Wir haben uns in Berlin öfter gesehen. Eine Szene, in welcher er eine durchaus unpolitische, aber für seine Natur sehr charakteristische Rolle spielte, ist lebendig in meiner Erinnerung geblieben. Es war in dem engen Hinterzimmer eines Berliner Cafés. Wir waren etwa ein Dutzend Gäste, von denen die meisten, wie z. B. d’Ester aus Köln, Stein und Elsner aus Breslau, der preußischen Nationalversammlung angehörten. Da machte einer den Vorschlag, einen russischen Punsch zu bereiten und Bakunin übernahm diese Aufgabe. „Ich werde Euch einen Hohenstaufen machen,“ rief er aus. „Chochenstaufen“ klang das Wort in seinem Munde, er sprach das h wie ch aus. „Mit diesem Trank im Leibe seht Ihr Chelena in jedem Weibe!“ Man brachte ihm auf seine Anordnung die verlangte Quantität Rum, Zucker, mancherlei Gewürz dazu und einen tiefen kupfernen Kessel. Bakunin zündete den Rum an, löschte die Lichter aus, den Rock hatte er abgelegt, die Hemdärmel aufgerollt, und nun rührte der Riese mit breitem Löffel in den bläulichen Flammen, in deren Schein er wie ein Abgesandter der Hölle sich ausnahm, während wir andern mit erdfahl beleuchteten Gesichtern seinem unheimlichen Treiben zuschauten. „Den Teufel spürt das Völkchen nie,“ brummte er vor sich hin, „und wenn er sie beim Kragen chätte!“ Wasser war für das Gebräu nicht vorgesehen, als Abschwächungsmittel dienten einige Flaschen Rheinwein, die am Schluß dem Ganzen zugesetzt und in den brennenden Rum gegossen wurden.

Der Trank wurde eingeschenkt, die Flamme im Kessel war erloschen, die friedlichen Lichter erhellten wieder das Zimmer, man trank, ein Rundgesang wurde angestimmt; ich habe niemals wieder einer so plötzlichen Wirkung des Alkohols beigewohnt. Man wurde sehr — lustig.

Es mag sonderbar klingen, daß in der Begegnung, die ich einige Monate später mit Bakunin in Leipzig hatte, das Trinken wieder eine Rolle spielte. An mir lag das sicher nicht. Polizeilich wurde damals auf Bakunin gefahndet, der Prager Slavenkongreß, auf dem er aufrührerische Reden gehalten, hatte die Veranlassung dazu gegeben. Die Polizei war damals noch nicht wieder, wie unter dem alten Regiment, sehr dienstbereit; die sächsische Regierung selber wünschte es wahrscheinlich nicht anders. Bakunin hatte bei einem mir befreundeten Buchhändler ein Asyl gefunden, es war entweder Ernst Keil oder Schreck gewesen, der ihn unter sein gastliches Dach genommen. Ein großer Saal, in welchem der Schützling täglich tausend Schritte abzählen konnte, da er nicht ganz ohne Bewegung bleiben durfte, war da eine wahre Wohlthat für ihn. Abends, „wenn die Sonne war gesunken,“ machte er sogar einen Ausgang in den „goldenen Hahn“, wo er mit mehreren Vertrauten unbehelligt sich einige Stunden unterhalten durfte. Eines Tages hatten wir es unternommen, ihn nach einem benachbarten Orte zu führen, wo er über die ihm gewordene kurze Freiheit so glücklich war, daß er unverkennbar angeheitert auf dem Heimwege uns immer vorausrannte und jeden ihm Begegnenden mit der lauten Frage anhielt: „Wo ist der goldene Chahn?“ — Ja, wo ist der goldene Chahn? Die Frage, in ihrer russischen Aussprache, wirkte erst verblüffend, dann so ergötzlich auf die Angeredeten, daß einer sie dem andern auf dem langen Wege in die Stadt zurief. Aus jedem Munde erscholl sie mit einem Mal als die größte und wichtigste aller Zeitfragen: „Wo ist der goldene Chahn?“ Und als wir in dem trauten Absteigequartier endlich eintrafen, wurden wir unter schallendem Gelächter mit der Frage begrüßt: „Wo ist der goldene Chahn?“

Nichts charakterisiert übrigens Bakunin besser als die folgenden Zeilen, die wir dem 1890 erschienenen Buche „Karl Vogt, par William Vogt“ entnehmen: Karl Vogt hatte in jungen Jahren Bakunin in Paris kennen gelernt und mit ihm einen gemeinsamen Haushalt eingerichtet. Der dauerte vierzehn Tage. Schon am dreizehnten war kein Heller mehr in der gemeinsamen Kasse, und zu allem Unglück wurde ihnen der Kredit im Restaurant gekündigt, weil Bakunin die legitime Gattin des ehrenwerten Speisewirts zu sehr geplagt hatte. Was war nun zu thun? Der Beutel leer und — das allerschlimmste! — der Vorrat an Zigarretten völlig erschöpft. Die Tugend der Enthaltsamkeit behagte diesen auserlesenen zwei Feinschmeckern durchaus nicht. Unbekannt in den anderen Restaurants, konnten sie nicht daran denken, das Vertrauen der Leute auf ihr ehrliches Gesicht hin zu gewinnen, besonders mit einem Appetit, wie der ihrige war. Eine düstere Verzweiflung bemächtigt sich nun Bakunins, der sich auf’s Bett hinwirft, um sein regelloses Leben, seine Verschwendung zu beweinen. Über den Hunger konnte ihm selbst die hochverehrte Hegel’sche Philosophie nicht hinweghelfen; da plötzlich tritt der Briefträger mit einer Geldsendung für den Doktor Vogt ein. Hurrah! Hier liegen drei schöne Bankbillets, jedes zu hundert Franken, ein Reichtum, den der Verleger eines deutschen Fachblattes dem jungen Naturforscher für seinen Bericht über die wissenschaftliche Bewegung in der französischen Hauptstadt sendet. Am Abend, als Vogt, der sich von seinem Freunde Emanuel Arago einen Louisd’or geliehen hatte, nichts Arges ahnend, ins Zimmer tritt, ist er fast starr vor Entsetzen. Ein gedeckter Tisch, Champagnerflaschen, und Bakunin, in einer Wolke von Tabakrauch, hält eine Rede an fünf oder sechs Polinnen, um zum Schluß einer jeden auf das Galanteste ein Paar Handschuhe zu überreichen. Man aß gut, man trank viel, am andern Morgen aber war kein Maravadi mehr im Beutel. Vogt brach die gemeinsame Wirtschaft ab. —

Bakunin war nicht übelnehmerisch, doch ging er nach seinem Exil in Sibirien nicht mehr zu Karl Vogt, der bekanntlich in einen bösen Streit mit den Sozialisten geraten war. Bakunin konnte es ihm nicht verzeihen, daß sein Jugendfreund eine seiner Parteireden in folgenden Versen persifliert hatte.

„Wir wollen uns in Schnaps berauschen,

Wir wollen unsre Weiber tauschen,

Und aufgelöst sei Mein und Dein.

Wir wollen uns mit Talg beschmieren