Der zeitgenössischen Litteratur zu folgen, bot mir ein Cabinet de lecture im Palais Royal die Mittel, das neben französischen und englischen auch die wichtigsten deutschen Zeitungen hielt und über eine ziemlich große Bibliothek verfügte. Dort saß ich eines Tages, tief versunken in die Weisheit eines Journalisten, als plötzlich in dem stillen Saal eine ungewöhnliche Bewegung sich kund gab. Ein Mann in vorgeschrittenen Jahren war eingetreten, bei dessen Erscheinen ein halbes Dutzend Leute dienstfertig ihm entgegen eilten. Man reichte ihm den Arm, man führte ihn zu einem bequemen Sessel, in den er sich niederließ, man gab ihm die Augsburger Allgemeine Zeitung. Ich betrachtete ihn staunend und teilnehmend. Das eine Auge war geschlossen, das andere schien unbeweglich, es folgte nicht den Worten des Zeitungsblattes, sondern dieses wurde vor dem Auge hin- und hergeschoben. Über dem blassen Angesicht lag der Zauber still getragenen Leidens und geistiger Verklärung. Ist das, was ihn unter so viel Schwierigkeiten zum Lesen jenes Blattes geführt, wohl die Anstrengung wert, die er dabei sich auferlegt? mußte ich unwillkürlich mich fragen. Er legte jetzt das Blatt beiseite und erhob sich. Wieder trat eine allgemeine Bewegung im Saale ein. Einer der Herren reichte ihm den Arm und begleitete ihn hinaus, andere folgten bis an den Ausgang des Saales, er nickte dankend, sie verbeugten sich, er verschwand. Wer mochte der Mann sein? Diese Frage beschäftigte, beunruhigte mich lange. Ich entschloß mich endlich, den Saaldiener nach dem Namen jenes kranken Besuchers zu fragen. C’était Monsieur Henri Heine, raunte er mir ins Ohr. Ich war todeserschrocken. Heine fuhr damals noch aus, er war noch nicht an die „Matratzengruft“ gefesselt, von der aus er uns mit seinen erschütternden Lazarusliedern beschenken sollte.

VI.
Reise in die Schweiz. Der Sonderbundskrieg. Karl Heinzen.

Im Oktober desselben Jahres erhielt ich vom Centralkomitee in London den Auftrag, die „Gemeinden“ in Lyon und der Schweiz zu besuchen und sie durch einige Vorträge in die neue Phase der sozialen Entwicklung einzuführen und auf die kommenden Ereignisse vorzubereiten. Am Himmel kündigten dunkle Wolken den Sturm des heraufziehenden Sonderbundskrieges an. Die Eisenbahn reichte bis Orleans. In einem Hofe des Börsenviertels zu Paris drückte ich Engels zum Abschied die Hand, ich nahm einen der vier Plätze in der hinteren Abteilung der großen fünfspännigen Diligence ein; sie fuhr auf den Bahnhof, dort wurde unser, von seinen Rädern befreiter Wagen, den wir deshalb nicht zu verlassen hatten, auf die Plattform eines Eisenbahnwagens durch eine Winde gehoben, an den Zug angehängt, und fort ging es nach der berühmten Stadt an der Loire. Im Nu wurde dort unsere Diligence samt ihrem lebendigen Inhalt wieder auf ihre vier Räder gebracht und das bereit stehende Gespann eingehängt; im Galopp ging es über den Marktplatz, wo ich einen Blick auf das Standbild der Jungfrau werfen konnte, und nun rollten wir durch das gesegnete Burgund der volkreichen Stadt am Zusammenfluß der Saone und Rhone zu.

Ich war in Lyon angekündigt, ein freundlicher Empfang war mir dort wie überall gesichert, wo ich meine Mission zu erfüllen hatte. In wenigen Tagen konnte ich meine Reise nach Genf fortsetzen. Bis dahin hatte ich, wenn ich von dem Hügelland am Fuße des Riesengebirges absehe, in der Welt nur ebenes Flachland betreten. Auf der Fahrt von Lyon über St. Julien nach Genf eröffnete sich mir ein bis dahin ungekannter Reichtum landschaftlicher Schönheiten. Ich wollte nun nicht etwa ein maschinenhaft arbeitender Reiseprediger sein, ich suchte und fand Beschäftigung. Damit auf mich selbst gestellt, blieb ich mehrere Wochen in Genf. Die fremde Stadt mit ihrer damals noch wohl erhaltenen, auf große historische Erlebnisse hinweisenden, eigentümlichen Physiognomie, in der sich strenge Ehrbarkeit, herber Patriotismus mit französischer Frivolität paarten, der große, blaue See, eine meinem unerfahrenen Auge völlig neue Erscheinung, die Alpen, der Montblanc! — warum sollte ich hier nicht länger verweilen? An den schönen Herbstabenden machte ich, mit meinen neuen Freunden spazieren gehend, sie mit meiner neuen Weisheit bekannt, es war dies ein peripatetischer Unterricht wie ein anderer. An Sonntagen bestiegen wir den Salève, ich war glücklicher als je vorher und so zog ich erst nach vier Wochen frohen Mutes in die Neuchâteler Berge nach la Chaux-de-Fonds, in das große, damals schon nahe an 20 000 Seelen zählende Uhrenmacherdorf.

Der Kanton Neuchâtel war damals noch durch Personalunion mit dem preußischen Königshause verbunden und besaß infolgedessen noch manche Institution, die an diese Union erinnerte. In keinem Teile der Schweiz wurde das Verhalten der Fremden, namentlich der deutschen Arbeiter, die nach dem Beispiel der französischen sich in sozialistischen Vereinen zusammenfanden, mit einem polizeilich so wachsamen Auge verfolgt wie dort. Das führte zu heimlichen, nächtlichen Zusammenkünften in den Schlüften des Jura. Etwa zwanzig Minuten von der Stadt biegt links von der bis St. Imier sich fortsetzenden Landstraße ein schmaler Pfad zu einem, erst in seiner unmittelbaren Nähe wahrnehmbaren Spalt im Gebirge. Tritt man hier ein und verfolgt zwischen zwei hohen Felswänden die geheimnisvolle Enge, so gelangt man nach einer Weile in einen fast kreisrunden, von steilen Wänden eingefaßten großen Saal, wo der Zugangsstelle gegenüber wiederum ein enger Pfad sich öffnet, der in einen zweiten Felsenrundbau führt; und so wiederholt sich diese eigentümliche Erscheinung bis an die Wasser des Frankreich vom Schweizerland trennenden, in vielen überraschenden Windungen seinen rauhen Weg sich suchenden, überaus malerischen Doubs.

In dem ersten oder zweiten jener abseits von jeder bewohnten Ortschaft liegenden, wenig bekannten Thalkessel versammelten sich die jungen Leute, die mich freundlich aufgenommen hatten, gern in hellen Mondnächten. Dort suchte sie kein Diener der staatlichen Ordnung, dort erbauten sie sich an dem Worte ihrer Führer, dort klang ihr männlicher Gesang, von Spähern ungehört, in die himmlisch reine Luft. Als ich nach einigen Tagen von ihnen Abschied nahm, begleiteten sie mich bis auf die Höhe des Mont des Loges, der das Thal von la Chaux-de-Fonds von dem ackerbautreibenden Val de Ruz trennt, und nachdem ich einige hundert Schritte abwärts gezogen, begrüßte mich ihr deutsches Lied von einem Felsenvorsprung herab, auf dem sie sich aufgestellt, zum letztenmal. Ich winkte in froher Überraschung ihnen meinen Dank zu und eilte den Fußpfad abwärts, der mich ins Thal, an das Schloß Valangin und nach Neuchâtel brachte.

Mein Lebensgang wollte es, daß ich mehrere Jahre später nach la Chaux-de-Fonds in die Redaktion des „National Suisse“ eintrat, und dann, nach einer kurzen Lehrthätigkeit in Schaffhausen, nach Neuchâtel in ein Schulamt berufen wurde. Neuchâtel war damals ein unabhängiger Schweizer Kanton. Da geschah es eines Tages, daß ich mit Professor Desor, meinem Freunde und Kollegen an der Akademie, mich zum Mittagessen auf dem Landgute des Herrn Lardy, des Vaters des jetzigen schweizerischen Gesandten in Paris, befand. Herr Lardy, der in der alten preußisch-neuenburgischen Zeit Polizeioberster gewesen war und, obgleich politisch von der herrschenden radikalen Partei getrennt, doch einen herzlichen Umgang mit einzelnen, ihm sympathischen Mitgliedern dieser Partei pflegte, erzählte beim Nachtisch in erheiternder Weise von seiner Amtsthätigkeit gegenüber den rebellischen deutschen Arbeitern, die in den letzten Jahren vor 1848 im Jura sich eingenistet hatten und die er, getreu dem ihm von höchster Stelle erteilten Befehl eifrigst verfolgte. Ich war sein Gast und hörte ihm selbstverständlich zu, ohne den Vorhang zu lüften. Erst auf der Heimfahrt, mit Desor allein in dessen lustig dahin trottendem Einspänner, erzählte ich diesem von den geheimnisvollen Beziehungen, die vor etwa fünfzehn Jahren, von uns beiden unbewußt, zwischen mir und dem braven Herrn Lardy existiert hatten und in denen nichts von der Jugendromantik in den jurassischen Bergen steckte, von denen ich eben gesprochen. Jetzt hat sie längst der Tod abgerufen, Herrn Lardy und Freund Desor, und die Jugendromantik weht auch nur noch an seltenen Tagen beschwichtigend um mein schneeweißes Haupt.

Meine nächste Station war Bern. Der Sonderbundskrieg konnte in den nächsten Tagen ausbrechen und ich wollte doch mindestens dem Auszug der Truppen beiwohnen und dem Gang der Dinge, die mich so sehr interessierten, nahe sein. Ich sah kurz nach meiner Ankunft in der Bundesstadt die bernische Artillerie ins Feld ziehen. Ich erfreute mich an dem Anblick der langen Reihen von Geschützen, an der fröhlichen Mannschaft und der meist kräftigen Bespannung. Hie und da sah man den Bauer, der die Pferde gestellt, in seiner unkriegerischen gelben Kutte auf deren Rücken. Der Mann fürchtete die feindliche Kugel weniger als den Verlust seines Gauls, von dem er sich nicht trennen mochte. Auf den wohlgesinnten Zuschauer, und ein solcher war ich, machte dieses militärische Bild einen erhebenden Eindruck. Der Krieg war, Dank der weisen Führung des Generals Dufour, nicht blutig, die aufrührerischen, jesuitenfreundlichen Kantone wurden durch die gegen sie aufgebotene Übermacht rasch zur Kapitulation gezwungen. Das einzige Gefecht bei Gislikon forderte nur wenige Opfer, nach drei Wochen war alles beendet und der Landmann, der seine Zugtiere dem Feinde entgegengeführt, brachte sie wohlbehalten wieder heim und konnte jetzt sorglos den herbstlichen Acker mit ihnen bestellen.