Am Abend des 24. Februar 1848 standen in Brüssel ein halbes Dutzend deutscher Jünglinge auf dem Perron des Bahnhofes, der nach Paris führenden Linie. Sie waren fast allein. Kein Zug war seit den Morgenstunden aus der französischen Hauptstadt angelangt, keine Nachricht über die Unruhen, die dort ausgebrochen waren. Die redlichen Einwohner der belgischen Hauptstadt waren doch wohl etwas schwerblütige Leute, die erst warm werden mußten, ehe sie sich in Bewegung setzten. Die Neugierde nach dem, was vielleicht in Paris vorgefallen, plagte sie augenscheinlich nicht. Wir paar Deutsche waren, wie gesagt, fast allein auf dem Perron, wir, die Ausländer; doch nein, noch zwei Personen, ein Herr und eine Dame, standen dort stumm und mit sorgenvollem Blick in einer Ecke. Auch sie warteten auf einen Zug, der, wenn auch nicht von Paris, so doch von der französischen Grenze bald eintreffen mußte. Sie warteten augenscheinlich auf Nachrichten aus Frankreich. Manchmal fiel von ihnen ein düsterer Blick auf uns, wenn wir in fröhlicher Unterhaltung die Vermutungen und Hoffnungen aussprachen, die wir auf die Neuigkeiten setzten, die nun nicht lange mehr ausbleiben konnten. Sie errieten unsere Gedanken. Sie thaten plötzlich einige Schritte vorwärts, denn ein langer Pfiff hatte die Annäherung des erwarteten Zuges angekündigt. Noch einen Augenblick, und er war im Bahnhof. Bevor er noch vollständig gehalten, sprang der Zugführer ab und rief mit gellender Stimme: „Le drapeau rouge flotte sur la tour de Valenciennes, la république est proclamée.“
Vive la république! ertönte es wie aus einem Munde aus unserer Mitte. Der Herr und die Dame aber, welche auch auf Neuigkeiten gewartet hatten, erblaßten und zogen sich eilig zurück. Es war, wie ein Bahnhofsbeamter uns sagte, der französische Gesandte, General Rumigny, mit seiner Gemahlin.
Mit der sinkenden Nacht wurde das große Ereignis in der ganzen Stadt bekannt. Die Cafés, die Bierhäuser in allen Gassen, namentlich auf dem altertümlichen großen Rathausplatz, füllten sich, überall erklang die Brabançonne und die Marseillaise; die friedsamen, verrosteten Stammgäste — Brüssel besaß zu allen Zeiten ein zahlreiches Philistertum — konnten ihre Plätze nicht behaupten, eine neue, begeisterte Bevölkerung war plötzlich wie aus der Erde gewachsen, und halb verschüchtert, halb erstaunt oder aus ihrem zopfigen Traumdasein aufgerüttelt, sahen die Alten offnen Mundes dem Treiben der Jugend zu. Ich erinnere mich eines bildschönen, Lütticher Advokaten, Namens Tedesco, der in einem der großen Cafés, dem Versammlungsort der wohlhabenden Gesellschaft, auf einen Tisch stieg und die ihm nach vom Platz hereingestürmte Menge mit einer glühenden Rede in flammende Begeisterung versetzte. Fort zog er von einem der großen Cafés in das andere, und die Menge umdrängte überall den unwiderstehlichen Feuergeist. Immer neue Massen zog er an, die er mit seinem Wort elektrisierte, und das Vive la république, mit welchem er jedesmal seine Rede schloß, erschallte als ein donnerndes Echo in der Volksbrandung, die auf den großen Plätzen immer gewaltigere Wogen schlug. Man hätte glauben mögen, daß in dieser Nacht das junge Königtum in Belgien vom Sturm vernichtet werden müßte.
Doch es sollte anders kommen, als man hatte erwarten dürfen. Auf dem neu errichteten belgischen Thron saß ein kluger Staatsmann, der sein Schifflein kaltblütig und weise durch die tosenden Wellen steuerte. Er rief seine liberalen Minister, die einflußreichsten Mitglieder der liberalen Kammer, er rief den Bürgermeister und den Gemeinderat von Brüssel zu sich und sagte zu den Herren: „Das Land hat mich zu seinem König erwählt und ich habe als König stets den Willen des Landes geehrt, keine ernste Klage hat sich bisher gegen meine Regierung erhoben. Wozu Blut vergießen? Wenn das Land den Wunsch ausspricht, daß ich die mir anvertraute Krone niederlege, so werde ich dies ohne Sträuben thun. Um meinetwillen sollen nicht Bürger gegen Bürger mit Waffen sich bekriegen. Man sage mir ein Wort und ich gehe.“
Die anwesenden Volksabgeordneten und Vertreter der Hauptstadt waren von diesen Worten tief bewegt, und wie man am Abend vorher auf Straßen und Plätzen die Republik hatte hochleben lassen, so riefen sie jetzt: „Vive le roi!“ In Belgien standen die Dinge denn doch anders als in Frankreich. Louis Philippe, der Sohn des Königsmörders Philippe-Egalité, war ein Hemmschuh der freiheitlichen Entwicklung des Landes geworden. König Leopold von Belgien hingegen war das Muster eines konstitutionellen Herrschers. Der koburgische Prinz verstand es, das Volk, an dessen Spitze er gestellt war, mit wunderbarem Geschick zu behandeln, er war sehr populär und er hatte seine Popularität nicht durch Anwendung schnell verbrauchter Künste, sondern durch verständiges Eingehen auf den besonderen Charakter seines Volkes und durch Einsicht in die Forderungen seiner Zeit erworben. Er konnte nichts Vernünftigeres thun, als seinen Willen kundgeben, freiwillig zurückzutreten, wenn er damit dem Wunsche seines Landes entgegenkomme.
Als am nächsten Tage die Worte des Königs bekannt wurden, hatte er seine Sache, auch der Gesamtbevölkerung gegenüber, schon halb gewonnen. Wohl war in der Nacht von den republikanischen Gesellschaften alles auf einen in Szene zu setzenden Aufstand vorbereitet worden, doch fehlte der revolutionäre Hauch in der Hauptstadt. Ein paar leidenschaftliche Reden genügten denn doch nicht, einen König heute zu vertreiben, gegen den gestern noch kein Vorwurf sich erhoben hatte. Wohl füllten am Abend sich die Straßen und Plätze, die von den revolutionären Klubs getroffenen Anordnungen machten den Eingeweihten sich bemerklich, aber es kam nicht zum Barrikadenbau. Ehe damit noch begonnen wurde, rückte militärische Macht heran. Auf dem Rathausplatz erschien ein Regiment Infanterie in breitester Front; vor der Truppe der Oberst mit einem Tambour. Der Infanterie zur Seite stürmte eine Schwadron Dragoner heran. Die Aufruhrakte wurde verlesen. Nach dem dritten Trommelschlag sollte von den Waffen Gebrauch gemacht werden, wenn der Platz nicht geräumt würde. Auf die erste und zweite Warnung erscholl aus der dichten Menge ein schrilles Pfeifen, ein furchtbares, höhnisches Geschrei. Sie wich nicht vom Platze.
Der dritte Trommelschlag ertönte.
Es fiel kein Schuß. Mit gefälltem Bajonett drängte die Infanterie unaufhaltsam vorwärts, die Reiter sprengten an einer Seite des Platzes, dicht beim Trottoir heran, und die Menge ergriff die Flucht. Ich stand mit Engels auf dem Trottoir, vor dem Eingang in eines der vielen Cafés; zu meiner Rechten war Wilhelm Wolf, einer der beliebtesten unter den in Brüssel lebenden Deutschen. Da drängt plötzlich ein Reiter auf ihn ein, langt sich vom Roß herab, das auf das Trottoir gelangt ist, den kleinen Wolf, indem er ihn fest am Kragen packt und schleppt ihn mit sich fort. Im Nu war es geschehen, im Nu war er verschwunden. Wilhelm Wolf war damals etwa 40 Jahre alt. Er hatte in Breslau Philologie studiert, und die Verfolgungen, die er sich als Burschenschafter zugezogen, trieben ihn ins Ausland. In Brüssel ernährte er sich durch Privatunterricht in den alten Sprachen. Nach der Märzrevolution zog er mit Marx nach Köln. Er wurde sehr geschätzt als Mitarbeiter der „Neuen Rheinischen Zeitung,“ in welcher er namentlich durch seine Darstellung der bäuerlichen Verhältnisse in Schlesien sich auszeichnete.
Die belgische Regierung, nachdem sie so leicht den ersten Versuch eines Aufstandes niedergeschlagen hatte, beschloß, es zu einem zweiten Putsch nicht kommen zu lassen. Wenn sie gleich mit Verhaftungen unter den Landesangehörigen vorsichtig sein mußte, so hatte sie doch freie Hand gegenüber den Ausländern. Wir wurden durch Freunde von der Absicht der Regierung unterrichtet, die namhaftesten aus unserem Kreise zu verhaften und über die Grenze zu senden. Ein Brüsseler Bürger, der außerhalb der Stadt ein ziemlich einsames Haus bewohnte, bot uns für die nächste Nacht seine Gastfreundschaft an. Marx, Engels und ich begaben uns nach Sonnenuntergang zu dem wackern Mann. Wir wurden freundlich aufgenommen. Ein Abendessen erwartete uns, und für jeden von uns war ein Lager bereitet.
Die Regierung des Herrn Roger, der damals am Ruder war, wollte kein Aufsehen erregen, bei Tage hatten wir keine Verhaftung zu befürchten. Wie es sich übrigens nur zu bald zeigte, hatte sie es fürs erste nur auf Marx abgesehen, den sie nicht mit Unrecht als die Seele der deutschen Emigration ansah. In nächster Nacht — er hatte sich nicht mehr von den Seinen entfernen wollen — klopfte es ungestüm an seine Hausthür. Er ließ öffnen. Man kündigte ihm seine Verhaftung an. Die eingetretenen Polizisten forderten ihn auf, ihnen zu folgen. Marx fügte sich, ohne ein Wort zu verlieren, in das Unvermeidliche. Seine Frau jedoch geriet außer sich. Wohin man ihren Mann bringe, fragte sie in namenloser Angst und Aufregung. Man gab ihr keine Antwort und ließ sie allein. Der armen Frau bemächtigte sich nun ein entsetzlicher Gemütszustand. Sie konnte das, was über sie gekommen, nicht fassen. Verzweiflung im Herzen, händeringend ging sie in ihrem Zimmer auf und ab. Allein sein hier mit ihren Kindern, und ihr Mann im Gefängnis! Einem plötzlichen Impuls folgend, setzte sie hastig den Hut auf, warf ein Tuch über die Schultern, eilte die Treppe hinab. Jetzt war sie draußen auf der Straße.