Ich sprach meine Absicht aus, in Freiberg, das mir zur Verteidigung sehr geeignet schien, einen Versuch weiteren Widerstandes zu wagen. Heubner bat mich, diesen Gedanken aufzugeben, von seiner Vaterstadt ein solches Unglück abzuwenden; er selbst sei im Begriff, mit Wagner und anderen weiter zu ziehen, zunächst nach Chemnitz, dann ins Exil. Es sei für mich nun auch Zeit, an meine Sicherheit zu denken.

Wir drückten uns die Hand. Ich begab mich auf den Platz hinaus zu meiner bewaffneten Freischaar. Da ist auch Bakunin. Er zieht mich beiseite und redet auf mich ein, die jungen Leute über die Grenze nach dem nahen Böhmen zu führen. „Sie sind wohl toll?“ rief ich erzürnt ihm zu. „Nach Böhmen sollen wir, zu Ihren Freunden, den Tschechen, die schon längst in den Dienst der Reaktion getreten sind!“ „Man würde Euch mit offnen Armen aufnehmen,“ erwiderte er. — „Man würde über uns herfallen und uns an die österreichische Regierung ausliefern,“ erwiderte ich ihm, und darauf trennten wir uns.

Ich riet den aus Dresden abgezogenen Maikämpfern, sich in kleinen Trupps in ihre Heimat zu begeben. Ihnen würde man wenig anhaben, sagte ich, es gäbe sonst eine zu große Masse der Opfer. Nur auf die Führer werde man fahnden.

Sie zogen traurig ab. Das Gefühl der erfahrenen Niederlage drückte auf ihre Gemüter. Da erschien plötzlich ein Wagen. Heubner und Wagner saßen darin; zu seinem Unglück auch Bakunin, der überall sich unterzubringen wußte. Man hielt einen Augenblick in meiner Nähe, drückte mir die Hand, und ich, von einer bösen Ahnung plötzlich erfaßt, rufe ihnen zu: „Geht nur um des Himmels willen in Chemnitz nicht in einen Gasthof.“ Heubner und Bakunin gingen aber doch in einen Gasthof und wurden in der Nacht von mutig gewordenen reaktionären Wehrmännern verhaftet, nach Altenburg gebracht und an die dort garnisonierenden Preußen ausgeliefert. Wagner nahm bei seiner Schwester Quartier und dies bewahrte ihn vor dem gleichen Schicksal.

Ich war allein in Freiberg zurückgeblieben. Die Sonne senkte sich zum Niedergang. Ein Postillon, der nach Dresden gefahren und mir versprochen hatte, in meine Wohnung zu gehen, und mir von dort so manches, dessen ich bedurfte, zu bringen, war noch nicht wieder erschienen. Als ich den letzten Kameraden verschwinden sah, wurde mir doch etwas unheimlich zu Mute. In einen Gasthof durfte ich nicht gehen. Dort wäre ich von den Verfolgern zuerst gesucht worden. Ich war einen Augenblick ratlos. Da trat ein junger Mann zu mir heran, er nannte sich, er war Student der Bergakademie, er bot mir freundlich ein Unterkommen in seinem Zimmer an; er habe, sagte er, daran gedacht, mich zu sich zu bitten, als er mich so allein auf dem Platze stehen sah, während die anderen abzogen, meine Verabredung mit dem Postillon habe er mit angehört, der werde zu ihm kommen, ich müsse jetzt seine Gastfreundschaft annehmen, da ich gewiß sehr müde sei. Jetzt merkte ich in der That, daß ich sehr müde war, ich hatte seit dem 3. Mai nur eine einzige Nacht geschlafen, und wir waren am Abend des 9ten. Jetzt fiel mir auch ein, daß ich seit dem Abend vorher, seit dem Kuchengeschenk des menschenfreundlichen Konditors fast nichts zu mir genommen hatte. Ich ging mit dem jungen Mann, dessen Name mir leider entfallen ist. Der Gute hatte für ein Abendessen gesorgt, und als ich mich erquickt hatte, legte ich mich aufs Sofa nieder, wo ich sofort in festen Schlaf versank. Ich hatte sein Bett nicht annehmen wollen, und der vortreffliche junge Mann hatte es dann auch selber nicht benützt. Er wachte über mein Wohl und Wehe.

Als der Morgen graute, weckte er mich. „Sie müssen fort,“ rief er arg erschrocken, „die sächsischen Gardereiter sind eben in die Stadt eingezogen.“

„Ist es schon so weit? Gut, so muß ich fort.“

Unter der Kaffeemaschine flackerte die blaue Flamme. Als ich mich angekleidet und gewaschen hatte, war der Kaffee fertig, etwas Brot lag auch bereit. Wir frühstückten rasch. „Es ist toll,“ sagte ich, „wogegen ich mich gestern gesträubt, einen Trupp Freiwilliger nach Böhmen zu führen, das muß ich jetzt für meine eigene Person thun. Das ist der einzige Weg, der mir wahrscheinlich noch nicht abgeschnitten ist. Ich nehme die Richtung nach Annaberg.“

Mein lieber Wirt wollte mich ans Thor begleiten, von dem aus die Straße nach Annaberg führt. Auf dem Wege dahin keine Menschenseele. Es war kurz nach Sonnenaufgang. Als wir das Thor in Sicht bekamen, wurden wir gewahr, daß es von zwei Reitern gesperrt war. Es mochten wohl Rekruten sein. Sie schienen die Pferde, die sich unruhig hin und her bewegten, nicht in der Gewalt zu haben. „Leben Sie wohl und tausend Dank,“ raunte ich meinem Begleiter zu. Im nächsten Moment war ich zwischen den zappelnden Pferden durchgeschlüpft. Ob die Reiter mich bemerkt haben, weiß ich nicht. Sie zerrten an ihren Gäulen, sie machten keine Anstalt, mich zu verfolgen.

So war ich bald auf der offnen Landstraße und schritt tapfer zu. Ich war nie ein starker Fußgänger gewesen. Nach einer halben Stunde eifrigen Marschierens begann die Kraft zu erlahmen, was aus der ungeheuren Anstrengung der letzten Tage sich leicht erklärt. Ich setzte mich auf einen Steinhaufen, um mich auszuruhen. Ein Wagen rollte heran. Seine Insassen, ein junges Brautpaar, das merkte man ihnen an, hielten bei mir und fragten mich freundlich, ob ich mitfahren wolle. Ich nahm dankend an. Sie fuhren nicht ganz bis Annaberg, aber doch eine Strecke weit, um beim Herrn Pfarrer das Aufgebot zu bestellen „Immer so viel gewonnen,“ sagte ich mir. Ob sie in mir einen Flüchtling aus Dresden vermuteten? Möglich. Der Aufstand, wenn auch das ganze Land sich an ihm nicht beteiligte, hatte doch die Sympathien des ganzen Landes.