Sonderbar erscheint mir heute der vom Geometer Schweninger formulierte und wider alles Erwarten durchgegangene Vorschlag der Wahl besonderer Komitees in den Bezirks-Vereinen, welche den Minimallohn bestimmen, die Löhne der Arbeiter von den Unternehmern einkassieren und an die Arbeiter zur Auszahlung bringen sollten. Letzteres bezweckte die Möglichkeit eines zehnprozentigen Abzuges vom Lohne zur Gründung einer Kreditbank, aus deren Mitteln der Bund Häuser und Äcker zur Benutzung für die Arbeiter zu erwerben gedachte. Dieser Vorschlag gründete sich auf ein Experiment, das nach Schweningers Bericht bei einem Unternehmen in Westfalen auf dem Wege der Ausführung sich befand. Im Grunde schwebte dem Kongreß die Gründung von Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe als das Nächstliegende vor. Solche Genossenschaften, so rationell sie erscheinen, werden der Staatshilfe noch lange entbehren, es sei denn, daß sie durch ihre geschäftliche Führung und ihre Leistungen ein Vertrauen sich erworben haben, welches freilich an sich schon ihnen den Kredit einer Bank sichern sollte, so daß sie, wie daraus zu schließen wäre, auch ohne Staatshilfe bestehen könnten. Diesen Genossenschaften fehlte es bis jetzt in der Regel an der höheren kaufmännischen Leitung. Man sollte meinen, daß sie diese unschwer erlangen müßten, sobald sie auf die gleiche Besoldung aller Beteiligten verzichten und die unentbehrliche höhere Leistung auch höher honorieren. Dann dürfte sich auch dem Mangel an Betriebskapital abhelfen lassen. In England haben eine beträchtliche Anzahl von Produktivgenossenschaften zu den schönsten Ergebnissen geführt. Dabei stellte sich mehr und mehr die Thatsache heraus, daß im vierten Stande selber eine Scheidung seiner mannigfaltigen Elemente zu Tage tritt, sodaß die nicht den Genossenschaften angehörenden, auf einer unteren Stufe stehenden Arbeiter an den Besserungen im Lebensstand nicht teilnehmen und die Zahl der Paupers vermehren, aus denen nach Ablauf einer geraumen Zeit ein fünfter, nach Erlösung trachtender Stand sich gestalten wird. So will es augenscheinlich die Entwicklung der Menschheit. Utopistisch erscheint bei dieser Erfahrung jedes System, welches darauf ausgeht, die ganze leidende Menschheit auf einmal zu vollkommener materieller Unabhängigkeit zu führen. Soweit man in die Zukunft zu blicken vermag, bleibt immer ein großer Rest übrig, der nach unsäglichen Anstrengungen sich endlich zur Freiheit durchringt, und dieser Rest ist niemals der letzte.
Der Kongreß ernannte zum Schluß ein Centralkomitee für die deutschen Arbeiter, welches die Aufgabe hatte, die beschlossene Organisation überall da ins Leben zu rufen, wo sie Schwierigkeiten begegnete, und da, wo sie begonnen hatte sie kräftigst zu unterstützen. Zu diesem Zwecke sollte dem Centralkomitee eine zunächst zweimal wöchentlich erscheinende Zeitschrift, „Die Verbrüderung“ dienen, welche die Prinzipien der großen Arbeiterverbindung zu erläutern und zugleich einen Sprechsaal für die arbeitende Klasse abzugeben hatte. Diese Zeitschrift, von Anfang Oktober 1848 bis Anfang Mai 1849 von mir redigiert, ist das einzige Dokument aus meiner Jugendzeit, das sich in meinem Besitz erhalten hat. Indem ich es heute betrachte und durchgehe, kann ich mich einer gewissen inneren Bewegung nicht erwehren. Ein Jugendtraum voll warmer Hoffnungen und verlockender erster Blütenansätze, eine Zeit raschen Entschließens und begeisterten Handelns wird mit diesen vergilbten Blättern wieder lebendig für mich, und sie enthalten weniges, das ich nicht geschrieben haben möchte in jenen schönen Tagen reinster Selbstlosigkeit und gesegneter Rücksichtslosigkeit, wo einem der Gedanke fern liegt, was wohl die andern zu unserem Thun sagen mögen, wo wir, auf uns allein gestellt, nur von dem einen Drang bestimmt werden, unsere Pflicht zu erfüllen und alles übrige zu verachten.
Ich war mit zwei anderen Mitgliedern des Berliner Kongresses, Schweninger und Kick, in das Centralkomitee gewählt worden, das seinen Sitz in Leipzig aufzuschlagen hatte. Das Geschäftliche des von mir redigierten Parteiorgans „Die Verbrüderung“ übernahm der Buchhändler Ludwig Schreck, er ließ das Blatt bis zum 1. Januar, wo unsere erste Assoziation, die Vereinsdruckerei, ins Leben trat, bei Brockhaus drucken. Der vornehmste Leipziger Buchdrucker lieh seine Lettern und seine Pressen zur Herstellung eines Arbeiterblattes her, das auf jeder Seite seinen revolutionären Ursprung bekundete. Auch darin ist das bald erloschene Frührot jener neuen Zeit zu erkennen.
Fußnote:
[B] Die Geschichte der ersten sozialpolitischen Arbeiterbewegung in Deutschland. Breslau 1885. S. 160.
XV.
In Leipzig. Bakunin.
Ich stand persönlich viel zu sehr in einem bestimmten Kreise der Bewegung des Jahres 1848, um als deren Geschichtsschreiber auftreten zu können. Was ich in dem Vorangegangenen gegeben habe, soll nichts als ein kleiner Beitrag zu einer von jüngeren Schriftstellern zu erwartenden Darstellung einer aus dem Chaos sich mühsam losringenden neuen Zeit sein. Ich beschränke mich möglichst darauf, die Atmosphäre zu kennzeichnen, in der ich mit breiten Schichten des deutschen Volkes damals geatmet habe. Das eigentümliche Kolorit jener stürmischen Zeit, die Physiognomie mancher damals häufig genannten Persönlichkeit mag da und dort aus dem anspruchslos Erzählten etwas greller hervortreten, als mein leicht skizziertes Bild verträgt. Was thut’s? So muß ich heute von Michael Bakunin sprechen, dem ich zuerst in Brüssel begegnet war, als man ihn wegen einer an der Revolutionsfeier der Polen gehaltenen Rede aus Paris ausgewiesen hatte. Dieser furchtbare Revolutionär, der Begründer des Nihilismus und Anarchismus war im Grunde ein hundert Kilo schweres, naives Kind, ein enfant terrible, wenn man will, immerhin ein enfant. Die Naivetät, mit der er sich durch alle Krümmen des Lebens durchzuschlagen wußte, hatte für Leute anderer als russischer Nationalität etwas geradezu Verblüffendes. Wo ein Deutscher nicht aus noch ein gewußt hätte, kam er sorglos weiter. Und dabei vergab er sich nie etwas, er blieb in jedem Falle ein Mann der guten Gesellschaft, ein Gentleman. Der Kummer hat in dieses runde Gesicht mit den funkelnden Augen nie eine Furche gegraben. Seinem Aussehen nach war er stets ein Mann in den besten Jahren. Ob er vierzig oder fünfzig oder noch mehr zählte, das war ihm nicht anzusehen. Ich sah ihn einige Zeit nach seiner Flucht aus der sibirischen Verbannung in Bern wieder. Seit unserem Zusammentreffen in Leipzig und Dresden waren wohl an die fünfzehn Jahre vergangen. Bakunin sah unverändert aus. Nur etwas rühriger, lebhafter in seinen Bewegungen, unruhiger war er geworden. Dies war wohl daher gekommen, daß er einen Hof von jungen Russen und Polen um sich hatte, die ihn als eine Art Propheten und Heiland betrachteten. Diese Rolle mochte ihm unbequem sein und ihm die Unbefangenheit und natürliche Heiterkeit nehmen, die ihn früher nie verlassen hatte. Einem systematischen Denker wie Marx mußte dieser alte Knabe, der aus allen philosophischen Töpfen geschleckt und bei seinem robusten Naturell niemals gemerkt hatte, wie sehr er sich dabei den Magen verdorben, notwendig antipathisch sein. Bakunin war dies nicht verborgen geblieben, und er ging ihm aus dem Wege. Mit mir knüpfte er in Brüssel an, um sich über dies und jenes Auskunft zu holen. Ein näheres Verhältnis konnte sich zwischen uns nicht entspinnen, ich war ihm zu jung, er war mir eine zu fremdartige Erscheinung. Er blieb nach der Februar-Revolution nicht in Paris, nach dem 18. März ging er nach Berlin. Von dort, der deutschen Stadt aus, betrieb er die Organisation des Prager Slavenkongresses, auf dem die Vertreter der einzelnen Länder bekanntlich deutsch sprechen mußten, um sich zu verstehen.