Am andern Tage begnügte man sich damit, mehr Barrikaden zu bauen. Ich erwartete von dem neuen Oberkommandanten, daß er wenigstens die wichtigsten Punkte werde besetzen lassen. Herr Heinze aber begnügte sich damit, mit einem der am wildesten sich gebärdenden Schreier, dessen ganzes Verdienst darin bestand, daß er den Helm eines gefangenen Reiters auf dem Kopfe trug und einen höchst lächerlichen Anblick darbot, in den Straßen umherzuziehen und Anordnungen anzubefehlen, die dem insurgierten Volke sein eigener Instinkt schon eingegeben. Auf dem Rathause wurden Schußwaffen und Sensen ausgeteilt. Wer ein Gewehr empfangen, konnte ohne weiteres damit fortgehen, wohin es ihm beliebte. Man dachte nicht daran, Kompagnien mit Führern zu formieren, alles lief bunt durcheinander.

Die daheim schon geordneten Zuzüge, die am 4. und 5. Mai, aus allen Orten des Landes kommend, in Dresden sich einstellten, brachten bald ein anderes Leben in die insurgierte Stadt.

Zu gleicher Zeit mit der Ernennung des Oberstleutnants Heinze zum Oberkommandanten der Kommunalgarde wurde auch von den in Dresden anwesenden Abgeordneten beider Kammern die provisorische Regierung gewählt. Nachdem die Abgeordneten Tzschirner, Heubner und Todt ihre Stellung eingenommen, ließen sie sogleich die anwesenden Kommunalgardisten und Freischaaren den Eid auf die Reichsverfassung leisten und zur Verteidigung der Barrikaden kommandieren. Da kam mit einem Male die überraschende Meldung, das Zeughaus wolle sich übergeben. Ich war ganz in der Nähe, der Eingang zum Zeughaus war in der That schon von Kommunalgardisten besetzt und meinem anständigen Rock hatte ich es zu verdanken, daß man mir nicht wie andern Nichtuniformierten den Einlaß verweigerte. Ich erinnere mich, daß jemand hinter mir die Worte äußerte: „Was ist denn der mehr als ich, ich will auch hinein!“ Der Mann hatte recht. Es war der gröbste Fehler, den man begehen konnte, daß man nicht die Massen in das Zeughaus eindringen ließ, Kommunalgardisten waren ja in viel zu geringer Zahl erschienen. Im Hofe des Zeughauses war der Jubel allgemein, die Soldaten umarmten uns, wir tranken uns zu mit Hochs auf die Reichsverfassung, auf die Verbindung von Volk und Heer; ich war der sicheren Überzeugung, daß die Menschen, die sich hier so herzlich die Hände reichten, nie wieder gegeneinander die Waffen ergreifen könnten.

Da trat ein Offizier an mich heran, dem ich deutlich ansah, daß ihm bei der allgemeinen Freude nicht recht wohl zu Mute war. Er sagte etwas verlegen: „Mein Herr, daß hier nur kein Mißverständnis entsteht. Wir wollen das Zeughaus nicht an das Gesindel übergeben, denn es ist unsere Pflicht, das Staatseigentum vor Plünderung zu bewahren. Die Besatzung soll teils aus Militär, teils aus Kommunalgardisten bestehen.“ Etwa hundert bewaffnete Bürger, darunter zehn in Uniform, waren im Hofe des Zeughauses, und trotz des Generalmarsches, der auf Befehl des Oberkommandanten Heinze durch alle Straßen wirbelte, waren nicht mehr Kommunalgardisten aufzubringen, mit denen man das Zeughaus hätte besetzen können. Was Wunder, daß die Offiziere am andern Morgen die Konvention wieder aufhoben, die wenigen Männer aus dem Volke, die während der Nacht im Zeughause geblieben waren, fortschickten und die Eingänge schlossen? Wir hatten also keine Kanonen daraus entnehmen können, wie es auf unserer Seite die Absicht gewesen war.

XX.
Der Maiaufstand in Dresden.
2.

Am Morgen des 5. Mai waren die Barrikaden größtenteils besetzt. Ich ging nach der Schloßgasse, weil ich annehmen durfte, daß hier der Hauptangriff von Seiten des Militärs geschehen werde. Die dem Schloß zunächst gelegene Barrikade war noch sehr schwach und konnte kaum einige Kanonenschüsse aushalten. Die Besatzung nahm meine Ratschläge bereitwillig an und befestigte sie derart, daß sie bald eine der stärksten in der Stadt wurde. Ein Gardist hatte hier das Kommando, er übergab es mit Zustimmung der Mannschaft an mich und ließ sich nicht wieder sehen. Ich gab sogleich Befehl, die Wände der Häuser, die von meiner Barrikade aus sowohl vorwärts nach dem Schlosse zu als rückwärts nach dem Rathause zu liefen, zu durchbrechen, weil ich vorauszusetzen Grund hatte, daß das Militär Cavaignacs Methode vom Juni 1848 befolgen werde. Es war also unsere Aufgabe, dem Militär in der Besetzung der Häuser und dem Vorwärtsdringen durch die durchbrochenen Wände zuvorzukommen. Dieser Maßregel ist es zuzuschreiben, daß die Schloßgasse, der Dardanellenpaß zwischen den Centren der kämpfenden Parteien, wie sie ein Zeitungskorrespondent richtig benannt, unbezwinglich war und daß wir hier bis zum Moment des Rückzugs unsere Positionen behaupteten. Der Oberkommandant, dem ich von meiner Maßregel Kenntnis gab und der sie ganz und gar billigte, that aber nichts, daß dasselbe auch in allen übrigen Straßen geschah, und dieser Fahrlässigkeit ist es zuzuschreiben, daß das Militär plötzlich in Häusern erschien, in denen man es gar nicht vermutete und Straßen, die sich am wirksamsten verteidigt hatten, abzuschneiden drohte.

Nachdem ich meine Mannschaft postiert hatte, trat ein Abgeordneter der sächsischen Kammer zu mir mit der Bemerkung heran, ob wir etwa gesonnen seien, den berühmten passiven Widerstand hier zu wiederholen. Ich schickte ihn sogleich mit der Frage auf das Rathaus, ob auf die mit Soldaten besetzten Fenster des Schlosses Feuer gegeben werden solle? Er brachte mir die schriftliche Antwort, daß man dies meinem Ermessen überlasse, behielt aber diesen Zettel als ein ihm teures historisches Dokument, das er später noch auf der Flucht aus Sachsen besaß, bei sich. Ich ließ sogleich ein Pelotonfeuer auf die Schloßfenster geben und hiermit war der eigentliche Kampf eröffnet. Die Erwiderung vom Schlosse aus ließ keine Minute auf sich warten. Auf allen Straßen der Stadt brach jetzt zugleich das Gewehrfeuer los. Das Militär ließ sich nirgends auf offener Straße blicken, es entwickelte sich ein Kampf von Haus zu Haus. Beide Parteien waren gut gedeckt und diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß trotz des unausgesetzten Feuerns auf beiden Seiten die Zahl der Gefallenen eine mäßige blieb. Die Häuser, welche wir besetzt hatten und besonders die Barrikaden wurden bald mit Kartätschkugeln überschüttet, auch Vollkugeln wurden gegen Erker und Balkone abgefeuert, doch meist ohne große Wirkung, da unsere Mannschaft während des Artillerieangriffs, bei dem die Infanterie nicht vorrücken konnte, sich rechts und links in die Hausfluren in geschützte Stellung begab. Unsere Jungmannschaft verteidigte mit einer Hartnäckigkeit ihre Position, wie dies gewiß selten bei solchen Straßenkämpfen vorgekommen; außerordentliche Anstrengung aber, Übermüdung, nicht Mutlosigkeit, lichtete unsere Reihen von Tag zu Tage. Die Zuzüge, die fortwährend eintrafen, reichten kaum hin, um die Lücken wieder auszufüllen, die durch die Erschöpfung unserer Kämpfer entstanden. Unsere Zahl, die höchstens 3000 Mann betrug, verringerte sich also fortwährend, während die des Militärs, das beim Ausbruch des Kampfes durch preußische Garden unter Oberst v. Waldersee Unterstützung erhielt, fortwährend anwuchs. Unsere Bewaffnung stand hinter derjenigen der Soldaten weit zurück, die zwei Vierpfünder, welche die Freiberger Bergleute mitgebracht hatten, dienten mehr zum Lärmmachen als zu einem namhaften Erfolge gegenüber der sächsischen Artillerie.