Das plötzliche Erscheinen der Fürstin erregte großes Aufsehen. Ehrerbietig machte ihr alle Welt Platz. Sie bemerkte das gar nicht. Sie sah nichts als ihre Rivalin und staunte sie an. Zu ihrer Qual und Pein fand sie eine Menge reizender Dinge an ihr. Stumm und versonnen saß sie da.
Nach ein paar Höflichkeitsphrasen begann die Orsini wie vorerst in ihrer witzigen, munteren losen Art zu plaudern. Die Campobasso dachte bei sich:
»Dieser Frohsinn paßt tausendmal besser zum Chevalier als meine tolle grüblerische Liebe.«
In einer ihr selber unerklärlichen Aufwallung von Bewunderung und Haß fiel sie der Gräfin um den Hals. Sie hatte für nichts Augen als für den Charme ihrer Kusine. Aus der Nähe wie von ferne schien sie ihr in gleichem Maße anbetungswürdig. Sie verglich ihr Haar, ihren Teint, ihre Augen mit den eigenen. Das Ergebnis dieser wunderlichen Prüfung war, daß die Fürstin an sich selbst alles häßlich und abscheulich fand. An ihrer Rivalin hingegen dünkte sie alles unvergleichlich und köstlich.
Starr und finster saß die Campobasso inmitten der schwatzenden und gestikulierenden Menschenmenge wie eine Basaltstatue. Man kam und ging, laut und lärmend. Alles das verursachte ihr Unbehagen, geradezu Pein. Da hörte sie, daß man den Chevalier von Senecé meldete. Es wurde ihr ganz seltsam zumute.
Zu Beginn ihrer heimlichen Beziehungen war sie mit ihm übereingekommen, daß er in Gesellschaft wenig mit ihr reden und sich so benehmen solle, wie sich das für einen ausländischen Diplomaten geziemt, der einer Nichte des Souveräns, bei dem er beglaubigt ist, just zwei- oder dreimal den Monat begegnet.
Senecé begrüßte die Fürstin mit dem gewohnten Respekt und Ernst. Sodann gesellte er sich wieder zur Gräfin Orsini, bei der er den heiteren, fast vertraulichen Ton anschlug, dessen man sich vor einer lebhaften Frau bedient, die einen gern und täglich sieht. Die Campobasso war zu Tode verwundet.
»Die Gräfin zeigt mir, wie ich hätte sein sollen,« sagte sie sich und ging hinweg. Sie hatte die letzte Leidensstation erreicht. Unglücklicher konnte kein menschliches Wesen werden. Sie war entschlossen, Gift zu nehmen. Alle Wonnen, die ihr der Geliebte je geschenkt, vermochten die Wagschale mit den grenzenlosen Herzensqualen nicht zu halten, die sie in der Nacht heimsuchten. Römerinnen haben tausendmal mehr Leidenschaft als andere Frauen.
Am nächsten Tage kam Senecé wiederum am Palast vorüber. Wiederum grüßte ihn das Zeichen der Ablehnung. Wiederum ging er fröhlich von dannen. Trotzdem war er gekränkt.
»Also war das neulich doch der Laufpaß!« meinte er, und seine Eitelkeit flüsterte ihm zu: »Du mußt sie in Tränen sehen!«