Nachdem sie ihre Gesellschafterin weggeschickt hatte, stieg sie auf den Oberboden des Palastes und fand nach langem Suchen ein vergittertes Fensterchen, von dem aus man auf die Terrasse mit den Orangenbäumen hinabsehen konnte. Das offene Fenster, das Vanina vom Hofe aus gesehen hatte, lag von hier nicht weit. Ohne Zweifel war das Zimmer bewohnt. Aber von wem?

Am Tage darauf war Vanina im Besitze des Schlüssels zu einer Türe, die auf die mit Orangenbäumen besetzte Terrasse ging. Wie ein Luchs schlich sie an das Fenster, das noch immer offen stand. Der Vorhang war dicht zugezogen. Trotzdem erspähte Vanina, daß im Hintergrunde des Gemaches ein Bett stand und daß jemand darin lag. Unwillkürlich fuhr sie zurück. Da erblickte sie einen Frauenrock auf einem der Stühle. Nunmehr lugte sie schärfer nach der im Bette liegenden Person. Sie war blond und sichtlich sehr jung. Vanina war überzeugt, es müsse ein weibliches Wesen sein. Der auf den Stuhl geworfene Rock hatte Blutflecke. Auch an den Frauenschuhen, die auf einem Tische standen, waren Blutspuren zu sehen.

Als die Unbekannte eine Bewegung machte, bemerkte Vanina, daß sie verwundet war. Über ihrer Brust lag ein großes blutgetränktes Stück Leinwand, nur mit Bändern befestigt. So sah ein von einem Wundarzt angelegter Verband nicht aus!

Vanina stellte fest, daß sich ihr Vater täglich um vier Uhr in seine Zimmer zurückzog und regelmäßig kurz darauf die Kranke besuchte. Er verließ sie stets sehr bald wieder und pflegte sodann zur Gräfin Vitelleschi zu fahren. Sobald er fort war, ging Vanina hinauf nach der Terrasse und beobachtete die Fremde. Ihre empfindsame Natur entflammte sich rasch für die unglückliche junge Frau. Was für ein Abenteuer hatte sie bestanden? Ihr blutiges Kleid war augenscheinlich von Dolchstößen durchbohrt. Man konnte die Löcher zählen.

Eines Tages sah Vanina die Unbekannte deutlicher. Ihre schönen blauen Augen starrten gen Himmel. Offenbar betete sie. Sodann kamen ihr Tränen. Die junge Prinzessin konnte sich kaum noch bezwingen. Am liebsten hätte sie die Unglückliche angesprochen.

Am nächsten Tage wagte sich Vanina draußen auf der Terrasse zu verstecken, ehe ihr Vater kam. Von da aus beobachtete sie, wie Fürst Hasdrubal ins Zimmer der Unbekannten trat. Er brachte einen Korb mit Lebensmitteln und sah beunruhigt aus. Er sprach wenig und so leise, daß die Lauschende die einzelnen Worte nicht verstand, obwohl das Fenster offen war. Bald verschwand er wieder.

»Die arme Frau muß furchtbare Feinde haben,« sagte sich Vanina. »Mein sonst so sorgloser Vater wagt niemanden ins Geheimnis zu ziehen und läßt sichs nicht verdrießen, täglich die enge steile Treppe hinaufzugehen.«

Eines Abends, als Vanina ihren Kopf zwischen die Vorhänge des offenen Fensters hindurchsteckte, hatte die Unbekannte ihren Blick gerade dahin gerichtet. Vanina sah sich entdeckt.

»Ich habe Sie in mein Herz geschlossen!« rief sie aus.

Die Unbekannte winkte ihr einzutreten.