Sie hielt inne, als ob es ihr schwer fiele, weiter zu reden. Sie wartete auf ein Wort des Chevaliers. Aber dieses Wort ward nicht gesprochen. Sie mußte einen leichten Krampf in sich überwinden, und aus aufeinandergebissenen Zähnen drangen ihre weiteren Worte hervor:

»Das ist mein Todesurteil und das Ihre!«

Diese Drohung machte die schwankende Seele des Chevaliers wieder fest. Zunächst war er über den unvermittelten Wandel von zärtlicher Liebkosung zu Zorn erstaunt gewesen. Jetzt begann er zu lachen.

Rasche Röte überflutete die Wangen der Fürstin, bis sie scharlachrot wurden. »Jetzt erstickt sie vor Wut,« dachte Senecé. »Sie kriegt einen Schlaganfall.«

Er eilte auf sie zu, um ihr das Kleid am Halse zu öffnen. Sie stieß ihn zurück, mit einer Entschlossenheit und einer Kraft, die er nicht gewohnt war. Später erinnerte er sich, daß sie mit sich selber gesprochen hatte, als er den Versuch gemacht, sie in seine Arme zu nehmen. Im Moment trat er ein wenig zurück, ohne recht zu wissen, warum. Seine halb unbewußte Diskretion war unnötig. Offenbar sah sie ihn gar nicht mehr. Er war ihr tausend Meilen fern. Halblaut, aus zusammengepreßter Kehle, stammelte sie: »Er beschimpft mich. Er höhnt mich. Ich weiß, jung wie er ist, und bei der Plauderhaftigkeit, die hierzulande herrscht, wird er der Orsini meine ganze Würdelosigkeit erzählen, meine Selbsterniedrigung ... Ich bin meiner nicht mehr sicher. Ich habe nicht einmal mehr die Macht über mich, vor seinen hübschen Augen kalt zu bleiben ...«

Wiederum ward sie schweigsam. Der Chevalier langweilte sich gräßlich. Endlich erhob sich die Fürstin und sagte abermals in noch unheilvollerem Tone:

»Wir müssen ein Ende machen!«

Senecé, der unter ihren Küssen auf den Gedanken einer ernsten Erklärung verzichtet hatte, sagte ein paar Scherzworte, die ein Ereignis betrafen, über das man in Rom zurzeit gerade viel redete.

»Lassen Sie mich, Chevalier!« unterbrach sie ihn unwillig. »Ich fühle mich nicht wohl.«

»Diese Frau ist mißlaunig,« dachte Senecé bei sich und beeilte sich zu gehorchen. »Nichts ist so ansteckend wie schlechte Laune.«