Verhängnisvoll sagte ich, wurde dieser Zug mit der Pariser deutschen Legion, die über dem Rhein das republikanische Banner entfalten sollte, für den hochbegabten Dichter. Die über seine Flucht nach der Schweiz verbreitete Fabel, die zu widerlegen er zu stolz war, versetzte sein Gemüt in tiefe Verbitterung und drängte ihn mehr und mehr von seiner Heimat, drängte den Dichter von seinem Urquell ab. Hieraus erklärt sich seine lange Unproduktivität. Mir war es manchmal — ich stand in Zürich in freundlichstem Verhältnis zu ihm und seiner Familie — als suchte er Vergessen in dem unausgesetzten Studium von Werken aus den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten. Das ewige Lesen und Lesen ließ ihn nicht zur Produktion gelangen, und er hatte doch in seiner Nähe das schönste Beispiel fortgesetzter Produktivität an Richard Wagner, den er nicht selten sah. Der langjährige, fast ausschließliche Verkehr mit Italienern, Franzosen und Russen konnte auch nicht befruchtend auf den versiegenden Quell poetischer Schöpfung wirken. Es vergingen Jahre, bis er durch die Übersetzung der Lustspiele Shakespeares für die vortreffliche Bodenstedt’sche Ausgabe des britischen Dichters aus seiner nur durch einzelne Zeitgedichte unterbrochenen Passivität heraustrat. Da aber setzte ein früher Tod seinem neu erstandenen Schaffen ein nur zu rasches Ende.

Noch einige Worte über Herwegh: Er hielt es für möglich, in Deutschland die Republik herzustellen. „Ihr habt ein paar gute Tage gehabt in Berlin,“ schreibt er einem seiner dortigen Freunde, „aber bei allem Heroismus echt deutsche Tage. Ihr habt zu kämpfen aufgehört in einem Augenblick, wo ein Ruf „au château!“ für euch und Deutschland alles entschieden hätte; man macht allerdings die Republik, ein Dutzend Menschen reicht dazu hin, und wenn sie nur eine Viertelstunde von diesen aufrecht erhalten wird, so wird sie von Millionen für lange Zeiten aufgenommen. Die Bourgeoisie fügt sich in alles.“

Für Frankreich mochte die Bemerkung richtig sein, daß man die Republik machen könne. Das ist in der That in der Februar-Revolution geschehen. Einige geheime Gesellschaften haben die ihnen durch den Doktrinarismus und die Verkehrtheiten eines Guizot geschaffene Gelegenheit benutzt, um Louis-Philippe mitsamt seinen Ministern aus Frankreich zu vertreiben. Wie lange aber hat die zweite Republik gedauert? Wenn die dritte sich seit dem September 1870 bis heute erhalten hat, so ist dies wesentlich dem Umstande zuzuschreiben, daß die alten Dynastien in Frankreich keinen einzigen zugkräftigen Prätendenten mehr stellen konnten. Der französischen Bourgeoisie und dem Landvolk ist aber auch die Staatsform sehr gleichgültig geworden, sie haben sich beide in die Republik jetzt eingelebt, die Bourgeoisie, weil sie in der Republik wie in der Monarchie ihre Interessenherrschaft zu wahren vermag, der Bauer, weil er seiner Natur nach sich stets in die gegebenen Verhältnisse schickt. Sollte die sozialistische Arbeiterpartei, was übrigens durchaus nicht wahrscheinlich ist, noch einmal einen Massenaufstand für ihren Idealstaat wagen, so würde sie wieder eine furchtbare Niederlage erleiden. Das morsche Königtum konnte in Frankreich durch eine Handvoll entschlossener Männer vernichtet werden, das wird aber nicht das Schicksal der Bourgeois-Republik sein. Sie wird nicht durch das Schwert beseitigt werden, es sei denn nach einem unglücklichen Kriege, sie geht durch die sozialen Reformen, zu denen sie sich nach und nach herbeilassen muß, einer Umwandlung entgegen, durch welche der heutige schroffe Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Arbeiterbevölkerung sich fortschreitend abschwächt, so daß auf dem natürlichen Wege der Entwicklung eine neue Gesellschaft entsteht, die zwar, soweit Menschen blicken können, niemals dem Ideal des Sozialphilosophen, jedoch den jeweiligen Bedürfnissen der Zeit und den vorhandenen Mitteln zur Befriedigung dieser Bedürfnisse entsprechen wird. Welche Gestalt diese Gesellschaft erhält, das kann uns heute wenig kümmern, denn es wäre thöricht, entfernten Geschlechtern ihre Aufgabe heute abnehmen zu wollen. In Deutschland aber, um zu dem Ausgangspunkt dieser Betrachtung zurückzukehren, denkt heute, ein halbes Jahrhundert nach den Umwälzungen des Jahres 1848, keine revolutionäre Partei daran, die Republik durch einen Handstreich zu „machen“.

Ein anderer großer Irrtum Herweghs und der damaligen demokratischen Partei geht aus demselben, kurz nach dem verunglückten Feldzug der Pariser deutschen Legion an einen Berliner Freund geschriebenen Briefe hervor. Da heißt es: „Ihr bildet Euch doch nicht ein, mit dem König von Preußen einen Krieg gegen Rußland zu führen!“ Kein politisch denkender Mensch in Deutschland hat vernünftigerweise nach der Märzrevolution an einen Krieg mit Rußland gedacht. — „Ihr bildet Euch doch nicht ein, ohne Polen, auch das wenige, was Ihr errungen, zu erhalten? Ihr verratet Polen oder Ihr werdet Republikaner! Frankreich wird nicht ruhig zusehen, es wird Polen zu Hilfe eilen, aber es wird nicht bis dahin gelangen, es wird in Deutschland hängen bleiben, in dem alsdann feindlichen Deutschland, und die alte Geschichte geht wieder los, Frankreich ist verloren, Ihr seid verloren, Polen ist verloren, und die Geschichte wird endlich gerecht sein und Euch von den Kosaken fressen lassen.“

Ist es möglich, mehr falsche Prophezeiungen in einem Zug aneinander zu häufen, als in diesen wenigen Zeilen ausgesprochen sind? Frankreich hat während der abgelaufenen letzten fünfzig Jahre keinen Schritt gethan, um Polen zu befreien, und wir sehen am Ende dieses Jahrhunderts den Präsidenten der französischen Republik und den Selbstherrscher aller Reußen sich brüderlich umarmen, wir sehen die Pariser die glänzendsten Feste zu Ehren der Allianz der demokratischen Republik mit der absolutesten aller Monarchien veranstalten, weil sie sich mit der Hoffnung tragen, unter gewissen, eines Tages vielleicht eintretenden Verhältnissen dem neu erstandenen deutschen Reich die Provinzen Elsaß und Lothringen wieder abzunehmen, ja vielleicht die alte, von dem ersten Napoleon erworbene Rheingrenze bis zur Mündung des deutschen Stromes zu gewinnen.

Ich habe niemals mich aufs Prophezeien eingelassen, ich habe auch niemals in den Fesseln der Erinnerung an die erste französische Revolution gelegen, einer Erinnerung, die in jenen Tagen noch viele Köpfe beherrschte und sie zu dem Glauben verleitete, die Dinge müßten genau so wiederkehren, wie sie von 1789 bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts sich gestaltet haben. Das Kleben an den Ereignissen jener Zeit, die das Mittelalter bis auf wenige Überreste begraben, Europa eine neue Gestalt und einen neuen Inhalt gegeben haben, hat, wie ich nur zu häufig beobachtet habe, viele ihrer Meinung nach am weitesten vorgeschrittene, von allen Vorurteilen sich frei dünkende Leute dazu geführt, daß sie stets nach rückwärts blickten, statt nach vorwärts, daß sie von der angelernten Bewunderung für die Gewaltmenschen der Schreckenszeit sich nicht frei machen konnten, von denen die meisten mir stets als recht feige Gesellen erschienen sind, weil sie aus Angst, für gemäßigt zu gelten und deshalb abgeschlachtet zu werden, den Nachbar abschlachten ließen. Neue historische Ereignisse beschäftigen die Gemüter jetzt, man ist im Besitz der großen Errungenschaften der französischen Revolution, denkt aber nicht mehr daran, die Danton und Robespierre, die Schurken des tribunal révolutionnaire, die für ein lumpiges Taggeld jeden Angeschuldigten zum Tode verurteilten, denkt nicht daran, die Marat, Fouquier-Tinville und Henriot als Lehrmeister der Weltgeschichte zu betrachten.

Fußnote:

[A] Briefe von und an Georg Herwegh. Herausgegeben von Marcel Herwegh. Paris, Leipzig, München, Albert Langen.