Zwei Lehrer in der Kantonshauptstadt waren auf den Gedanken gekommen, Eugen Sues Mystères du peuple ins Deutsche zu übersetzen, bei mir drucken zu lassen und durch Kolporteurs in der ganzen Schweiz zu verbreiten. Ich half mit an der Übersetzung, ich stand mit den braven Leuten auf freundschaftlichem Fuße. Ich habe sie noch heute in bester Erinnerung. Von dem Herausgeber des „Echo vom Moléson“ kann ich das leider nicht sagen.

Man möchte es als eine üble Laune, einen schlechten Witz oder gar als eine Bosheit in der geschichtlichen Entwicklung betrachten, daß das protestantische, deutsch redende Murten und der Seekreis, dessen Hauptort die alte Veste bildet, zu dem katholischen, französisch sprechenden Kanton Freiburg gekommen sind. Gewiß, man spricht auch französisch in Murten, so etwas wie das français fédéral, mit einem ausgeprägten, lokalen Accent; aber die ganze Ortschaft, eine breite Straße, mit den gewölbten Lauben und den großen Brunnen in der Mitte, mit zwei parallelen Nebengassen, ist ihrer äußern Gestaltung und dem Charakter ihrer Bewohner nach eine deutsch-schweizerische, genau betrachtet, eine bernische Stadt. Speziell für die republikanische, sprachlich und konfessionell gemischte Bevölkerung der Schweiz, verfolgt die Geschichte vielleicht in dem Durcheinanderwürfeln verschiedener Elemente, wie es an dem Gelände des Murtner Sees sich vollzogen hat, einen pädagogischen Zweck. Vertragt Euch! heißt es hier an der Sprachgrenze, und angesichts der Aufgabe, ein unsympathisches Regiment hinnehmen zu müssen. Man verträgt sich in der That — bis zu einem gewissen Grade.

Als ich nach Murten kam, war noch viel von einem Putschversuch die Rede, der vor dem Ausbruch des Sonderbundskrieges daselbst gegen die Jesuitenherrschaft in Freiburg in Szene gesetzt worden war. Wie zwei andere gegen Luzern damals unternommene Putsche, war auch dieser gescheitert. Die Sprengung des Sonderbundes durch die eidgenössischen Waffen hatte bald darauf die freiheitliebenden Murtner an ihren Bedrängern gerächt, und in Freiburg herrschte eine fortschrittliche, radikale Regierung, die sich kraft der neuen Verfassung den Besitz ihrer Macht auf zehn Jahre gesichert hatte.

In Murten war man der politischen Gesinnung nach radikal. Nach oben hin freilich — denn es gab auch dort ein oben und ein unten — blaßte die Farbe der Partei merklich ab. Sowenig wie sie es in den Republiken des Altertums gewesen, ist in denen der Neuzeit die Gleichheit die Schwester der Freiheit. In dieser kleinen Stadt existierten, wenn auch nicht eigentlich Standesunterschiede, so doch gesellschaftliche Stufen, die von den Frauen sehr gewissenhaft, von den Männern, die das öffentliche Leben notwendig zusammenführte, weniger streng, aber immerhin in gewissem Grade innegehalten wurden. So ist es überall in der Schweiz und so wird es zweifelsohne bleiben, solange nicht alle Traditionen ausgelöscht, alle Unterschiede des Besitzes, der Bildung, des Ursprungs verwischt sind. Dagegen zu predigen oder gar zu poltern, ist zwecklos. Die Geschichte selbst sorgt dafür, daß die alten Geschlechter sich ausleben und durch jüngere ersetzt werden. Ich habe dieses historische Gesetz sogar in unserem kleinen Städtchen beobachten können. In dem Kampfe um die äußere Stellung zerbröckelten nach und nach die Felsgesteine altangesehener Familien, junge Alluvialgebilde sammelten sich auf den Trümmern an, und sie werden bald die Schicht in Vergessenheit gebracht haben, auf welcher sie sich jetzt stolz und sicher erheben. Damals, als ich in diese für mich fremde Welt trat, gab es noch — man lächle nicht! — eine haute volée in dem Städtchen. Es gehörten zu ihr eine Anzahl der liebenswürdigsten Familien, die, vor der gemeinen Lebenssorge behütet, einer idealen Geistesrichtung sich hingeben durften, Männer, die auch teilweise akademische Bildung genossen hatten und gern durch Festhalten an akademischen Jugendeindrücken vor dem Untergang im Sumpf des Philisteriums sich schützten.

Es ist etwas Schönes um eine Stadt — und sei sie noch so klein — mit reichen historischen Erinnerungen. Stolz auf das immaterielle Erbe vergangener Geschlechter, wird sie stets etwas auf sich halten und jenes Erbe niemals verkommen lassen. Brauche ich zu sagen, daß die hohen, mit starken Türmen ausgestatteten Mauern mich mächtig anzogen, daß ich ihnen sogleich meine Huldigung durch einen Rundgang auf den Zinnen darbrachte, daß ich die in patriotischem Selbstbewußtsein von den Behörden gesammelten und mit religiöser Sorgfalt bewahrten Trophäen aus der Murtenschlacht häufig betrachtete und dabei wahrnahm, wie das Noblesse oblige in die Seele der Bewohner des Ortes tief eingegraben war. Überall wurde man durch die als selbstverständlich sich äußernde Absicht erfreut, das Ererbte nicht bloß zu erhalten und die historischen Sammlungen zu mehren, sondern auch im Anschluß an die großen Strömungen der Zeit für die kommenden Geschlechter zu sorgen. Vor dem Bernerthor, auf geräumigem Platze gegenüber der von den Belagerungsgeschossen Karls des Kühnen hart mitgenommenen Stadtmauer erhebt sich ein prunkloses, doch in seinen einfachen, harmonischen Linien jedes Auge erfreuendes Schulhaus. Darin befindet sich auch die Stadtbibliothek, für die Einwohnerschaft des kleinen Ortes ein wahrer Segen. Sie wird durch einen jährlichen, von der Stadtkasse gelieferten Beitrag erhalten und vermehrt. Neben einer beträchtlichen Anzahl historischer Werke älterer und neuester Zeit in deutscher und französischer Sprache und den klassischen Dichtern beider Nationen enthält sie in passender Auswahl das Wertvollste aus der populärwissenschaftlichen und schönen Litteratur unseres Jahrhunderts und, da sie jedem Einwohner zugänglich ist, dient sie in erheblichem Maße zur Erfrischung und Ernährung eines auf höhere Ziele gerichteten öffentlichen Geistes. Auch für die Pflege besserer Musik war durch einen gemischten Chor gesorgt, der mit Unterstützung eines kleinen Orchesters im Winter konzertierte, im ersten Jahre meiner Anwesenheit in Murten auch für das große Musikfest in Bern, an dem man sich beteiligte, Händels „Messias“ einstudierte. Das ist gewiß sehr ehrenvoll für ein so kleines Städtchen.

Der große Rathaussaal wurde zu allen künstlerischen Produktionen hergegeben. Da wurden auch Theater gespielt, von einheimischen Kräften, aber auch von den Repräsentanten einer höheren dramatischen Kunst. Herr Direktor Schmitz mit seiner kinderreichen Gattin und einer auserlesenen Truppe besuchte uns häufig. Die blonde Frau Direktor, trotz ihres großen Familiensegens noch immer die jugendliche Liebhaberin, spielte die Luise in „Kabale und Liebe,“ und Herr Heuser, der wegen Teilnahme am badischen Aufstand seine Stellung am Karlsruher Theater hatte aufgeben müssen, gab den Ferdinand. Man war tief erschüttert, und das alte Stadthaus zitterte bis in seine Grundmauern von dem dröhnenden Beifall des Publikums, das mit nassen Schnupftüchern den Heimweg antrat.

An Unterhaltung an den langen Winterabenden fehlte es uns also nicht. Wenn ich an Murten denke, steht es jedoch nicht anders als in sommerlichem Glanze vor mir. In den Straßen, es ist Mittagszeit, ist es sehr still. Vor dem Gasthof zum weißen Kreuz steht einsam ein Frachtwagen — die Eisenbahn hatte damals das idyllische Seegelände noch nicht durchschnitten — der Fuhrmann sitzt drinnen bei der dampfenden Suppenschüssel, die Pferde sättigen sich aus der vor ihnen aufgestellten Krippe und wehren sich die Fliegen ab mit ihren Schweifen; das ist die einzige unruhige Bewegung weitum. Gegen Abend fanden sich die verwandten Seelen zusammen, im See beim Baden, beim Glase Bier oder auf einem Spaziergang nach einem der reizenden kleinen Orte am See, nach Pfauen, nach Avenches oder Wifflisburg, dem Aventicum der Römer, am liebsten nach Münchenwyler, dem auf weitausschauendem Hügel an Stelle eines ehemaligen Klosters in prächtigem Garten sich erhebenden Schlosse der Familie Graffenried, und der die weite Landschaft beherrschenden sagenumwobenen gewaltigen Linde, die gleich einer Kathedrale ihren Ehrfurcht gebietenden Bau stolz zum Himmel erhob. Vor mehreren Jahren hat ein Sturmwind endlich auch diesen Giganten gestürzt, es war in der Woche, als der erste Kanzler des neuen deutschen Reiches des Amtes enthoben, von seiner Höhe grollend herniederstieg. Die ganze Landschaft hat seit dem Untergang jener Linde eines ihrer weitest bekannten Wahrzeichen verloren.

XXIV.
Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz.
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