Und auf den Straßen von Paris sah man noch viele Barrikaden, als wir in die Stadt fuhren. Überall wogte ein neues, frisches Leben. Fortwährend große Aufzüge von Männern oder auch Frauen, die sich nach dem Rathause begaben, wo die provisorische Regierung ihren Sitz aufgeschlagen, um ihr die Huldigung des Volkes darzubringen. Wohin man auch gelangte, überall traf der schöne Klang desselben Liedes das Ohr; es war nicht die Marseillaise, die das Volk aufgegeben hatte, ehe sie noch hoffähig geworden beim weißen Zaren und den weißen Mönchen in Nordafrika; es war der Gesang der Girondins, der jetzt einzig und allein die Lüfte erschütterte. Auch die patriotischen Lieder haben ihren Auf- und Niedergang.
Mourir pour la patrie,
C’est le sort le plus beau,
Le plus digne d’envie.
IX.
Ein Besuch in den Tuilerien.
Am Tage nach meiner Ankunft machte ich dem Gouverneur der Tuilerien, meinem so unversehens vom Fayence-Fabrikanten in Brüssel zu einem hohen Staatsposten beförderten Freunde Imbert einen Besuch. Das lange Gitter vor dem Tuilerienhofe lag am Boden, im übrigen war das große Königsschloß unversehrt. An allen Eingängen stand die sakramentale Inschrift: Propriété nationale, die gleich einem Schutzengel wirkte. Das monumentale Gebäude, an welchem seit der Katharina von Medici so viele weltgeschichtlich hervorragende Fürsten gebaut hatten, machte trotz seiner Ausdehnung und mancherlei Einzelschönheiten keinen imposanten Eindruck. Heinrich IV. hatte den ersten Bau durch Hinzufügung des Pavillon de Flore vergrößern und durch eine Galerie längs des Seineufers mit dem Louvre verbinden lassen. Ludwig XIV. ließ daß Schloß teilweise erhöhen, setzte dem Pavillon de l’ Horloge ein plumpes Dach auf und fügte dem Ganzen einen neuen, geschmacklosen Pavillon hinzu, von welchem aus Napoleon I. eine zweite Galerie zu errichten begann, die dazu bestimmt war, noch eine Verbindung mit dem Louvre herzustellen, jedoch erst unter Napoleon III. vollendet wurde.
Die Tuilerien waren nach tapferer Verteidigung durch die Schweizer von den Pariser Sektionen am 10. August 1792 erstürmt worden, und Ludwig XVI. mußte sich mit seiner Familie in den Schutz der Nationalversammlung begeben. Im Palast der Bourbonen hielt alsdann der Konvent seine Sitzungen. Später bewohnte ihn Napoleon als erster Konsul und als Kaiser. Ihm folgte Ludwig XVIII., Karl X. und Louis-Philippe, der letztere gleich seinem Vorgänger zur Flucht aus dem Schlosse der Könige Frankreichs gezwungen. Nun aber thronte darin seine irdene Herrlichkeit, der Steingutfabrikant Imbert, und empfing ohne alle Zeremonie den geringsten der Sterblichen, der ihm herzliche Grüße von Frau und Kindern brachte.