XIII.
Praktische Sozialpolitik.
Die Organisation der Arbeiter zu einer starken, geschlossenen Partei, so verstand ich meine Aufgabe, mußte der Organisation der Arbeit, zu welcher auch der vageste Plan nicht vorhanden war und auch nicht vorhanden sein konnte, vorausgehen. Zu jener Organisation habe ich durch Berufung des ersten deutschen Arbeiterkongresses nach Berlin den Grundstein gelegt. Diesem Kongreß ging die Bildung eines Centralkomitees voraus, in welchem ich zum Vorsitzenden ernannt wurde und das dazu bestimmt war, den Mittelpunkt einer über ganz Deutschland sich ausbreitenden Arbeiter-Verbindung zu bilden. In dem Statut hieß es: „Wir nehmen unsere Angelegenheiten selbst in die Hand, und niemand soll sie uns wieder entreißen.“ Organ des Centralkomitees war die von mir gegründete, weiter oben genannte sozialpolitische Zeitschrift: „Das Volk“, die dreimal wöchentlich seit dem 1. Juni erschien. Meine Einsicht in die wirkliche Lage und die Mittel, welche dem Sieger über das absolutistische Regiment nach dessen Beseitigung zu Gebote standen, hinderte mich, Politik ins Blaue hinein zu treiben, wie soviele andere es thaten. Der Vorschlag des jungen Schlöffel, auf revolutionärem Wege eine Änderung des oktroyierten Wahlgesetzes zu erringen, wurde von mir bekämpft, weil ich eingesehen hatte, daß die Reaktion, die ihre Streitmittel mit überraschender Schnelligkeit gesammelt hatte, nur auf den Versuch einer neuen Erhebung wartete, um sie mit den in der Nähe von Berlin zusammengezogenen militärischen Kräften niederzuschlagen und das für die Freiheit Errungene wieder zu vernichten. Der Schlöffel’sche Plan kam infolge der Opposition, die er von mir und meinen Freunden erfuhr, nicht zur Ausführung. Zur Kennzeichnung meiner Auffassung der damaligen Lage mögen übrigens einige Zeilen aus dem Programm meiner Zeitschrift dienen. „Das Volk“, so erklärte ich in seiner ersten Nummer, habe den Zweck, einerseits das Bürgertum zu unterstützen im Widerstand gegen die Aristokratie, im Kampfe gegen die noch aufrecht gebliebenen Institutionen des Mittelalters, gegen die Mächte von Gottes Gnaden, andererseits dem kleinen Gewerbetreibenden wie dem Arbeiter beizustehen gegen die Macht des Kapitals und immer voran zu schreiten, wo es gelte, dem Volke ein irgend noch vorenthaltenes politisches Recht zu erkämpfen, damit es die Mittel erhalte, sich die soziale Freiheit, die unabhängige Existenz um so schneller zu erringen.
Der Stubengelehrte wird immer leicht zum Doktrinär und als solcher sieht er nur einen einzigen Weg, der zu dem vermeintlichen Ziele führt. Die Sorge um ein letztes ideales Ziel überließ ich kommenden Jahrhunderten; mein Ziel ging nicht über das zunächst zu Erringende hinaus, nämlich, ich habe es oben angegeben, aus der formlosen, ungefügen Masse nach Überwindung der zunächst sich entgegenstellenden Schwierigkeiten eine geordnete Armee zu bilden, welche einem aller Welt verständlichen und ausführbaren Programm gehorchte. Engels hat gegen mich den Vorwurf erhoben, „in den Veröffentlichungen der von mir begründeten Organisation seien die Auffassungen des kommunistischen Manifestes mit Zunfterinnerungen und Zunftwünschen, Abfällen von Louis Blanc und Proudhon, Schutzzöllnerei u. s. w. durcheinander geworfen.“ Dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt. Ich konnte es nicht verhindern, daß sich in der allerersten Zeit auch solche Stimmen in unseren Versammlungen vernehmen ließen, die, nach dem Beispiel der Kleinmeister, die Gewerbefreiheit und die Handelsfreiheit als die Quelle alles Unheils betrachteten und ihre sehnsüchtigen Blicke nach dem wirtschaftlich überwundenen Zunftwesen zurückwandten. Giebt es ja heute, nach einem halben Jahrhundert, noch eine Partei, die dasselbe anstrebt. Weder im „Volk“ noch in der „Verbrüderung“, die ich herausgab, und über deren Inhalt ich allein zu bestimmen hatte, findet sich jedoch eine Zeile mit wirtschaftlich reaktionärer Tendenz. Engels, der es mir nicht verzeihen konnte, daß ich arbeitete, ohne vorher bei ihm, dem päpstlichen Staatssekretär in Köln, Verhaltungsbefehle einzuholen, hat mich zu jener Zeit ruhig gewähren lassen, nicht mit einem Wink mir ein Zeichen seines Mißfallens kund gegeben. Erst viele Jahre später, als die persönlichen Verbindungen aufgehört hatten, rückte er mit dem weiteren Vorwurf heraus, „ich habe es mit meiner Verwandlung in eine politische Größe etwas zu eilig gehabt und mich mit den verschiedenartigsten Krethi und Plethi verbündet, um nur einen Haufen zusammen zu bekommen.“ Ich sehe aus diesen Worten, daß er mich trotz langen persönlichen Verkehrs sehr schlecht gekannt hat. Ich hatte damals, mit dreiundzwanzig Jahren, auch nicht entfernt die Absicht, mich „in eine politische Größe“ zu verwandeln. Was ich that, geschah auf den Impuls meines jugendlichen Idealismus hin, der mich freilich nicht hinderte, die Dinge und die Menschen zu sehen, wie sie in Wirklichkeit waren, sodaß ich meinen Mitarbeitern nichts zumutete, was sie nicht zu leisten vermochten. Mit ehrenwerter Unparteilichkeit nimmt Franz Mehring in seiner „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ mich gegen die Engels’schen Beschuldigungen in Schutz. „Wollte Born,“ sagt er, „die Arbeiter als Klasse organisieren, so mußte er mit dem Gedankenkreise rechnen, in dem sie sich vorläufig erst bewegen konnten, und er hat es wenigstens nicht an Eifer fehlen lassen, sie über ihren Horizont hinauszuführen ... Entschieden trat Born aller Zünftelei entgegen; er sagte, es sei keinem Staat, der einmal die Großindustrie eingeführt habe, mehr möglich, zu einer schon niedergegangenen Produktionsweise zurückzukehren, ohne sich zu ruinieren oder eine ganz untergeordnete Stellung in der Reihe der europäischen Staaten einzunehmen.“ Daß der Gedanke Louis Blancs, durch die Gründung von Produktiv-Genossenschaften und staatliche Unterstützung derselben einer neuen Produktionsform vorzuarbeiten, als das Nächstliegende bei vielen Leuten und auch bei uns Anklang fand, kann niemand auffallen. Dieser Gedanke drängte sich zunächst allen auf, die sich mit sozialen Fragen beschäftigten. Er wurde von der „Verbrüderung“ nicht bekämpft, es geschah von meiner Seite sogar vieles, um die Gründung solcher Genossenschaften zu empfehlen. Und schließlich hat Lassalle diesen Gedanken wieder mit Eifer aufgenommen. Er hat freilich deshalb auch von Marx’scher Seite harte Angriffe erfahren müssen.
Dies, was Louis Blanc betrifft.
Wie ich damals über Proudhon dachte, davon möge ein Artikel Zeugnis ablegen, den ich bei dem Scheitern der von ihm gegründeten Volksbank veröffentlichte. „Wir haben diesem Unternehmen“, sagte ich, „durchaus keinen Beifall zugeklatscht, und wenn sein Untergang uns auch betrübt, so überrascht er uns doch nicht, denn wir haben diesen Ausgang fast mit Sicherheit erwartet, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil eine Idee, sie mag noch so groß und wahr sein, niemals da ohne weiteres zur Ausführung gebracht werden kann, wo die Elemente zur Ausführung nicht in hinreichendem Maße vorhanden sind. Wir haben immer die Organisation der Arbeiter über die Organisation der Arbeit gestellt, immer die politische Emanzipation der arbeitenden Klasse vorausgesetzt, ehe wir eine größere, in alle Gesellschaftskreise greifende Ausführung sozialer Ideen für möglich hielten... In die Zwangsjacke eines Systems läßt sich die menschliche Gesellschaft, dieser stets lebendige, stets sich erneuernde, schöpferische Organismus ebensowenig hineinzwängen, wie man einer um sich greifenden Verarmung mit Volksbanken entgegenwirken kann, die ihre Fonds aus den Taschen der Armen nehmen müssen. Wir fragen, welche Zukunft, welche Lebensfähigkeit hatte die Volksbank, wenn sie zu Grunde gehen mußte — wegen eines Prozesses des Herrn Proudhon? Mit der Volksbank wollte Proudhon die neue Welt aufbauen, in der Volksbank ruhte seine Lösung der sozialen Frage, und wegen sechs Monate Gefängnis und einiger tausend Franken Strafe, wozu Bürger Proudhon verurteilt wurde, ist die Welt wieder um ihren Heiland und ihren Erlöser geprellt. Wir können ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken, denken wir an die kleinen Eitelkeiten, die der großen Volksbewegung die Wege lichten wollten, ihr als die Josuas der Neuzeit im Prophetengewande voranziehen, nicht aber, um selbst mit dreinzuschlagen, das zackige Schwert zu führen, nein — um sich bewundern zu lassen. Da kommt Herr Considérant, ein Prophet zweiten Ranges, und will Herrn Proudhon die Erfindung der Volksbank streitig machen. Wie erbärmlich dieser kleine Krieg zwischen zwei Persönlichkeiten zu einer Zeit, wo die ganze Welt mit Entwürfen schwanger ist, die Erde bebt von den Tritten zweier großen Heeresmassen, die mit rasender Kampflust einander näher rücken und sich bald das Weiße der Augen zeigen werden, zu einer Zeit, wo eine in Ungarn von Dembinski oder Bem gewonnene Schlacht mehr wert ist als sämtliche gedruckten und ungedruckten Werke der Bürger Proudhon und Considérant zusammen, in einer Zeit, in welcher die größten Berühmtheiten sich an einem einzigen Tage abnützen.“
Das hier Mitgeteilte ist charakteristisch für meine damalige Denk- und Ausdrucksweise, und ich weiß es Herrn Franz Mehring Dank, daß er es in seinem Geschichtswerk angeführt hat. Der Satz „in die Zwangsjacke eines Systems läßt sich die menschliche Gesellschaft nicht hineinzwängen,“ beweist zugleich, welchen Eindruck das im Sommer 1848 erschienene „Kommunistische Manifest“ auf mich hat machen müssen. Das Manifest war freilich schon kurz vor der Februarrevolution als „ausführlich theoretisches und praktisches Parteiprogramm“ des Bundes der Kommunisten abgefaßt. War es nun praktisch, in jenen ersten Tagen der sozialen Bewegung von einem Ziel zu sprechen, das heute, nach fünfzig Jahren, noch niemandem in einem nur einigermaßen bestimmten Bilde sich darstellt? Ist überhaupt die Ersetzung des Privateigentums durch ein Gesamteigentum, oder wie man später sich ausdrückte, durch die „Verstaatlichung aller Arbeitsmittel“ die Lösung, die als unbestreitbares Ergebnis der Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse sich uns aufdrängt? Und angenommen, die wissenschaftliche Betrachtung der Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens der Menschheit hätte zu diesem nicht mehr abzuweisenden Ergebnis geführt, so konnte es sich dabei ja doch nur um ein aus dem Nebel weit entfernter Zukunft sich ankündigendes Resultat geschichts-philosophischer Forschung handeln, aber nicht um etwas, was mit den Bedürfnissen der Gegenwart irgend welchen Zusammenhang hatte. Engels hat in seinem Buch „die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ den Kommunismus, weil er ihn aus der Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit als den Endpunkt der heutigen Bewegung zu erkennen glaubte, noch zu erleben gehofft. Er steckte als Beurteiler der Welt, in der er lebte, in großer Unklarheit. Von seinen wiederholten Prophezeiungen über den bevorstehenden Zusammenbruch dieser schnöden Welt ist auch keine in Erfüllung gegangen, wenngleich er den Termin für diesen Zusammenbruch von Zeit zu Zeit etwas hinausrückte. Was mich betrifft, so beschränkte sich im Lauf der Jahre mein Blick in die Zukunft auf die Erkenntnis, daß ohne Zweifel der bisherige Eigentumsbegriff wie in allen vergangenen Zeiten eine fortschreitende Wandlung in dem Sinne erfahren werde, daß durch den Willen des Volkes gewisse, nicht mehr aufrecht zu erhaltende, auf dem Kollektivbesitz von Aktiengesellschaften beruhende Unternehmungen, wenn die Notwendigkeit es dringend zum Besten der Gesamtheit erfordert, in den Besitz der Gesamtheit, d. h. des Staates, übergehen werden. Dieser Prozeß hat längst begonnen, in monarchischen, wie in republikanischen Staaten, und wie die Straßen und Brücken, die Posten und Telegraphen, die Schulen, die Museen und Bibliotheken, die städtische Beleuchtung, Parks und Erholungsanstalten, die Spitäler und mannigfaltigen Einrichtungen zum Besten des Gemeinwohls sich mehr und mehr im Geist unserer Zeit ausdehnen und vervollkommnen und immer neue Zweige der verschiedensten Einzelunternehmungen sich in Unternehmungen der Gemeinden oder Staaten umwandeln, wie man in der Schweiz Gemeindekäsereien und in Dorfgemeinden aller Länder gemeinsame Bäckereien besitzt, so werden sicher sehr viele andere der gemeinsamen Ausbeutung zugängliche Unternehmungen nach und nach in die Leitung einer größeren oder geringeren Gemeinsamkeit übergehen. Der Kampf aller gegen alle, wie er aus dem manchesterlichen Dogma des „freien Spiels der wirtschaftlichen Kräfte“ sich entwickelt hat, wird nicht ewig dauern, werden ihm ja doch schon von Jahr zu Jahr, sogar in der Bourgeois-Gesetzgebung Schranken gesetzt. Daß daraus aber in noch so entfernter Zeit sich die Aufhebung des bürgerlichen oder Privateigentums — beide, sich nicht ganz deckende Ausdrücke wechseln im „kommunistischen Manifest“ ab, — ergeben müsse, ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. Dieser Überzeugung sind, wie aus so vielen ihrer Kundgebungen hervorgeht, auch die meisten Führer der sozialdemokratischen Partei. Sie gehen deshalb mit Recht auf die Aufforderung nicht ein, doch mit einem klaren Bilde von ihrem Zukunftsstaat ihre Anhänger wie ihre Gegner zu erfreuen. Zur Zeichnung eines solchen Bildes, wenn sie dazu nicht die phantastischen Farben eines Romanschreibers wählen wollen, fehlt es an jeglichem positiven Material. Die sozialdemokratischen Führer haben sich auch nach manchen Schwankungen über die Frage, ob sie an der Reformarbeit sich beteiligen sollen, die auf dem Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung möglich ist, schließlich zur Beteiligung an derselben entschlossen. So werden sie schrittweise aus Sozialrevolutionären zu Sozialreformern.
In einem Lande wie die Schweiz, wo nahezu die letzten Konsequenzen demokratischen Staatslebens gezogen worden sind, wo zum allgemeinen, geheimen Stimmrecht die Wahl der Regierenden und der Richter durch das Volk gekommen ist, die Volksabstimmung über neue Gesetze und die Volksinitiative in der Gesetzgebung Regel geworden, fällt es der sozialdemokratischen Partei gar nicht ein, sich als eine revolutionäre Partei auszuspielen. Hier regiert das mehr oder weniger gut informierte, durch den Stimmzettel seinen Willen kundgebende Volk. Vor einigen Jahren erklärte ich in einem in Basel gehaltenen Vortrag über die soziale Bewegung, daß, wenn jemals die Gefahr eintreten sollte, daß die Weissagung von der allgemeinen Verelendung d. h. von der schließlichen Aufsaugung des gesamten Besitztums der mittleren Volksschichten durch Millionen besitzende Kapitalisten sich zu erfüllen drohte, so daß es im Lande schließlich nur Krösusse und Bettler gäbe, wir zuverlässig die Mittel finden würden, solcher Kalamität durch unsere Gesetzgebung vorzubeugen. Ich fühlte, als ich diesen Satz aussprach, daß die Versammlung mit mir in vollstem Einverständnis sich befand. Der letzten Konsequenz der Lehre vom „freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte“ würde jedes Volk, auch wenn es nicht im Besitz des Referendums und der Initiative ist, durch gesetzliche Maßregeln vorzubeugen wissen. In den nordamerikanischen Freistaaten, wo die ganze Bevölkerung fieberhaft dem Gotte Dollar nachjagt, und wo es der Association der Geldmächte, den das ganze wirtschaftliche Leben der Nation umklammernden Ringen des Großkapitals gelungen ist, den Staat und die ihrer Ausbeutung überlieferten arbeitenden Klassen ihren Zwecken dienstbar zu machen, kann und wird diesen Ringen durch die Reform der Gesetzgebung das Handwerk gelegt werden. Wer aber möchte behaupten, daß der trockne, alle Ideologie verachtende Amerikaner deshalb bis zur Aufhebung des Privateigentums vorgehen werde?