Die erste Mainummer der von mir redigierten „Verbrüderung“ brachte unter dem Titel „Worauf wartet ihr noch?“ einen mit B. unterzeichneten Artikel, der wie folgt beginnt: „So lange es sich nur um die Reichsverfassung handelte, erwarteten wir vom deutschen Volke keine Erhebung, denn es giebt nichts Widersinnigeres als durch eine Revolution einen König zwingen zu wollen, daß er eine Krone annehme. Jetzt ist die Frage eine andere: Steht es den Fürsten zu, mit den Vertretern des Volkes zu spielen und sie auseinander zu jagen, wenn es ihnen so beliebt? Das Volk hat das Recht, seinen Abgeordneten in Frankfurt die entschiedene Mißbilligung ihres bisherigen Verhaltens kund zu geben; wir, die Wähler, haben das Recht, sie zurückzuberufen oder sie auseinander zu jagen, wenn sie nicht gehen wollen, aber den Fürsten steht dieses Recht nicht zu. Indem wir die Frankfurter Versammlung unterstützen, unterstützen wir die Volkssouveränetät, und nichts anderes.“ Der Artikel, der uns heute nicht in allen Punkten unanfechtbar erscheint, schließt mit den folgenden Sätzen: „Die hannöversche Kammer ist aufgelöst, die sächsische Kammer ebenfalls, die Fürsten wollen mit ihren vorsündflutlichen Ministern regieren, der Mut ist ihnen gewachsen, je mehr der passive Widerstand des Volkes zur Komödie geworden. Es bleibt der Reaktion nichts mehr übrig als sich nach einem Sibirien für die Volksführer umzusehen, oder sie samt und sonders zu Pulver und Blei zu begnadigen. Angekündigt ist uns die Herrschaft der Knute schon, worauf warten wir noch?“ Aus diesen letzten Sätzen spricht die Stimmung der Zeit. Sie waren voll berechtigt. Man durfte das schwer Errungene nicht ohne Widerstand der wachsenden Reaktion preisgeben, wollte man dieser nicht die historische Berechtigung zur Rückkehr in die Tage des absoluten Königtums und zur härtesten Verfolgung der deutschen Einheitsbestrebungen zusprechen.

Zur Kennzeichnung der Situation in Dresden sei hier noch folgendes angeführt: Der König von Sachsen hatte nach Auflösung des Landtags dem Ministerium versprochen, die deutsche Verfassung anzuerkennen. Da erschien ein preußischer Kourier, der König von Sachsen nahm sein Wort zurück und die Minister reichten ihre Entlassung ein. Deputationen bestürmten den König, um ihn zur Anerkennung der Verfassung zu bewegen, allein er wies sie hartnäckig zurück, indem er den oft gehörten Einwand erhob, daß die Reichsverfassung nicht geeignet sei, die Einheit zu begründen, sondern nur Zerstückelung hervorrufen könne. Er erklärte, daß er in dieser Frage ganz im Einverständnis mit dem König von Preußen handle. Das Volk aber, in allen seinen Schichten, mit Ausnahme der ganz geringen Minderheit, die ihre Parole vom Hofe anzunehmen gewohnt war, wollte die Reichsverfassung, und so wuchs die Volksaufregung mit jeder Stunde.

XIX.
Der Maiaufstand in Dresden.
1.

Die Dresdner Bürgerwehr, richtiger „Kommunalgarde“, wollte im Schloßhof eine Demonstration zu gunsten der Reichsverfassung machen, sie wurde durch ihren Oberkommandanten, da er im entscheidenden Moment von seiner Stelle zurücktrat, daran verhindert. Die Bürger schämten sich, ohne etwas gethan zu haben, wieder nach Hause zu gehen, sie hatten durch die Zeitungen eben erst erfahren, wie leicht es den Württembergern geworden, den Widerstand ihres Königs zu brechen, und es war auch eine allgemein verbreitete Ansicht unter den Dresdnern, Friedrich August wolle sich nur ein wenig drängen lassen, um dem König von Preußen gegenüber sich damit entschuldigen zu können, daß er vom Volkswillen zum Nachgeben gezwungen worden sei. Um 1 Uhr mittags sollte der Zug nach dem Schloßhof stattfinden und noch mehrere Stunde nachher stand die Kommunalgarde eines Kommandos gewärtig auf dem alten Markt. Das Volk sammelte sich während dieser Zeit sehr langsam auf den Straßen, erst allmählich sah man größere Trupps erscheinen, die sich aber ziemlich passiv verhielten bis auf einige Äußerungen, die man hie und da vernahm, die aber keineswegs sehr leidenschaftlichen Charakters waren. Es befanden sich noch in keiner Straße soviel Menschen, daß eine Hemmung der hin- und herrollenden Wagen hätte entstehen können. Das Militär war im Schloß, im Zeughause und in allen öffentlichen Gebäuden in der Nähe der Elbbrücke zusammengezogen, es ließ sich noch nirgends blicken; es unterließ es sogar, einzuschreiten, als ein kleiner Haufen junger Leute, die Pferde, die, wie man sagte, den König aus der Stadt bringen sollten, zurückhielt und vor alle Eingänge des Marstalls einige Stangen und Bretter hinlegte, die kaum eine Andeutung von Barrikaden waren. Ich ging mit einem Freunde nach der Elbbrücke. Auf einem Wirtshause in ihrer Nähe flatterte eine schwarzrotgoldene Fahne, etwa zwanzig Menschen sammelten sich um dieselbe und sprachen gegen den Besitzer den Wunsch aus, sie mitzunehmen. Dieser weigerte sich, sie herzugeben, that es aber endlich, als sie ihm bezahlt wurde. Die Kommunalgarde blieb immer noch unthätig, die geringe Anzahl thatkräftigen Volkes aber, das sich zusammen gefunden, war unbewaffnet, und nichts natürlicher, als daß es seine Demonstrationen gegen das Zeughaus begann. Es lärmte in dessen Nähe und machte auch Miene, sich durch Gewalt Waffen zu holen. Da wurden drei Personen niedergeschossen und jetzt erst sah ich leidenschaftliche Gesichter.

Es wurde eine Leiche nach dem alten Markt gebracht. Es findet sich in solchen Momenten stets ein leerer Wagen, der dazu den Dienst leisten muß; es finden sich immer Menschen, die den Wagen mit seiner blutigen Last durch die erschreckten Straßen ziehen. Wir hörten Rachegeschrei. Eine Frau im Hause des zurückgetretenen Oberkommandanten, es war die berühmte Opernsängerin Schröder-Devrient, reißt das Fenster auf und schreit in unartikulierten Tönen zu uns hernieder, daß uns graust. Wir können keine Silbe verstehen, ihre heftigen Gebärden aber sagen allen nur zu klar, daß sie zum Kampf aufruft. Alles schreit nach Waffen und eilt hier- und dorthin, um sich in den Kampf zu werfen.

Auch die Kommunalgarde und die Turnerkompagnie erhielten plötzlich den Befehl, nach dem Zeughaus zu marschieren. Ich schloß mich ihnen, wenn auch unbewaffnet, mit vielen andere an. „Haltet aus, Brüder!“ so wurde ihnen vom Volke zugerufen, doch wir bemerkten manches bestürzte Gesicht unter den privilegierten Bewaffneten. Sie hatten keine Munition. Ein Teil dieser Mannschaft mochte wohl glauben, man marschiere vor das Zeughaus, um das dort zum Sturm bereitstehende, wütende Volk zu vertreiben; ein anderer, kleinerer Teil, um selbst mit Hand an das Zeughaus zu legen, dessen Hauptthor jetzt durch eine verwegene Schaar mehrfach mit einem Wagen angerannt wurde. Doch kaum gab es den Stößen nach, so öffnete es sich auch von innen und drei Kartätschenschüsse wurden hintereinander auf den dichten Volkshaufen abgefeuert. Die Kommunalgardisten stoben nach allen Seiten auseinander, nur die Turner hielten Stand und erschossen zwei Offiziere und einen Kanonier. Die Leichen der Volksstreiter wurden in das dem Zeughause gegenüberliegende Klinikum getragen. Während der darauffolgenden Nacht erstanden in allen Hauptstraßen die Barrikaden, die während sechs Tagen und Nächten mit hartnäckiger Ausdauer gehalten wurden.

Die blutigen Vorgänge am Zeughause wiesen immer ernster auf die Notwendigkeit eines Oberkommandos hin. Der Oberstleutnant Heinze, ehemals in griechischen Diensten, wurde zum Oberkommandanten ernannt, kurz nachdem man den Fehler begangen, Kommunalgarden und Turner nach Hause zu schicken, um sie, wie man sagte, „zur nötigen Zeit“ wieder zusammenrufen zu lassen. Es war vorherzusehen, daß es allen Tambours der Welt nicht mehr gelingen werde, die Kommunalgarde auf die Straße zu rufen.