Die Fürstin folgte ihm mit den Augen, bis er aus dem Saale verschwunden war. Mit bitterem Lächeln sagte sie sich:

»Und ich wollte blindlings über mein Lebensgeschick entscheiden! Es war ein Glück, daß mich seine unangebrachten Scherze aufgerüttelt haben. Wie beschränkt ist dieser Mann! Wie kann ich ein Wesen lieben, das mich so wenig versteht? Er will mich durch einen Scherz erheitern, zu einer Stunde, da mein und sein Leben auf dem Spiele steht! Ach, wie klar wird mir hierbei das unheimliche dunkle Element in meiner Natur, das mein Unglück ist!«

Sie fuhr wild aus ihrem Lehnstuhl auf.

»Wie herrlich waren seine Augen, als er mir jene heiteren Worte sagte! Ja, ich kann es nicht leugnen: die Absicht des armen Jungen war liebenswert. Er kennt den Unglückszug meines Charakters. Er wollte mich über das schwarze Herzeleid hinwegtrösten, das mich quält. Andre hätten mich nach dem Grund gefragt. Liebenswürdiger Franzose! Mein Gott, was wußte ich vom Glück, eh ich ihn liebte?«

Der Gedanke an die guten Seiten ihres Geliebten verführte sie zu köstlicher Träumerei. Dann aber fielen ihr die Vorzüge der Gräfin Orsini ein. Wiederum ward ihr die Seele finster. Die Qualen der schrecklichsten Eifersucht peinigten ihr das Herz. In Wahrheit stand sie seit zwei Monaten im Banne düsterer Vorahnung. Erträgliche Augenblicke hatte sie nur in der Gegenwart des Chevaliers gehabt, und doch hatte sie ihm beinahe immer, wenn sie in seinen Armen gelegen, bittere Worte gesagt.

Der Abend war furchtbar für sie. Erschöpft und durch den Schmerz gewissermaßen sanfter gestimmt, erwog sie den Gedanken, noch einmal mit dem Chevalier zu reden. »Er hat wohl gesehen, daß ich empört bin, aber er kennt den Grund meiner Klage nicht. Vielleicht liebt er die Gräfin gar nicht. Vielleicht geht er nur zu ihr, weil er als Fremder die geselligen Zustände des Landes kennen lernen, insonderheit in der Familie des Herrschers verkehren muß. Wenn ich mir Senecé offiziell in mein Haus einführen lasse, wenn er vor aller Augen hierher kommen kann, dann bleibt er vielleicht ebenso stundenlang bei mir wie bei der Orsini.«

»Nein!« rief sie in Raserei. »Ich erniedrige mich, wenn ich spreche. Er würde mich verachten. Weiter käme nichts dabei heraus. Der Flattersinn der Orsini, den ich in meiner Tollheit oft verachtet habe, ist wahrlich angenehmer als mein Charakter, zumal in den Augen eines Franzosen. Ich bin dazu geschaffen, mürrisch mit einem Spanier dahinzuleben. Was ist verrückter, als immer ernst zu sein, als ob die Tatsachen des Daseins nicht schon an und für sich ernst genug wären! Was soll aus mir werden, wenn ich meinen Chevalier nicht mehr habe, der frohes Leben in mich bringt, der die warme Sonne in mein Herz trägt, die sonst nicht drinnen scheint?«

Sie hatte befohlen, niemanden vorzulassen außer Monsignore Ferraterra. Er kam, um ihr Bericht zu erstatten, was sich im Hause der Gräfin Orsini bis ein Uhr nachts zugetragen hatte. Der Prälat hatte der Fürstin in ihrer Liebesgeschichte ehrlich gedient. Er zweifelte seit gestern nicht mehr, daß Senecé sehr bald mit der Orsini die allerintimsten Beziehungen haben würde, ja, vielleicht bereits hätte.

Sein Gedankengang war nun folgender:

»Die Fürstin wird mir mehr nützen, wenn sie sich von ihrer Sünde kehrt, denn als Dame der großen Welt. Dort wird sie immer einen haben, der ihr lieber ist als ich, einen Liebhaber. Eines Tages kann diese Rolle ein Römer spielen. Er kann einen nahen Verwandten haben, der Kardinal werden will. Bekehre ich sie aber zu einem frommen Wandel, so wird sie immer zuerst an ihren Gewissensrat denken, und bei ihrem leidenschaftlichen Sinn ... was kann ich da nicht alles von ihrem Onkel erhoffen!«