Die Schweiz war damals der Zufluchtsort vieler Verfolgter aus allen Ländern Europas, England ausgenommen. Zu den Charakterköpfen, die sie beherbergte, gehörte auch der deutsche, politische Schriftsteller Karl Heinzen. Der Mann hatte viel Bitteres erlebt. Von der Universität Bonn relegiert, hatte er sich nach Batavia anwerben lassen, von wo ihm indessen bald die Rückkehr ermöglicht wurde. Er fand eine Anstellung, erst im Steuerfach, dann bei der Aachener Feuerversicherungsgesellschaft und schrieb außerdem in die zu jener Zeit oppositionell redigierte „Leipziger Allgemeine Zeitung“, aber auch in die radikale „Rheinische Zeitung.“ Beide Blätter, obgleich sie wie alle deutschen Drucksachen unter Censur standen, wurden ihrer Haltung wegen unterdrückt, worauf Heinzen in einem Buch „die preußische Bureaukratie“, das schon bei seinem Erscheinen konfisziert wurde, seiner Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen Ausdruck gab. Mit einer Anklage bedroht, floh er in die Schweiz, von wo aus er eine Anzahl der grobkörnigsten Pamphlete nach Deutschland versandte. Heinzen schrieb über alles und jedes, was ihm mißfiel — und was mußte seiner Freiheitsliebe damals nicht mißfallen? — Er schrieb über alles, was ihm Gelegenheit zur Entfaltung eines rücksichtslosen Angriffs bot. Er fiel nicht bloß über die Monarchie her, wodurch er sich später in Amerika, wo er nach vielen harten Bedrängnissen sich schließlich niederließ und den „Pionier“ herausgab, den Übernamen „der Fürschtekiller“ zuzog; er wandte sich auch gegen die sozialistischen Arbeiterverbindungen und deren Führer, mit ganz besonderer Streitgier gegen die Kommunisten. Ich besitze keine Zeile mehr von dem, was dieser überhitzte Schriftsteller in die Welt gesandt; ich erinnere mich nur, daß eine von ihm ausgegangene Schrift gegen die Kommunisten mich sehr gegen ihn einnahm und zu einer ihm gewidmeten Antwort veranlaßte.

Ich hatte in der Buchdruckerei Reber Beschäftigung gefunden, ich setzte dort mit Zustimmung des „Herrn Prinzipals“ die von mir in den Abendstunden gegen Heinzen verfaßte Schrift. Herr Reber, obgleich ein ausgesprochener Konservativer, ließ sie auf seiner Presse gegen Entrichtung des gebräuchlichen Preises drucken, und ich versandte sie nach London zu weiterer Verbreitung. Ich habe kein Exemplar meines Opus für spätere Tage aufbewahrt. Nicht einmal der Titel dieser Verteidigungsschrift des Kommunismus ist mir im Gedächtnis geblieben. Einmal gedruckt, hatte sie für mich keinen Wert mehr. Heinzen hatte in seinem Angriff wahrscheinlich die bekannten Argumente gegen den Kommunismus angewendet. Er hatte in dem, was er sagte, eben so wahrscheinlich recht; doch da ihm alle von der Entwicklungsidee ausgehende Schulung fehlte, so bot er dem Angriff schwache Seiten genug dar, die ich dann ohne Zweifel mit Wonne gegen ihn ausbeutete, ohne deshalb in seinen hanebüchenen Stil zu verfallen, den ich eben so wenig bei ihm wie bei anderen jemals zu bewundern vermochte. So stelle ich mir jetzt, nach fünfzig Jahren, diesen litterarischen Waffengang vor, der mir in seinen Einzelheiten nicht mehr gegenwärtig ist. Heinzen, wie fast alle politischen Schriftsteller jener Zeit, hatte keine Ahnung von der Wendung im Volksleben, die mit dem Auftreten der arbeitenden Klassen als Partei in allernächster Zeit beginnen sollte. Ich, ohne alle Menschenkenntnis und ohne alle Erfahrung, schoß mit der Verteidigung des Kommunismus weit übers Ziel hinaus und war trotz der erworbenen historischen Weltanschauung, soweit es das supponierte Zukunftsbild betraf, noch tief in Wolkenkuckucksheim zu Hause.

Zur näheren Charakteristik Karl Heinzens sei es mir übrigens gestattet, folgende Anekdote aus den von mir herausgegebenen „Erinnerungen v. I. D. H. Temme“ (Leipzig, Ernst Keil 1883) hier mitzuteilen: „Einmal brachte hier in Zürich,“ erzählt Temme, „ein Freund mir eine Nummer der Zeitschrift, „der Pionier,“ die Heinzen in Boston herausgab. Lesen Sie, sagte mein Freund, zunächst die erste Seite, und schlagen Sie erst dann das Blatt um. Ich las die erste Seite. Sie war ganz angefüllt mit einem offnen Brief an mich. Die New-Yorker Staatszeitung brachte damals gerade einen Roman von mir. Das hatte den höchsten Zorn Heinzens erregt, da die New-Yorker Staatszeitung eine andere Politik verfolgte, als er. Der offene Brief war eine donnernde Philippika gegen mich und schloß mit folgendem Rat: Ich höre, daß Sie, um mit den Ihrigen leben zu können, auf Romanschreiben angewiesen sind. Aber ehe Sie Ihre Produkte einem Schandblatte, wie die New-Yorker Staatszeitung überlassen, sollten Sie sich eine Kugel durch den Kopf schießen. — Ich mußte herzlich lachen über den Zorn, der diesen liebenswürdigen Rat eingegeben hatte, und über die wunderliche Logik, die er enthielt. Und nun, sagte mein Freund, schlagen Sie das Blatt um! Ich schlug um, und auf der zweiten Seite druckte Heinzen eine meiner Novellen nach.“

Ich habe seit jener Verteidigung des Kommunismus gegenüber einem originellen Schriftsteller, der in einem Bilde jener Zeit nicht übergangen werden darf, nichts mehr über dieses Thema geschrieben. War mit diesem Glaubensmanifest auch mein Glaube erschöpft? Durch die Widerlegung der erhobenen Einwürfe war ich denn doch wohl mehr oder weniger zu der Einsicht gelangt, daß der Gedanke, es müsse die eingetretene Bewegung gegen die Herrschaft des Kapitals notwendig zur Aufhebung des Privateigentums und seiner Umwandlung in gemeinsames Eigentum führen, nicht so ganz selbstverständlich sein könne, wie ich angenommen und gepredigt hatte. Viele Fragen wurden nun in meinem Geiste angeregt, aber ich kam mit ihnen noch nicht zu einem Abschluß. Entwickelte die Menschheit sich in der That ausschließlich nach rein mechanischen Gesetzen, die ihr mit Naturnotwendigkeit den nicht zu vermeidenden Weg vorschrieben? Sind mit der materialistischen Weltanschauung allein alle welthistorischen Erscheinungen zu erklären? Ist ein so kompliziertes Wesen wie der Mensch, mit seinen teils auf Vererbung, teils auf Erziehung und dem Milieu beruhenden Tugenden und Lastern, mit seinem Individualismus und seinem Herdensinn, ein Wesen, in welchem sich die widersprechendsten Anlagen und Eigenschaften zu einem persönlichen Charakter einigen, der es von seinem Nachbar so auffallend unterscheidet — ist angesichts der sich unserer Beobachtung aufdrängenden Thatsache der unendlichen Teilung der Arbeit, welche die Natur den Menschen in deren gesellschaftlichem Zusammenschluß ohne Vernichtung ihres Einzelcharakters auferlegt hat, eine mathematische Formel angebracht, an der man nicht zu mäkeln hat? Weil der Starke dem Schwachen sein Gesetz auferlegte, ihn zum Zweck der Häufung seines Privateigentums ausbeutete und so die Klassengegensätze schuf, müßte deshalb das Privateigentum aufgehoben werden? Suchte die Menschheit nicht vielmehr einen Weg, der zur Verminderung, schließlich zur Aufhebung aller den Schwachen beeinträchtigenden Gegensätze führte, ohne die persönliche Freiheit der Idee der Gleichheit zu opfern?

Ist überhaupt die Gleichheit jemals erreichbar, ohne der Natur des Menschen Gewalt anzuthun? Und gelänge es wirklich, das Privateigentum völlig aufzuheben und die absolute Gleichheit einzuführen, würde die Natur des Menschen sich dann nicht nach erlittenem Zwange rächen und eine furchtbare Revolution herbeiführen?

Diese Fragen fingen an, mich gerade damals zu beschäftigen, wo ich in die Nähe von Karl Marx gelangen sollte, und durch des Meisters Ideen mich meiner Zweifel siegreich zu entledigen gedachte. Doch — Marx sprach damals mehr von der sich ankündigenden politischen Umwälzung, die er ganz richtig als die Vorbedingung der sozialen Umwälzung erkannt hatte, denn von dieser selbst.

VII.
Ein Winter in Brüssel. Karl Marx.

Ich kam wieder durch deutsche Lande. Ich ging von Bern ohne Aufenthalt über Basel nach Straßburg, von dort mit dem Dampfschiff, das zu jener Zeit in Straßburg seinen Ausgangspunkt hatte, nach Köln und dann weiter nach Brüssel, das gewissermaßen das geistige Centrum der kommunistischen Verbindung bildete. Dort lebte Karl Marx. Ich war gespannt darauf, ihn kennen zu lernen. Ich fand ihn in einer höchst bescheiden, man darf wohl sagen ärmlich ausgestatteten kleinen Wohnung in einer Vorstadt Brüssels. Er nahm mich freundlich auf, befragte mich über den Erfolg meiner propagandistischen Reise, machte mir ein Kompliment über meine Broschüre gegen Heinzen, in welches seine Frau einstimmte, die mich freundlich willkommen hieß, und wie sie ihr Lebenlang den innigsten Anteil an allem nahm, was ihren Mann interessierte und beschäftigte, so war sie auch nicht ohne besonderes Interesse für mich, der ich ja für einen hoffnungsvollen Jünger der Lehre ihres Mannes angesehen wurde.