XXIII.
Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz.
1.

Ich hatte das erste Flüchtlingsjahr in Bern verlebt, wo ich den Neid einiger Schicksalsgenossen erregte, weil ich sofort Beschäftigung fand, und zwar im Journalismus. Dann siedelte ich nach Murten über, wo ich mich in öffentlicher Steigerung in den Besitz einer kleinen Buchdruckerei gesetzt hatte. Damals war ich von meinem natürlichen Hang zu stiller Frohseligkeit noch stark beherrscht und das über die Maßen ruhige und dabei so sonnige Städtchen am See mit seinen kriegerischen Erinnerungen stimmte vortrefflich zu meinem inneren Menschen. Von der Vergangenheit mit Behagen zu plaudern, die Gegenwart nehmen, wie sie sich gab, und die Zukunft ohne Aufregung an mich herankommen zu lassen — das behagte mir; so resigniert war ich durch die Ereignisse geworden, an denen ich einen für mein jugendliches Alter wohl auffälligen, im Grunde aber bescheidenen Anteil gehabt.

Ich erinnere mich einer Versammlung deutscher Flüchtlinge, die im Herbst 1849 im „Maulbeerbaum“ zu Bern stattgefunden: Da erhob sich ein alternder Mann, der es nicht vergessen konnte, daß er im tollen Jahr in gar kleinem Kreise eine große Rolle gespielt hatte und sich deshalb in seine neue passive Lage durchaus nicht zu finden vermochte. Er hatte sich unter uns, nach dem von den „Fliegenden Blättern“ oft wiederholten Bilde den Beinamen „der Wühlhuber“ erworben. „Meine Herren,“ so begann er mit schmetternder Stimme, „Ihr Gedächtnis hat die Rede treu bewahrt, die ich vor nun bald einem Jahr in der großen Volksversammlung zu Schweinfurt gehalten...“

— Ein schallendes Gelächter unterbrach ihn hier, denn nicht ein einziger der Anwesenden war jemals in Schweinfurt gewesen. Er aber unterhielt uns noch eine halbe Stunde von seinen berühmten Thaten und seinen großen Hoffnungen auf die kommenden Tage, welche Deutschland die Freiheit und Einheit, der Welt das Glück der Verbrüderung aller Völker bringen sollten. Lebhafter, ironischer, aber auch ernst gemeinter Beifall lohnte dem Redner, und das leuchtende Zukunftsbild, das er entworfen, wurde von manchen, die nach ihm das Wort ergriffen, mit kräftigen Farben weiter ausgeführt. Es kam Stimmung in die Versammlung. Nun aber erhob sich der Jüngste unter all den Leuten und goß grausam eiskaltes Wasser über das glühende Pathos, das immer mehr Herzen zu ergreifen drohte. Er ermahnte seine Schicksalsgenossen, die herbe Thatsache nicht außer Augen zu lassen, daß sie auf dem Boden des Exils sich befänden, und daß sie vor allem der Aufgabe zu gedenken hätten, sich auf diesem fremden Boden eine feste Stellung zu erwerben; er führte ihnen zu Gemüte, daß sie besser daran thäten, ihre politischen Hoffnungen auf eine ganze Weile in stiller Brust zu bergen und sie für spätere Tage warm zu halten. Im Augenblick, sagte er, sei für Europa eine Zeit der schwersten Reaktion im Anzuge. Gegen diese jetzt im Saal zum „Maulbeerbaum“ eine ohnmächtige Faust zu ballen, das sei einer leeren Prahlerei gar zu ähnlich und eines Mannes nicht würdig. Wilde Hufe zertreten jetzt den Samen, den wir daheim ausgestreut; er wird trotzdem aufgehen, wenn die rechte Zeit gekommen ist. Den Beginn jener besseren Zeit werden wir im Exil mit unseren pathetischen Reden nicht um eine Stunde beschleunigen. Daß sie jedoch nicht allzulange ausbleibe, dafür werden die eben zur Herrschaft gelangten Gewalten durch ihren Rachedurst und ihre Maßlosigkeiten zur Genüge sorgen. Es ist nicht ganz leicht, nach erloschenem leidenschaftlichen Kampfe plötzlich zu nüchterner Tagesarbeit überzugehen, die verlassenen Bücher wieder hervorzuholen, wieder zu feilen oder zu hobeln; aber man kann sich ja eins dabei singen oder pfeifen, wie der Gesell in der Werkstatt oder der Ackersmann hinter dem Pfluge; man braucht seine ideellen Ziele deshalb nicht aufzugeben.

So etwa sprach der Jüngste in jener Gesellschaft. Und dieser Jüngste war ich. Es hat mich selber und die Meinen allezeit verwundert, daß ich für andere so nüchtern und praktisch zu denken verstand, dazu aber in keiner Weise mich fähig zeigte, wenn es sich um mein eigenes Wohl und Wehe handelte. Eine gewisse, auf das Allgemeine gerichtete Träumerei stellte im Alltagsleben dem unausgebildeten Geschäftssinn stets ein Bein und brachte ihn regelmäßig zu Falle. Das hing mit meinem ganzen Entwicklungsgang zusammen, ich hatte mein inneres Auge früh an allerlei ideale Zukunftsbilder gewöhnt, ich sah im Geiste eine beglückte, schönere Menschheit und kannte doch die wirklichen Menschen so wenig, daß jeder Narr mich hintergehen konnte, der leerste Kopf mir in allen praktischen Dingen weit überlegen war.

Das merkten die guten Leute in der kleinen Stadt Murten, in deren Mitte ich mich nun niedergelassen hatte, sehr bald. Ich war so grenzenlos unerfahren, und hatte doch schon so vieles erlebt. Ich war freilich etwas, das fühlte man in meinem Umgang; aber man fühlte auch das Unausgeglichene, das Unfertige. Man fand nicht gleich den Schlüssel zu den Gegensätzen in meiner Natur, behandelte mich trotz alledem aber mit großer Freundlichkeit und Güte. Ich lernte auch die Menschen und die Dinge um mich her von Tag zu Tag besser kennen, gewann allem die schönste Seite ab, akklimatisierte mich nach und nach, aber doch nicht in dem Grade, daß man mich jemals für einen echten Murtenbieter hätte halten können. Andere, sehr ehrenwerte Deutsche, von denen ich im Verlauf dieses Kapitels sprechen werde, waren viel rascher und viel inniger mit der eingeborenen Bevölkerung, gleichsam wie die mannigfaltigen Bestandteile der Nagelfluh, zu einem Ganzen verwachsen, wenn man auch wohl auf den ersten Blick erkannte, daß sie aus weiter Ferne in das alpine Geröll und Geschiebe geraten waren, das nach und nach zu dem härtesten Gestein zusammengebacken war.

Es war von vornherein kein kluger Gedanke von mir gewesen, in einem so kleinen Landstädtchen — Murten zählte damals kaum 2000 Einwohner — eine Buchdruckerei zu übernehmen; es war ja durchaus keine Aussicht, daß ich mir dabei eine einkömmliche, behagliche Stellung erwerben könnte. Die Hauptbeschäftigung für meine einzige Handpresse war der Druck eines zwei- oder dreimal wöchentlich erscheinenden Blattes, das in der ersten Zeit zweisprachig, deutsch und französisch erschien, bis es zuletzt sich mit dem ehrlichen Deutsch begnügte. An der Redaktion dieses Blattes, „Das Echo vom Moléson,“ war ich mit keiner Zeile beteiligt. Mit dem Herausgeber, einem jungen Advokaten, einem Streber niederster Sorte, war ich durch den ehemaligen preußischen Abgeordneten d’Ester in Bern bekannt geworden. Der Gründer und Eigentümer des auf das Emporkommen einiger jüngerer Politiker berechneten Blattes sorgte für das Manuskript, in welchem fast ausschließlich freiburgische Parteifragen behandelt wurden, ich druckte und bezog die Abonnementsgelder, die jedoch niemals die Kosten deckten. Ich brauche wohl nicht zu versichern, daß ich dabei keine Seide spinnen konnte. Ich suchte und fand noch andere Arbeit.