Bei dem Gedanken, ein so schönes Weib, die Nichte Seiner Heiligkeit, auf immerdar verloren zu haben, empfand er eine verliebte Regung. Er kroch in den wenig sauberen Kellergang, der ihm jedesmal gräßlich unangenehm war, und trat die Tür ein, die zu dem Saale des Erdgeschosses führte, in dem ihn die Fürstin zu empfangen pflegte.
»Unerhört!« rief die Fürstin, die in diesem Raume ihrem Leid nachhing. »Sie wagen es, hier zu erscheinen?«
»Ihre Entrüstung ist Heuchelei!« dachte der junge Franzose bei sich. »Diesen Saal betritt sie nur, wenn sie meiner harrt.«
Der Chevalier ergriff ihre Hand. Sie zitterte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Er sah sie an. Nie war sie ihm hübscher erschienen. Im Augenblick liebte er sie. Sie aber vergaß alle die frommen Gelübde der letzten zwei Tage und warf sich in seine Arme. »Und dieses Glück soll fortan die Orsini haben!« rief sie.
Senecé, der wie immer die römische Seele mißverstand, wähnte, sie wolle sich von ihm in guter Freundschaft trennen, wolle einen Bruch unter Wahrung des äußeren Scheins. Dies wäre so recht nach seinem Sinn gewesen. »Als Attaché der königlichen Gesandtschaft«, sagte er sich, »wäre es inkorrekt von mir, wenn ich mir die Nichte des Souveräns, bei dem ich beglaubigt bin, zur Todfeindin machte. Viel fehlte dazu nicht.« Im voraus stolz auf den glücklichen Ausgang, zu dem er es höchstwahrscheinlich, wie er meinte, bringen würde, begann er der Fürstin Vernunft zu predigen. Sie würden im angenehmsten Verein leben. Warum sollten sie nicht sehr glücklich sein? Was hätte sie ihm eigentlich vorzuwerfen? Die Liebe mache einer guten traulichen Freundschaft Platz. Er bäte inständig um das Vorrecht, von Zeit zu Zeit an diesen lieben, alten Ort zurückkehren zu dürfen. Ihre Beziehungen würden immer zärtlich sein ...
Zuerst verstand ihn die Fürstin nicht. Als sie endlich zu ihrem Entsetzen begriff, erstarrte sie. Unbeweglich, stieren Blicks stand sie da. Schließlich, bei seiner letzten Torheit, »den immer zärtlichen Beziehungen«, unterbrach sie ihn mit dumpfer, wie aus der untersten Tiefe ihres Herzens dringender Stimme, wobei sie langsam Wort für Wort betonte:
»Sie wollen wohl sagen, Sie finden mich immer noch hübsch genug, um mich als Dirne zu gebrauchen!«
»Aber beste, teuerste Freundin,« erwiderte ihr Senecé in ungeheuchelter Verwunderung, »habe ich denn Ihre Eigenliebe verletzt? Wie kann es Ihnen nur in den Sinn kommen, Worte des Vorwurfs zu äußern? Glücklicherweise ahnt ja kein Mensch etwas von unserm Einverständnis. Ich bin ein Edelmann. Ich gebe Ihnen von neuem mein Ehrenwort: niemals soll ein lebendes Wesen von dem Glück erfahren, das Sie mir geschenkt haben!«
»Auch die Orsini nicht?« fragte sie in so kühlem Tone, daß des Chevaliers Verblendung weiterwährte. Naiv gab er die Antwort:
»Habe ich Ihnen je die Namen derer genannt, die ich vielleicht geliebt habe, ehe ich Ihr Sklave ward?«