Die Reaktion hatte mehr Zuversicht gewonnen. Robert Blum war in der Brigittenau zu Wien standrechtlich erschossen worden.

Man täuscht sich wohl nicht, wenn man annimmt, daß zwischen Österreich und Preußen eine Verständigung über die gleichzeitig zu ergreifenden Schritte gegen die Folgen der Märzrevolution stattgefunden hatten. In beiden Ländern wurden schon Mitte August Truppenmassen zusammengezogen, welche die Aufgabe hatten, die „Ordnung“ wiederherzustellen. Von Böhmen aus sollte eine Armee unter dem Oberbefehl des Fürsten Windischgrätz die Eroberung Wiens besorgen, in der Mark Brandenburg kommandierte General Wrangel die zum Einzug in Berlin bestimmte Armee. Als Fürst Windischgrätz vorrückte, um Wien zur Unterwerfung zu zwingen, schickte das Frankfurter Reichsministerium zwei Kommissäre zur Vermittlung an ihn ab, die der österreichische Feldherr einfach zu den Ministern nach Olmütz sandte, welche die ungebetenen Gäste mit einigen Höflichkeitsphrasen von sich abschüttelten. Die Linke des Frankfurter Parlaments glaubte ihrerseits zwei Vertrauensmänner nach Wien senden zu müssen. Sie beehrte mit dieser Mission Robert Blum und Julius Fröbel. Man begreift nicht recht, welchen Zweck sie damit im Auge hatte. Einen Volksredner wie Blum brauchten die Wiener Aufständischen nicht, einen Schriftsteller wie Julius Fröbel noch weniger. Womit das Frankfurter Parlament allein etwas hätte ausrichten können, das besaß es eben so wenig wie irgend eine andere deutsche Volksvertretung: ein Parlamentsheer. Da ein solches nicht improvisiert werden konnte, so war es im Herbst des Jahres 1848 jedem politisch denkenden Deutschen klar, daß für den Augenblick die Errungenschaften des März im höchsten Grade gefährdet waren, und daß man im Kampfe gegen die militärisch organisierte und nach einer blutigen Entscheidung dürstende Reaktion wieder auf das nicht organisierte und schlecht gerüstete freiheitsliebende Volk angewiesen war. Ein Widerstand gegen die fürstliche Macht hätte vielleicht bei gleichzeitiger Erhebung aller größeren Städte noch einige Aussicht auf Erfolg geboten. In Österreich war darauf nicht zu rechnen. Ein intelligenter Mann wie Robert Blum sah die Hoffnungslosigkeit einer Erhebung der Hauptstadt gegen die 90,000 Mann des Fürsten Windischgrätz sicherlich ein. Er glaubte es trotzdem seiner Vergangenheit und seiner Ehre schuldig zu sein, mit seinem Leben für eine Sache einzustehen, die für den Augenblick verloren war, die jedoch aus jedem Tropfen Blutes, das für sie vergossen worden, für künftige Tage neue Stärke erzeugte. Robert Blum stand mit dem Volk auf den Barrikaden. Er wurde auf Befehl des siegreichen Generals am 4. November mit Fröbel in seinem Gasthof verhaftet, und am Morgen des 9. November in der Brigittenau standrechtlich erschossen. Er hatte wie ein Mann gelebt, er starb wie ein Mann, und die Nachricht von seinem Tode erweckte eine ungeheure Erregung in allen deutschen Landen, mehr als irgendwo anders in Leipzig, das ihn als seinen Vertreter ins Frankfurter Parlament gesandt hatte. Hier wie aller Orten wurde für den geliebten Volksmann eine Totenfeier veranstaltet. Leipzig war zu jeder Zeit wesentlich Geschäftsstadt gewesen, deren Bewohner wohl stets den lebendigsten Anteil an den Geschicken des Vaterlandes nahmen und opferwillig für dasselbe eintraten, sich auch in jeder Bewegung als Freunde der bürgerlichen Freiheit erwiesen; dem Charakter eines alten Handelscentrums gemäß war Leipzig jedoch niemals revolutionär. Ich war deshalb gar nicht überrascht, als ich an dem Morgen, der die Nachricht von der Hinrichtung Robert Blums brachte, in der Bevölkerung auch nicht die leiseste Spur aufrührerischer Erregung, sondern nur tiefe Ergriffenheit und resignierte Trauer auf allen Gesichtern sah. In dichten Haufen standen die Leute aus dem Kleinbürgerstande auf den Straßen zusammen und besprachen die entsetzliche Nachricht aus Wien. Diejenigen, welche den Dahingeopferten persönlich gekannt hatten, fielen einander weinend in die Arme. Die scheinbar ohnmächtigen Thränen waren nicht unfruchtbar für die Neugestaltung Deutschlands. Jede große Sache muß ihre Märtyrer aufweisen können, deren Glorienschein für kommende Geschlechter als Gedenkzeichen und unvergängliche Ermahnung wirkt. Ungarn, Österreich, Deutschland befanden sich vor fünfzig Jahren in einem Krieg zwischen vorwärts strebenden Völkern und rückwärts drängenden Regierungen. Der Krieg schlug anfangs zum Vorteil der Reaktion aus. Diese hatte unrecht, die Kriegsgefangenen durch den Strang oder durch Pulver und Blei des Lebens zu berauben. Die standrechtlichen Hinrichtungen, wo sie auch nach dem Siege der Reaktion ausgeführt wurden, haben nirgends den Eindruck eines vollzogenen Rechts, sondern eher den persönlicher Rache gemacht; sie haben nicht gehindert, daß in Ungarn, in Österreich, in Deutschland die vorwärts strebenden Völker einen gewaltigen Schritt vorwärts gethan, und daß die vormärzlichen politischen Zustände beinahe zu einem Mythus geworden sind.

Am 9. November war Robert Blum in der Brigittenau erschossen worden; einen Tag vorher hatte General Wrangel, als Befehlshaber der Truppen in den Marken, seinen Einzug in Berlin ohne Widerstand ausgeführt, einige Tage später verhängte er den Belagerungszustand über die preußische Hauptstadt, die Bürgerwehr wurde zur Ablieferung ihrer Waffen aufgefordert, die Nationalversammlung geschlossen und nach Brandenburg verlegt. Ihre letzte Handlung war der Beschluß der Steuerverweigerung. Er blieb ein Schlag ins Wasser. Was im 17. Jahrhundert in England unter ganz anderen Verhältnissen sich als wirksam erwiesen hatte, machte zwei Jahrhunderte später keinen Eindruck mehr. Die Regierung forderte momentan keine direkten Steuern ein, und die wohlhabenden Bürger, welche ins Gewicht fallende direkte Steuern zu bezahlen hatten, waren reaktionär geworden; sie sehnten sich nach „Ruhe und Ordnung,“ nach Belebung der stockenden Geschäfte. In den breiteren Volksschichten hatte man die Augen nach Frankfurt gerichtet, man war auf die neue Reichsverfassung gespannt, die aus dem Professorenparlament hervorgehen sollte.

Ich wollte mich selbst von dem Stand der Dinge überzeugen und ging nach der Erklärung des Belagerungszustandes auf einige Tage nach Berlin. Am Anhalter Bahnhof wurde ich wie alle Reisenden nach dem Paß gefragt. Ich hatte keinen, nannte mich aber. Einem Herrn mit einem blauen Fez auf dem Haupte gefiel es, zu betätigen, daß ich der sei, für den ich mich ausgegeben. Man ließ mich ein. Einer der ersten, denen ich auf meinem Wege in die Stadt begegnete, war Johann Jakoby. „Sie wollen doch hier nichts anfangen?“ rief er mir erschrocken zu. Die Frage war sehr bezeichnend für jene Tage. „Durchaus nicht!“ konnte ich mit gutem Gewissen antworten. Jakoby und seine Freunde erwarteten alles von ihrem Steuerverweigerungs-Beschluß. Vollständig aufgeklärt über den Stand der Dinge kehrte ich nach wenigen Tagen nach Leipzig zurück.

XVII.
Reise nach Heidelberg und Köln.

Der Winter nahm meine Thätigkeit als leitendes Mitglied des Centralkomitees vollauf in Anspruch. Ich besorgte die Redaktion der „Verbrüderung,“ indem ich den größten Teil des Inhaltes dieses zweimal wöchentlich ausgegebenen Blattes selbst schrieb, mich an der Gründung oder Förderung einiger Produktiv-Associationen beteiligte und in mehreren deutschen Städten, in Dresden, Altenburg, Magdeburg, Nürnberg, Heidelberg, Mainz, dort veranstalteten Versammlungen präsidierte oder durch Vorträge den Anschluß großer Gebietsteile Deutschlands an die allgemeine „Verbrüderung“ herbeiführte. In Preußen und Sachsen waren nach und nach sämtliche Bezirksvereine dem Bunde beigetreten, fast jede Nummer der „Verbrüderung“ brachte Mitteilungen über die Fortschritte der Organisation. So kamen wir in Norddeutschland ohne besondere Anstrengungen dem Ziele täglich näher. Schwieriger war die Aufgabe der Überbrückung der Mainlinie. Auch sie gelang dank dem Umstande, daß in Heidelberg ein Distrikts-Kongreß für den 28. und 29. Januar 1849 angeschrieben wurde, auf welchem hauptsächlich die Arbeitervereine Badens, Rheinhessens und der Rheinpfalz vertreten waren, zu dem aber auch das Centralkomitee in Leipzig eingeladen wurde, weil es sich darum handelte, über eine ganz eigentümliche, von dem Kasseler Professor Winkelblech gepredigte Lehre eine Entscheidung herbeizuführen. Von dieser Entscheidung hing der Anschluß Süddeutschlands an die allgemeine „Verbrüderung“ ab.

Winkelblech war ein Meteor, das im Bewegungsjahre am dunklen Nachthimmel des deutschen Zunftwesens plötzlich erschien, um in raschem Niederfall zu versinken und zu erlöschen. Nur in einem Lande wie Deutschland, das in seiner ökonomischen Entwicklung neben der gesetzlich eingeführten, den Ideen der Neuzeit zugestandenen Gewerbefreiheit die mannigfaltigsten Gestaltungen des mittelalterlichen Zunftwesens fortleben ließ, konnte eine Prophetennatur wie Winkelblech, wenn auch nur auf einige Wochen, Gehör finden und eine Rolle spielen. Der Mann war Professor an einer höheren Gewerbeschule zu Kassel, las über Chemie und Technologie und that keinen Menschen etwas zu lieb noch zu leide, als er — das wurde sein Verhängnis — auf einer Reise in Norwegen mit einem deutschen Fabrikarbeiter zusammentraf, der, wie es scheint, in beredten Worten sein schweres Elend ihm darlegte. Ergriffen von den Leiden des arbeitenden Volkes, fühlte Winkelblech plötzlich den heiligen Beruf in sich, den Mühseligen und Beladenen ein Retter und Erlöser zu werden. Lykurg, Solon, Moses galten ihm als Gesetzgeber, die von einer himmlischen Macht geleitet, aus der Tiefe ihrer Seele das große, einheitliche System sich gegenseitig unterstützender und ergänzender Einrichtungen schufen, mit denen sie ihre Völker aus der Verworrenheit zogen und über andere Völker emporhoben. Der Gedanke, daß diese Männer aus der Erkenntnis der geschichtlich entstandenen, auf besonderem Boden gekeimten und allmählich zum Wachstum gelangten materiellen Bedürfnisse und einer mit diesen eng verflochtenen Geisteskultur ein in seinen Grundzügen schon vorhandenes wirtschaftliches und staatliches System aufbauten, lag Herrn Winkelblech fern. Er sah nicht ein, daß jene großen Intelligenzen die zerstreuten Ideen einer neuen Zeit in sich zu einer Leuchte sammelten, die sie ihren erstaunten Volksgenossen vorantrugen; ihm waren sie mit göttlicher Gewalt ausgestattete Propheten, und er selber glaubte sich zur Schöpfung eines in seinem Gehirn gereiften solonischen Werkes berufen.