Jedem unbefangenen Beobachter drängt sich die Wahrnehmung auf, daß seit dem jetzt verflossenen halben Jahrhundert ein neuer Geist die Herrschaft über die Bevölkerung aller europäischen Staaten gewonnen hat. Der „um seine Emanzipation kämpfende vierte Stand,“ wie der Exminister Herr von Berlepsch sich kürzlich ausdrückte, ist zu einer Macht geworden, die von Jahr zu Jahr an Stärke zunimmt, damit aber an revolutionärem Charakter verlieren muß. Revolutionär sind nur diejenigen, die noch um die ersten elementaren Rechte des Staatsbürgers kämpfen müssen. Revolutionär waren die mit dem allgemeinen Stimmrecht noch nicht ausgestatteten Barrikadenkämpfer des 24. Februar, des 13. und 18. März 1848, revolutionär die Arbeiter, welche gemeinsam mit der Bourgeoisie für die Einheit Deutschlands kämpften. Mit jedem Stück, das erreicht worden, mußte sich der revolutionäre Charakter der Bewegung abschwächen. Reden in dem Ton, wie sie einst Hasenclever und andere vor einigen Jahrzehnten noch gehalten, sind für Deutschland heute vollständig veraltet. Diejenigen politischen Rechte, die dem „vierten Stand“ noch vorenthalten sind, wird er auf friedlichem Wege und in nicht allzu langer Zeit besitzen; darüber erhitzt sich niemand mehr. Auf dem politischen Gebiet ist ein großes Terrain gewonnen worden. Nicht den geringsten Fortschritt hingegen in der Eroberung der Geister haben die kommunistischen Ideen gemacht, wie sie das von Marx und Engels unterzeichnete Manifest vom Ende des Jahres 1847 entwickelt. Verfolgt man übrigens die Vorreden zu diesem Manifest, (die erste ist vom Jahre 1872, die letzte vom Jahre 1890) so erkennt man darin auch, daß die Verfasser dieses historisch hochinteressanten und wichtigen Aktenstückes, zuletzt der Marx überlebende Engels, an dem ursprünglich gewählten Ausdruck „kommunistisch“ selbst nicht mehr absolut festhalten. In jener Vorrede des Jahres 1890 heißt es: „Derjenige Teil der Arbeiter, der von der Unzulänglichkeit bloßer politischer Umwälzungen überzeugt, eine gründliche Umgestaltung der Gesellschaft forderte, nannte sich damals (1847) kommunistisch. Es war ein nur im Rauhen gearbeiteter, nur instinktiver, manchmal etwas roher Kommunismus, aber er war mächtig genug, um zwei Systeme des utopistischen Kommunismus zu erzeugen, in Frankreich den „ikarischen Cabets“, in Deutschland den von Weitling. Sozialismus bedeutete 1847 eine Bourgeois-Bewegung, Kommunismus eine Arbeiter-Bewegung: Der Sozialismus war, auf dem Kontinent wenigstens, salonfähig, der Kommunismus war das gerade Gegenteil. Und da wir schon damals sehr entschieden der Ansicht waren, daß „die Emanzipation der Arbeiter das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muß,“ so konnten wir keinen Augenblick im Zweifel sein, welchen der beiden Namen zu wählen. Auch seitdem ist es uns nie eingefallen, ihn zurückzuweisen.“

So schrieb Engels am 1. Mai 1890. „Kommunistisch“ nannte er also das von ihm und Marx 1847 verfaßte Manifest, weil der Sozialismus angeblich damals schon salonfähig in der Bourgeoisie war. Wir können die eben zitierten Worte nicht ohne weiteres hingehen lassen. Der „utopische Kommunismus“ war weder in Frankreich noch in Deutschland vor 1848 so verbreitet, daß er dort die Aufstände von 1834 in Lyon und die Februarrevolution von 1848 in Paris, in Berlin den Aufstand vom 18. März 1848 hätte hervorrufen können. Die kleine Sekte der Cabetisten kam gar nicht in Betracht in einem Lande, wo der Arbeiter seit der großen französischen Revolution, gewissermaßen von der Tradition geleitet, um seine politische Gleichberechtigung und um eine Erhöhung seines gesamten Lebensstandes in den Kampf ging; von Weitling war kaum der Name in die Arbeiterkreise Deutschlands gedrungen. Als er 1848 in Berlin erschien und dort eine Rolle zu spielen versuchte, wurde er kaum beachtet. Nicht die Urheber kommunistischer Systeme, die mit ihren Ideen über einen kleinen Kreis von ein paar hundert Menschen nicht hinausgedrungen waren, haben 1848 die Arbeiter-Bewegung gemacht, sondern, wie es in der eben zitierten Vorrede verlangt wurde, so geschah es in Wirklichkeit: Die Emanzipation der Arbeiter, ohne Anerkennung, ja ohne Kenntnis irgend eines in festen Formen vorhandenen sozialistischen Systems, war das Werk der Arbeiter selbst, sie wird auch ihr Werk bleiben. Die Anschauung stimmt ja auch zu der im Manifest dargelegten historischen Entwickelung des Klassenkampfes.

Es ist meiner bescheidenen Ansicht nach ein großer Widerspruch in der Marx’schen Theorie, daß diese auf dem im vorigen Jahrhundert zuerst aufgetretenen, heutzutage in das Bewußtsein aller Mitlebenden übergegangenen Entwicklungsgedanken beruht und dennoch dem geschichtlichen Werdegang nicht die Gestaltung der Zukunft anheimstellt, sondern schon vor fünfzig Jahren von einer unausbleiblichen kommunistischen Gesellschaft spricht, in welcher, weil dann die Klasse der Lohnarbeiter zur Herrschaft gelangt wäre, aller Klassenkampf überhaupt aufhören würde. Dieser Gedanke, er mag von nationalökonomischem Gesichtspunkte aus noch so geistreich begründet worden sein, lebt heute ebensowenig wie vor fünfzig Jahren im Bewußtsein des Volkes. Der Glaube, den Entwicklungsgang der Menschheit, als unterliege er wie der Gang der Gestirne unfehlbaren mathematischen Gesetzen, in mehr als allgemeinen Linien vorausbestimmen zu können, ist sicher ein Irrtum. Wo man es mit dem Menschen zu thun hat, da ist man niemals im Besitz aller Faktoren, die in Rechnung gezogen werden müßten, wollte man ein genaues Ergebnis aus der Betrachtung seiner individuellen und seiner nationalen Rolle im Haushalt der Natur ziehen. Gewisse, das Gesamtergebnis beeinflussende Faktoren wird man immer übersehen oder man wird als konstantes Element das angesehen haben, was nur eine vorübergehende Erscheinung war. Wie bestechend auch die Marx’sche Weltbetrachtung sein mag, die alles was ist, aus wirtschaftlichen Ursachen erklärt, so ist sie sicher nicht das letzte Wort der Philosophie der Geschichte. Die den Entwicklungsgang der Menschheit bestimmenden Impulse und Ideen entspringen wohl aus dem materiell gebundenen menschlichen Organismus, aber einmal in der Welt wirksam, setzen sie ihr eigenes, unvergängliches Leben Jahrhunderte hindurch fort, bis sie modifiziert oder von anderen Ideen abgelöst werden, die wiederum Kinder der Not und des Zeitbedürfnisses, die Herrschaft mit dem rein stofflichen Alltagszwang teilen, ja, in großen Entwicklungsmomenten sie vorübergehend ganz allein übernehmen.

XIV.
Der erste deutsche Arbeiterkongreß. „Die Verbrüderung.“

Auf den 6. April 1848 berief ich mit einigen Freunden in Berlin eine Arbeiterversammlung, deren Vorsitz zu übernehmen ich ersucht wurde. Die Berliner Zeitungen rühmten die große Ordnung, die bei aller Lebendigkeit und Frische der Verhandlungen in dieser Versammlung waltete. Gegenüber einigen in Hamburg und Mainz verunglückten Versuchen, sich über ein Programm zu verständigen, gelangte man zu dem, was zunächst notwendig war, zum Beginn einer Organisation.

Die Deputierten der verschiedenen Gewerke bildeten auf meine Anregung aus sich heraus ein Centralkomitee, das seinerseits einen Ausschuß von fünf Mitgliedern zur Ausarbeitung von Vorlagen an jenes Centralkomitee wählte. Erst die von diesem genehmigten oder modifizierten Vorlagen sollten an die Deputationsversammlungen und von diesen an die einzelnen Gewerke und Arbeiterklubs gehen. Jeder Versuch, diesen Beginn einer Organisation zu stören, wurde abgewiesen, auch ein solcher des wohlmeinenden Geheimrats Lette, der an der Spitze eines „Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen“ gestanden und in humanitären Unternehmungen manches Gute geleistet hat. Er wollte uns überreden, die beabsichtigte Organisation in Verbindung mit den Unternehmern auszugestalten. Nachdem er schon — ich folge hier dem Buche Dr. Georg Adlers[B] — durch ein Flugblatt hierauf hinzuwirken gesucht, erschien er persönlich in einer der Deputationsversammlungen der Arbeiter und trug seine Ansichten vor. Er wurde aber von mir in die Minderheit gebracht, indem ich darauf hinwies, daß eine im Interesse der Arbeiter liegende Verständigung mit den Unternehmern nur dann möglich sei, wenn die ersteren zuvor gesondert ihre Interessen gewahrt hätten, da sonst der Einfluß der Unternehmer dominieren oder mangels Einigung gar keine Beschlußfassung zustande käme: „Gründe“, sagt Dr. Adler, „deren Berechtigung viele Jahre später noch im Reichstage vom preußischen Staatsminister von Bötticher anerkannt wurden (gelegentlich der Beratung der im Unfallversicherungs-Gesetzentwurf vorgesehenen Arbeiterausschüsse.)“ Diese Gründe leuchteten auch den Arbeitern ein und sie verwarfen demgemäß Lettes Vorschläge.

Der erste deutsche Arbeiterkongreß, der nach mehrtägigen ernsten Beratungen ein im wesentlichen den Anforderungen jener Zeit entsprechendes Programm aufstellte und dessen Organisationsplan nach und nach in einem beträchtlichen Teil Deutschlands angenommen wurde und die Grundlage für die späteren Parteiverbindungen abgab, wurde von mir am 23. August eröffnet. Auf meinen Antrag wählte die Versammlung ein Mitglied der Nationalversammlung, den ehrwürdigen Professor Nees v. Esenbeck, Delegierten des Breslauer Arbeiter-Vereins, zum ersten Präsidenten. Zum zweiten Präsidenten wurde ich, zum Protokollführer Bisky gewählt. Die Arbeiten dieses Kongresses dauerten bis zum 3. September. Das Ergebnis derselben umfaßt eine Broschüre, die unter den aus jener Zeit erhaltenen Dokumenten ohne Zweifel noch in einigen Exemplaren sich vorfindet. Sie enthält die Statuten der von dem Kongreß gegründeten Arbeiter-Verbrüderung, zugleich die Forderungen jenes Kongresses, sein Programm. Es kann nicht auffallen, daß in diesem ersten Kongreß einige Gedanken, die vor einer strengen Kritik nicht bestehen können, trotz lebendigster Redekämpfe schließlich um des lieben Friedens willen in dem Aktenstück stehen geblieben sind, das dennoch, alles in allem, für jene Zeit einen großen Sieg über säkuläre, von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzte Vorurteile bedeutet. Schon der einzige Abschnitt über Volkserziehung und Schule zeigt, wie sehr der Horizont des arbeitenden Volkes sich nach jenen Gewittertagen des März geklärt hat. Gar manche der in diesem Abschnitt damals aufgestellten Forderungen warten in dem einen und andern deutschen Staat noch heute ihrer Verwirklichung. Wirtschaftlich weist das Programm mit Nachdruck auf die Gründung von Konsum- und Produktivgenossenschaften und auf Beteiligung des Arbeiters am Gewinn des Unternehmers hin. Im Gegensatz zu Schulze-Delitzsch, der allein auf Selbsthilfe rechnete, wird in der „Verbrüderung“ die Staatshilfe in Aussicht genommen. Gewiß, weder die Selbsthilfler noch die Staatshilfler haben bis zur Stunde an Stelle der alten Gesellschaft eine ganz neue Gesellschaft mit ausschließlich kollektivistischer Produktionsform gesetzt. Das beweist nur, daß bis zur Stunde die Bedingungen zur Herstellung einer die Produktionsform der freien Konkurrenz ablösenden anderen Produktionsform nicht vorhanden waren, daß eine so ungeheure wirtschaftliche Wandlung, wie sie von einer Seite gefordert wird, eine vollständige Wandlung menschlicher Geistesrichtung, um nicht zu sagen der menschlichen Natur voraussetzt, und deshalb, wenn sie überhaupt stattfinden soll, einen sehr großen Zeitraum zu ihrem Vollzuge voraussetzt. Bei solchen Kongreßbeschlüssen kann es sich ja selbstverständlich nur um praktische, in absehbarer Zeit zu verwirklichende Aufgaben einer Partei handeln. Die Zeit selber, welche stets mit unerwarteten neuen Faktoren auftritt, wirkt nach und nach mit einem gebieterischen „Du mußt!“ ihrerseits mit und führt nur zu häufig allzu kühne Vorausberechnungen ad absurdum. Das wichtigste Resultat des Kongresses war jedenfalls die aus ihm hervorgegangene, sich ziemlich rasch aufbauende Organisation des vierten Standes.