Nach welcher Richtung sollte sie sich wenden? Da, etwa dreißig Schritt von ihrem Hause entfernt, erblickt sie einen Polizisten. Sie stürzt auf ihn zu. Es war einer von denen, die in ihre Wohnung gedrungen waren, die die Verhaftung vorgenommen. „Wo haben Sie meinen Mann hingeführt? Sagen Sie mir, wo er jetzt ist,“ schrie sie ihn an. — „Sie wollen es wissen?“ fragte der Polizist. — „Ich muß es wissen,“ antwortete sie; „zeigen Sie mir das Haus, führen Sie mich zu ihm.“ — „Folgen Sie mir,“ antwortete der Diener der öffentlichen Wohlfahrt und Gerechtigkeit. Sie folgte ihm.
Der Mann führte sie in ein altes, hohes Haus, durch einen schmalen, langen Gang. Es wurde ihr eng auf der Brust, der Atem ging ihr aus. Ihr ahnte Unheil. Jetzt schloß er eine Thür auf, stieß sie in einen kärglich beleuchteten Raum und schloß wieder hinter ihr zu. Ein tolles Gelächter empfing die taumelnd Eingetretene, eine Schar der unheimlichsten weiblichen Wesen umringte sie. Man betrachtete sie mit frecher Neugier. Eine Fremde! eine Unbekannte! ein neuer Gast! erschallte es um sie her. Und wieder brachen sie in ein tolles Gelächter aus. Jetzt wußte die unglückliche Frau, in welche Gesellschaft man sie gestoßen. Ein gräßlicher Schrei entrang sich ihrer Kehle, ein Schrei, durch den selbst die verlorenen weiblichen Wesen, in deren Mitte sie sich befand, tief erschüttert wurden. Plötzlich schwiegen sie. Hier war etwas Unerhörtes geschehen, das fühlte eine jede. Das war eine anständige Frau, die man zu ihnen, dem Gassenkehricht der Menschheit, gesperrt. Sie hielten erschrocken mit ihren schmutzigen Scherzen inne, sie schwiegen. Wie hat das kommen können? Nach und nach wagte die eine und die andere sich an die schluchzende, in Thränen vergehende Unbekannte mit einem beruhigenden Wort heran. „Rührt mich nicht an! Fort!“ erscholl es ihnen entgegen.
Das war eine grausige Nacht, die sich mit all ihren Schrecken und Schmerzen tief in die Seele eingrub. Als die Wintersonne endlich am Horizont erschien, öffnete sich jenes unnennbare Gefängnis. Die in so verbrecherischer Weise Beleidigte nahm alle ihre Kraft noch zusammen, um bei einem, im Hause anwesenden höheren Beamten wegen der ihr angethanen Schmach Klage zu erheben.
„Das war ein sehr bedauerlicher Irrtum,“ sagte er. „Ich werde die Sache näher untersuchen.“ — „Das war ein sehr bedauerlicher Irrtum,“ sagte auch der Minister des Innern, als er in der Kammer wegen des Vorgefallenen interpelliert wurde. Und damit war für die offizielle belgische Welt die Sache abgethan.
In der Stadt wurde am andern Morgen die Verhaftung von Karl Marx schnell bekannt. Ich eilte in sein Haus, und dort erzählte mir Frau Marx unter unaufhaltsamen Thränen, wie das zugegangen, und alles Entsetzliche, was ihr selbst in der vergangenen Nacht widerfahren war.
Bald erschien auch unser vortrefflicher Freund, ein Brüsseler junger Gelehrter, Namens Gigot der in der Stadtbibliothek ein Amt als Paläograph bekleidete. Er erklärte sich bereit, sich nach den Absichten der Regierung bezüglich des Verhafteten zu erkundigen. Er war überzeugt, daß Marx in wenigen Tagen wieder entlassen sein, und daß man ihm die Wahl des Landes, in welches er nun überzusiedeln gedenke, freistellen werde. Dies bestätigte sich in der That. Wenn er, wie dies jetzt kaum zu bezweifeln sei, Paris wähle, so rate er Frau Marx, ihm dorthin mit den Kindern vorauszugehen, ich sollte mich ihr zur Begleitung anschließen, die Magd solle indessen mit seinem eigenen Beistand den Brüsseler Haushalt auflösen und dann nach Paris folgen. Frau Marx war mit diesem Rat einverstanden. Sie traf im Laufe des Tages, nachdem sie es noch erlangt hatte, von ihrem Mann im Gefängnis Abschied nehmen zu dürfen, alle Vorbereitungen zur Abreise. Ich hatte meine Angelegenheiten bald geordnet und meinen Koffer gepackt.
Gigot, von dem ich eben gesprochen, bewährte sich nun als ein zuverlässiger Freund, und kurz vorher hatte sich Marx, als uns von dem erwähnten Brüsseler Bürger in seinem Hause für die Nacht ein Asyl bereitet worden war, so bitter über Gigot ausgesprochen, daß es darüber zwischen ihm und Engels zu einer peinlichen Szene kam, deren Schilderung ich unterlasse. Es gab einen Menschen, den Marx geradezu haßte, und das war der Vater des Nihilismus und Anarchismus, der Russe Bakunin. Dieser hatte am 29. November auf der in Paris von den Polen veranstalteten Feier zur Erinnerung an ihre Erhebung des Jahres 1830 — auch dort waren diesesmal Nichtpolen zugezogen worden — eine Rede gehalten, welche den russischen Botschafter zu einer Beschwerde bei der französischen Regierung veranlaßte, die Bakunin in Folge dessen sofort eine Ausweisung zukommen ließ. Er kam nach Brüssel, er suchte eine Anknüpfung mit uns, Marx wich ihm aus, Gigot that dies nicht. Bakunin war ihm eine interessante Persönlichkeit und man sah ihn öfter in dessen Gesellschaft. Daß er, der sich um die grauen, sozialistischen Theorien überhaupt wenig kümmerte, und wesentlich von der rein humanitären Seite der Arbeiterbewegung sich angezogen fühlte, Marx Bakunins wegen nicht vernachlässigte, das bewies er in jenen Tagen, wo seine persönliche Intervention der schwer heimgesuchten Marx’schen Familie nützlich sein konnte.
Einen Abschiedsbesuch hatte ich in Brüssel zu machen, im Hause unseres französischen Freundes Imbert. Er war abwesend, er war am Tage vor dem Ausbruch der Revolution nach Paris gegangen und nicht mehr zurückgekehrt. „Mein Mann ist Gouverneur der Tuilerien,“ sagte mir Frau Imbert freudestrahlend. „Gouverneur der Tuilerien,“ wiederholte sie. „Sie müssen ihn besuchen. Bringen Sie ihm meine Grüße und die unserer Kinder. Sie treffen ihn im Pavillon des Prinzen Joinville. Da hat er seinen Wohnsitz aufgeschlagen.“
Wunderbarer Wechsel der Dinge! Louis-Philippe, seine Söhne und Enkel im Exil, und Monsieur Imbert, der Exilierte von gestern, Gouverneur der Tuilerien. Gewiß wollte ich ihn besuchen.
Ich geleitete Frau Marx und ihre drei Kinder nach Paris. Sie war nicht wie Frau Imbert, voller Glück und Freude. Ihre Gedanken waren bei ihrem Manne. Sie war angegriffen von den Erlebnissen der letzten Tage und eine drückende Traurigkeit lagerte auf ihren reinen Zügen. Wir gaben uns die Hand und trennten uns, als sie ihr provisorisches Heim erreicht hatte. Provisorisch war alles bis dahin für sie gewesen, ein festes Heim hatte sie mit ihren Kindern noch nicht gekannt. Doch am nächsten Tage schon war sie mit ihrem Manne wieder vereint.....