Voller Dank im Herzen für die wackern Leute zog ich weiter. Und siehe da, als ich wieder eine halbe Stunde gegangen war, stieß ich auf einen Zug unserer Dresdner Freischaaren, der aus einem abseits von der Hauptstraße gelegenen Dorfe, wo die Leute die Nacht zugebracht und sich gründlich ausgeruht hatten, seine Heimfahrt nach Annaberg begann. Ich wurde sofort erkannt. „Sie dürfen nicht zu Fuß gehen, und wenn wir Sie tragen sollten,“ riefen die jungen Leute mir zu. — „Das ist durchaus nicht nötig,“ erwiderte ich ihnen. „Doch wenn Ihr noch einen Befehl, den letzten, von mir ausführen wollt, so begeben sich zehn Mann wieder zurück in das Dorf und requirieren auf meine Anordnung eine Anzahl gut bespannter Leiterwagen. Ihr seid ja bewaffnet.“
Sie verstanden. Nach einer Viertelstunde waren so viel Wagen vorhanden, daß wir alle fahren konnten. Es hatte keines Zwanges bedurft. Die Bauern betrachteten es als eine Ehrenpflicht, uns nützlich zu sein. Die Wagen setzten sich in Bewegung. Als wir in die Nähe von Annaberg gelangt waren, stiegen wir ab. Da war ich Zeuge einer ergreifenden Szene, die ich nie vergessen werde.
Die ganze Einwohnerschaft der Stadt kam ihren Söhnen entgegen. Sie hatten es drinnen erfahren, daß die braven Jungen aus Dresden nahten. Die Eltern, die Schwestern, die jungen Kinder, die Greise drängten sich um die Wiedergekehrten. „Ist Fritz, ist Hans auch da?“ Man umarmte sich. In die Freude des Wiedersehens mischte sich die Trauer, daß nichts ausgerichtet worden. „Wir haben uns doch tapfer gehalten!“ — vernahm ich, wie zum Troste für sich selber und die andern, manche Stimme aus dem wirren Menschenknäuel — „wir wollen es ihnen ein andermal schon zeigen!“ Ich drückte mich beiseite, ich war innerlich erschüttert. Da trat ein bejahrter Mann, den man an mich gewiesen, zu mir: „Ich heiße Kindermann“, sagte er, „ich weiß, Sie waren mit meinem Sohne Karl in Leipzig sehr befreundet. Er hat uns oft von ihnen geschrieben. Er ist nach Dresden gegangen. Haben Sie ihn gesehen? Wissen Sie etwas von ihm?“ — „Seien Sie ohne Sorge,“ beruhigte ich den erregten Vater, „ich habe ihn kurz vor unserem Abzug gesehen, er war frisch und munter. Ich bin fest überzeugt, daß er nicht in Dresden geblieben ist. Er wird zunächst nach Leipzig zurückgekehrt und dann, wenn er nicht dort geblieben ist, etwas weiter nach Deutschland hinein gegangen sein. Auf einzelne junge Leute, auf Studenten, fahndet man sicher nicht.“
Der Mann verließ mich nun nicht mehr, er beruhigte sich in meiner Gesellschaft und ich mußte ihm zu guten Freunden nach Annaberg folgen. Am Abend wollte er dann mit mir in sein Heim an der böhmischen Grenze ziehen. Da sollte ich die Nacht bleiben und dann werde man weiter helfen. Wie man sieht, kamen mir in meiner gefährlichen Lage überall gute Menschen entgegen.
Mit der sinkenden Sonne holte Herr Kindermann mich ab. Unser Weg führte durch einen schönen, in Lenzeswonne frisch grünenden Wald im Erzgebirge. Ich hatte mich in Annaberg während mehrerer Stunden ausgeruht, die Kräfte waren wiedergekehrt. Es war kein Marsch, es war ein erquickender Spaziergang, den wir machten. Keine Vogelstimme regte sich mehr in dem Gehölz, es war dunkel geworden, wir gingen plaudernd weiter. Ich hatte viel zu erzählen und der Mann hatte viel zu fragen. Jetzt hatten wir eine Höhe erreicht. Er blieb stehen. „Sehen Sie dort mein Haus,“ sagte aufatmend mein Begleiter. „Die Frau hat die Lichter schon angezündet. Sie wird ängstlich auf meine Rückkehr warten.“ Wir schritten jetzt stumm nebeneinander her auf dem mäßig abwärts sich ziehenden Wege. Als wir dem Hause nahe waren, horchte Herr Kindermann. „Warten Sie hier einen Augenblick,“ sagte er leise, „es sind wie gewöhnlich um diese Stunde Grenzjäger bei mir. Sie trinken ihr Gläschen und spielen Karten dazu. Ich muß meine Frau von dem Besuch unterrichten, Sie müssen hier als ein Verwandter gelten, dann kümmern die Leute sich nicht um Sie.“ Er verließ mich und war nur wenige Sekunden fort. „Kommen Sie nur herein, man hat uns schon lange erwartet,“ rief er mir an der geöffneten Thür zu. Ich trat in ein sehr geräumiges Wirtszimmer, aus dessen fernster Ecke mir eine freundliche Frau freudig aufgeregt entgegeneilte. „Seien Sie herzlich willkommen, lieber Vetter!“ sagte sie und drückte mir die Hand. Rechts von der Thür, an dem einen Tisch nahe beim Fenster wurde es plötzlich still. Die Karten spielenden Grenzjäger schauten mich neugierig an, aber nur einen Augenblick, dann schallte es „Schellenbub und Kreuz und nochmals Kreuz und Trumpf Aß.“ Ich saß in der entfernten Ecke neben der prächtigen Frau, die sich so plötzlich in ihre Rolle gefunden und mich als lieben Vetter begrüßt hatte, ohne mich jemals in ihrem Leben gesehen zu haben. O, die Not lehrt nicht nur beten, sie lehrt vielerlei. Ich erzählte meiner so schnell erworbenen Freundin und Beschützerin von ihrem geliebten Sohn. Sie war stolz auf ihn und sie hatte Grund dazu, ich habe selten einen gleichwertigen, geistig und körperlich so urgesunden und herrlichen Jüngling gesehen wie diesen Karl Kindermann. Mögen ihm diese Zeilen als ein warmer Freundesgruß gelten, wenn sie ihm zu Gesicht kommen sollten. Wie ich später erfahren habe, ist er mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert.
Von ihm war natürlich an jenem Abend fast ausschließlich die Rede. Die Mutter hatte ein Nachtessen besorgt. Wir plauderten noch ein Stündchen, dann mußte ich mich in mein Zimmer begeben, denn am frühen Morgen sollte mein vortrefflicher Wirt mich über die Grenze ins Böhmerland führen.