schlosse von San Nicolo angelangt, war Vanina zärtlicher denn je zu Pietro. Die sonderbare Tat lastete auf ihrem Gemüt. Und so kamen ihr ihre Liebesworte selber wie Komödie vor. Der Verrat am Tage zuvor hatte ihr keine Skrupel bereitet. In den Armen des Geliebten sagte sie sich:
»Ich brauche ihm nur ein einziges Wort zuzurufen, und von Stund an haßt er mich bis in alle Ewigkeit!«