X.
Die Deutschen in Paris. Georg Herwegh und der Freischaarenzug nach dem badischen Oberland.

Die Deutschen bilden bekanntlich die zahlreichste Fremdenkolonie in Paris. Im Faubourg St. Antoine allein sollen in jener Zeit 20,000 deutsche Arbeiter gewohnt haben. Der Gedanke, an die provisorische Regierung eine Abordnung der Deutschen in Paris mit einer Adresse an das französische Volk zu senden, ist von Herrn Adalbert von Bornstedt, dem in einem früheren Kapitel dieser Erinnerungen erwähnten Herausgeber der Deutschen Brüsseler Zeitung ausgegangen. Dieser ehemalige preußische Offizier kam zu Georg Herwegh, dem Dichter der Lieder eines Lebendigen, der damals seinen Wohnsitz in der französischen Hauptstadt aufgeschlagen hatte, und forderte ihn auf, einen Adreßentwurf auszuarbeiten und ihn einer im Saal Valentino einzuberufenden Versammlung der deutschen Landsleute zur Annahme vorzulegen. Herwegh willigte ein. Es sei mir gestattet, diese Adresse hier im Auszug wiederzugeben.[A] Sie ist bezeichnend für die Stimmung, die in jenen Tagen selbst ungewöhnlich intelligente, aber nicht zu politischen Dingen berufene Menschen beherrschte. Die Adresse beginnt mit einem großen Irrtum:

„Der Sieg der Demokratie für ganz Europa ist entschieden, Gruß und Dank vor allem dir, französisches Volk! In drei großen Tagen hast Du mit der alten Zeit gebrochen und das Banner der neuen aufgepflanzt für alle Völker der Erde. Du hast endlich den Funken der Freiheit zur Flamme angefacht, die Licht und Wärme bis in die letzte Hütte verbreiten soll. Die Stimme des Volkes hat zu den Völkern gesprochen, und die Völker sehen der Zukunft freudig entgegen. Vereint auf einem Schlachtfeld treffen sie zusammen, zu kämpfen den letzten unerbittlichen Kampf für die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen. Die Ideen der neuen französischen Republik sind die Ideen aller Nationen, und das französische Volk hat das unsterbliche Verdienst, ihnen durch seine glorreiche Revolution die Weihe der That erteilt zu haben, u. s. w.“

Als eine ungeheure Selbsttäuschung erscheinen uns heute diese Sätze. Gewiß war der 24. Februar 1848 ein großes historisches Datum, gewiß hat die Erhebung der Stadt Paris, die Vertreibung der Dynastie Orleans, die Ausrufung der zweiten französischen Republik andere Völker Europas zur Empörung gegen die ihnen auferlegte absolutistische Gewalt geführt; gewiß hat Frankreich zum zweitenmal den Anstoß gegeben zu einer großen Bewegung, welche in ihrem vielfach durch vorherzusehende Hindernisse gehemmten Verlauf endlich zu weitgehenden politischen Veränderungen geführt haben. Den Widerstand, dem die Volkserhebung des Jahres 1848 begegnen mußte, hat jedoch der Verfasser jener Adresse nicht vorhergesehen, er scheint ihn kaum geahnt zu haben. In Preußen und in Österreich und den anderen deutschen Staaten ist die Republik nicht ausgerufen worden, weil die republikanische Idee nicht im Volke lebte; die Polen versuchten es nicht einmal, sich gegen den russischen Despotismus zu erheben, der Zar hielt das Land durch seine Truppenmacht so gefesselt, daß es sich nicht zu rühren wagte, er konnte sogar im Jahre 1849 die bis dahin siegreiche Revolution in Ungarn niederschlagen, welche Österreich nicht zu bewältigen vermochte. Und in Frankreich wählte das Volk, „das den Funken der Freiheit zur Flamme angefacht,“ den Prinzen Louis Napoleon zum Präsidenten der Republik, der das junge, seiner Pflege anvertraute Kind in der Wiege erdrosselte.

Durch die Herwegh’sche Adresse ging ein kosmopolitischer Zug, der zu dem gesteigerten nationalen Bewußtsein, das in der Bewegung des Jahres 1848 bei allen Völkern Europas sich kundgab, in grellem Widerspruch stand. Der Kosmopolit ist stets der Düpierte. In der Adresse heißt es: „Die Völker sehen der Zukunft freudig entgegen. Vereint auf einem Schlachtfelde treffen sie zusammen.“ Das Gegenteil ist eingetroffen, nicht die Völker, sondern die in ihrer Herrschaft bedrohten Dynastien, die über die militärischen Kräfte der Völker verfügten, traten vereint auf einem Schlachtfelde gegen die Völker auf. Das war der erste Akt der mit dem Jahre 1848 begonnenen neuen Zeit. Langsam trat eine Wendung in freiheitlichem Sinne in dem großen Drama ein, das sich bis zum Frankfurter Frieden vor uns abspielte, nicht im Geiste der Völkerverbrüderung, die damals von Poeten aller Zungen um mindestens ein Jahrhundert zu früh besungen wurde, sondern in dem nationaler Ausschließlichkeit. Deutschland, Italien und Österreich-Ungarn waren damals nichts anderes als geographische Begriffe. Die Völker, die sich verbrüdern sollten, mußten erst durch schwere Kämpfe ihr politisches Dasein sich erringen. Es hat ein Vierteljahrhundert und gewaltige Kriege gebraucht, ehe Deutschland und Italien selbständige Nationen wurden. Noch immer zittert der Boden, auf dem ihre Neugestaltung sich erhebt und ein zweites Vierteljahrhundert hat ihre ganze Fürsorge für das mit ihrem Blut Errungene gefordert. Noch immer sind es nationale Fragen, in Österreich-Ungarn, in Griechenland, auf der Balkanhalbinsel, im ganzen Orient, welche die Politik unserer Tage beherrschen. Noch immer sind wir weit entfernt von der Verwirklichung jener schon lange vor 1848 von Béranger und Alfred de Musset gesungenen Lieder zur Verherrlichung der Völkerverbrüderung. Ja, die Franzosen sind zur Stunde viel ausschließlicher national gesinnt als alle anderen Völker.

Sie waren im Jahre 1848 nichts weniger als kosmopolitisch gesinnt. Das konnte man schon aus der Antwort erkennen, welche Crémieux im Namen der provisorischen Regierung auf die ihr am 8. März von den Deutschen überreichte Adresse erteilte. Nach einer Angabe des Moniteur, der jene Adresse in ihrem Wortlaut veröffentlichte, waren es 6000 Deutsche gewesen, welche an dem Zuge zum Stadthause teilgenommen hatten. Ich war natürlich auch dabei. In seiner Antwort auf die Adresse sagte Crémieux: „Ein Vaterland der Philosophie und der hohen Studien, kennt euer Deutschland sehr wohl den Wert der Freiheit, und wir sind versichert, daß es sie aus eigener Kraft und ohne andere fremde Hilfe zu erobern wissen wird, als diejenige des lebendigen Beispiels, das wir dem Volke geben.“ Schon in diesen Worten lag die leicht verständliche Andeutung, daß die junge Republik alles vermeiden wollte, was sie in den Augen der Monarchen kompromittieren und eine Koalition gegen Frankreich herbeiführen konnte. An eine solche Koalition war fürs erste nun freilich nicht zu denken, denn die Monarchen hatten bald im eigenen Hause genug zu thun. Der Friedensgedanke aber herrschte vor. Im Schoße der provisorischen Regierung wurde er mit Entschiedenheit von Lamartine vertreten, und sogar viel weiter nach links stehende Mitglieder derselben, wie Louis Blanc und der Arbeiter Albert, achteten einzig und allein auf die Stürme, die im Innern der Republik aus sozialistischen Kreisen sich ankündigten, infolge der eingetretenen Arbeitslosigkeit von Woche zu Woche sich drohender näherten, so daß selbst die Eröffnung der Nationalwerkstätten den gegen die Bourgeois-Republik gerichteten blutigen Juni-Aufstand nicht verhindern konnte, der den Untergang der Republik überhaupt nach sich ziehen sollte.

Unter dem allgemeinen Stillstand der Geschäfte, der in Frankreich eingetreten war und namentlich die arbeitende Bevölkerung von Paris schwer heimsuchte, litten besonders die deutschen Arbeiter, die man eher als die einheimischen aus den Werkstätten entließ. Die Begeisterung, welche die nun einander folgenden Aufstände in Wien und Berlin sowie im Großherzogtum Baden hervorriefen, führte zu dem unglückseligen Gedanken, der von Herrn Adalbert von Bornstedt ausgehend, an Herwegh herantrat, eine deutsche demokratische Legion zu sammeln und sie zur Unterstützung Heckers nach Baden zu führen. Herwegh widerstand anfangs dieser Zumutung, doch ging er schließlich auf den Vorschlag ein, indem er die militärische Führung sachverständigen Personen, ehemaligen Offizieren überließ und die 850 Mann zählende Legion nur als politischer Berater begleitete. Vergebens, daß er sich später auf diese Thatsache berief. Die Unternehmer des Zuges brauchten einen bekannten und populären Namen und dazu mußte derjenige des mit dem Lorbeer geschmückten Dichters ihnen dienen. Dieser Zug an der Spitze der deutschen demokratischen Legion von Paris bis nach dem badischen Oberland, wo das Gefecht bei Dossenbach dem Abenteuer ein Ende machte, wurde geradezu verhängnisvoll für Herwegh, denn die durch Augenzeugen und die gerichtlichen Verhandlungen gründlich widerlegte Fabel, daß er in einem von seiner mutigen Frau über die Schweizergrenze geführten Einspänner unter dem Spritzleder sich versteckt gehalten, wurde geflissentlich von der Reaktion und gedankenlos von der indifferenten Menge verbreitet, sogar von gelehrten Historikern ohne Kritik, ohne Quellenangabe in ihren Schriften festgenagelt.