Trotz dieser Entdeckung dauerte dem jungen Franzosen das Stillschweigen über die Maßen an. Da er in der Kunst, die geheime Innenwelt eines italienischen Herzens zu ergründen, so gar kein Meister war, fand er seine ruhige vernünftige Miene wieder und geriet in sein gewohntes Wohlbehagen. Das heißt: einen Kummer hatte er in diesem Augenblick doch. Beim Durchschreiten des Kellerganges, der aus einem Nachbarhause in den tiefgelegenen Saal führte, in dem die Fürstin ihn empfing, war an der blitzsauberen Stickerei seines wunderfeinen, erst gestern aus Paris angekommenen Rockes eine Spinnewebe hängengeblieben. Das verdroß ihn. Vor Spinnen hatte er Abscheu.

Senecé bildete sich ein, in den Augen der Geliebten die Stille vor dem Sturm zu erkennen. »Um einen Auftritt zu vermeiden,« dachte er, »gehe ich ihren Vorwürfen aus dem Wege. Dann brauche ich nicht Rede und Antwort zu stehen.« Dann aber, in einem Stimmungsmischmasch von Ärgerlichkeit und Ernst, sagte er sich folgendes:

»Wäre hier nicht eine günstige Gelegenheit da, ihr die Wahrheit leise anzudeuten? Sie wirft die Frage aus freien Stücken auf. Damit ist schon der halbe Verdruß überstanden. Ganz bestimmt: ich bin wirklich nicht für die Liebe geschaffen. Aber nie habe ich etwas Schöneres gesehen als diese Frau mit ihren Sphinxaugen. Sie hat schlechte Manieren. Sie läßt mich durch abscheuliche Keller schleichen. Andrerseits ist sie die Nichte des Souveräns, an dessen Hof mich mein König und Herr gesandt hat. Mehr noch: sie ist blond in einem Lande, wo alle Frauen brünett sind. Das ist ein ganz besonderer Vorzug. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht hörte, daß sie himmlisch schön sei, und das sagen Leute, deren Zeugnis unparteiisch ist, Leute, die nicht im entferntesten ahnen, daß sie mit dem glücklichen Besitzer so vieler Reize sprechen. Was die Macht anbelangt, die ein Mann über seine Geliebte haben soll, so brauche ich mir in dieser Hinsicht keine Sorgen zu machen. Wenn ich es darauf ankommen lassen wollte, so genügt ein einzig Wort und ich entführe sie aus diesem Palaste mit seinen Goldmöbeln, weg von ihrem Onkel und all dem Glanz seines Hofes, nach Frankreich, nach einem meiner Güter, in einen Winkel der Provinz, in ein obskures Dasein ... Hol mich der Teufel: die Aussicht auf diese selbstlose Treue veranlaßt mich zu dem festen Entschluß, sie lieber nicht zu fordern. Die Orsini ist lange nicht so hübsch. Wenn sie mich liebt, liebt sie mich eben. Vielleicht ein bißchen mehr als den Kastraten Butafoco, den sie gestern in Gnaden entlassen hat, mir zu Ehren. Aber sie ist ein Weltkind. Sie hat Lebensart. Man kann bei ihr im Wagen vorfahren. Und eins weiß ich ganz bestimmt: eine Szene wird sie mir niemals machen. Dazu liebt sie mich viel zu wenig.«

Während des langen Schweigens hatte die Fürstin ihren starren Blick nicht abgewandt von der sonnigen Stirn des jungen Franzosen.

»Ich sehe ihn zum letzten Male,« klagte sie bei sich. Und urplötzlich warf sie sich in seine Arme und drückte heiße Küsse auf seine Stirn und auf seine Augen, die längst nicht mehr leuchteten, wenn er sich bei ihr einstellte.

Der Chevalier hätte sich selber verachtet, hätte er nicht augenblicklich all seine Pläne, mit ihr zu brechen, vergessen. Sie freilich, sie war zu erregt und empört, um von ihrer Eifersucht zu lassen. Im nächsten Augenblick sah Senecé zu seiner Verwunderung, daß Tränen der Wut über ihre Wangen jagten. Halblaut redete sie mit sich selbst: »Wie? Ich erniedrige mich so sehr, daß ich ihm seinen Wankelmut vorwerfe! Ich, die ich mir geschworen habe, mir nie etwas davon anmerken zu lassen! Ach, meine Niedrigkeit ist noch viel schlimmer. Ich muß der Leidenschaft nachgeben, mit der mich dieser Verführer vergiftet hat! Ach, ich verworfene, verworfene, verworfene Fürstin! Ich muß ein Ende machen.«

Sie trocknete ihre Tränen und gab sich den Anschein, als beruhige sie sich.

»Chevalier,« sagte sie fast friedsam, »wir müssen ein Ende machen! Sie gehen oft zur Gräfin ...«

Hier ward sie totenbleich.

»Wenn du sie liebst, so gehe alle Tage hin! Meinetwegen. Aber komme nie wieder hierher ...«