Man arbeitete, aber man ging auch gern dem Vergnügen nach. Nicht daß aller Welt das Leben wonniglich blühte. Einen wirklich reichen Mann gab es nicht in der Stadt, sondern nur mäßige Wohlhabenheit in einer Anzahl Familien. Die „herrschenden Geschlechter“, wenn dieser Ausdruck damals noch gerechtfertigt war, brauchten mit wenigen Ausnahmen die mancherlei bescheidenen Besoldungen aus ihren vielfachen Ämtern und Ämtlein zur Erhöhung ihres Einkommens und zur Wahrung einer gewissen Präponderanz in ihrer Stellung nach außen hin. Weit und breit keine Industrie, kein beträchtlicher Handel; bei den Krämern und Handwerkern der Stadt versorgte sich die Bauersame rings umher, und so erhielten sich auch lebhafte Beziehungen zwischen Stadt und Land und ein reger Verkehr durch den gegenseitigen Austausch der Waaren.

Ein Vergnügen ganz eigner Art waren unsere kriegerischen Übungen als Glieder der Garde civique. Nichts verpflichtete mich, als einen Fremden, das soldatische Gewand anzulegen und einen Stutzen über die Schulter zu nehmen, um, ganz gegen meine revolutionäre Vergangenheit, die „heilige Obrigkeit, die Familie und das Eigentum“ vor gewaltsamem Umsturz zu beschützen. Aber die ganze männliche Bevölkerung der Stadt gehörte der Garde civique an, man betrachtete es als eine Ehrenpflicht der liberalen Bürgerschaft, die aus dem Sonderbundskrieg hervorgegangene neue Ordnung zu unterstützen und vor der Wiederkehr der Jesuitenherrschaft zu behüten. Alle meine Freunde machten mit. So erklärte ich mich auf geschehene Anfrage ebenfalls bereit, und Herr Sturmfels, der Feldwebel sandte mir den Uniformrock, den Stutzen mußte ich mir selbst anschaffen. Es war der erste der neuen Ordnung für Spitzkugeln, mit Handhabe am eisernen Ladstock. Ich war sehr stolz auf meine Waffe. Sie gehört mit samt ihrem damals neuesten Mechanismus schon längst zum alten Eisen. Die Toten und die modernen Schießgewehre reiten schnell.

Unser streitbares Korps bestand aus einer starken Schützenkompagnie und etwas Artillerie. Unter den Offizieren der letzteren sehe ich noch unsern kernfesten Dr. Huber, einen vortrefflichen, allgemein beliebten und geachteten Arzt. Unteroffizier war Herr Weger, für mich eine der interessantesten Persönlichkeiten, denen ich in der Schweiz begegnet bin. Er war aus Bayern auf der Wanderschaft nach Murten gekommen, hatte dort als Buchbindergeselle gearbeitet, nach dem Tode seines Meisters die Witwe desselben geheiratet und wurde nach und nach, weil man in ihm den tüchtigen Menschen erkannt hatte, kraft seiner natürlichen Bescheidenheit, seines liebenswürdigen Charakters und seiner sich niemand aufdrängenden starken Intelligenz eines der geschätztesten Triebräder im öffentlichen Gemeinwesen. Lange Jahre mit richterlichen Funktionen betraut, hatte er als Autodidakt und auf dem Wege der Praxis zum Juristen sich ausgebildet; er wurde endlich Gerichtspräsident, und genoß in seinem schwierigen Amte und bei einer gemischten zweisprachigen Bevölkerung das allgemeine Vertrauen, wie es größer nicht einem Wahrer des Rechts zu Teil wird, der in seiner Jugend bei den ersten Pandektisten seine Studien gemacht hat.

Unter den Schützen, zu denen ich gehörte, sehe ich, seine Kameraden fast um Haupteslänge überragend, den stets zu allem guten Thun herrlich angelegten Rektor der Stadtschule, meinen alten Freund, den Dr. Brunnemann. Er war gleichzeitig mit mir als Flüchtling in die Schweiz gekommen und in Freiburg unter vielen Bewerbern zum Leiter der Jugenderziehung in Murten gewählt worden. Ein gut geschulter preußischer Gymnasiallehrer, hatte er seinem Examinator in Freiburg, einem alten Kanonikus, der sein Latein längst vergessen hatte, durch sein Verständnis des Horaz sehr imponiert. Wir legten weniger Wert auf sein Latein, als auf seinen liebenswürdigen Charakter, seine heitere Laune, seine anregende Gesellschaft, seine Gradheit und Herzlichkeit. Brunnemann war ein geborener Berliner, Sohn eines Geistlichen; er war in Stettin noch nicht lange im Amte, als ihn der Strom der Revolution in seine Wogen zog. Wir nahmen das Mittagsmahl an gemeinsamem Tisch. Da er einige Jahre älter war als ich und es wirklich gut mit mir meinte, folgte ich gerne seinem Rat, namentlich in ästhetischen Dingen, denn — ich bitte, nicht allzu sehr zu erschrecken! — ich hatte von Bern den ersten Akt eines Trauerspiels „Marcel“, mitgebracht, und ich war damit beschäftigt, es seiner Vollendung entgegenzuführen.

Der Stoff zu meinem historischen Trauerspiel war glücklich gewählt, und diese Wahl erklärt sich leicht aus den politischen Ereignissen, die ich eben selbst erlebt hatte. Während der blutigen Wirren, welche Frankreich in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts infolge der bei Poitiers von den Engländern erlittenen Niederlage und der Gefangennahme des Königs Johann heimsuchten, hatte das Haupt der Pariser Bürgerschaft, Etienne Marcel, eine Rolle gespielt, die an das Auftreten eines Cromwell dreihundert Jahre später erinnert, und in Frankreich vierhundert Jahre später von den Häuptern der großen französischen Revolution erneuert wurde. Die Jacquerie, welche in dieselbe Zeit hineinfiel, gab dem inhaltreichen Stoff einen sehr bewegten Hintergrund. Dramatische Anregungen hatte ich schon als Knabe genug erhalten durch Herrn von Sommerfeld, den Herausgeber der Berliner Theaterzeitung, der, wie schon erzählt, den sechzehnjährigen Burschen nicht selten an seiner Statt ins Schauspielhaus geschickt hatte, um die Mühe des Schreibens einer Rezension von sich auf ihn abzuwälzen. Das Jahr 1848 und das Frühjahr des Jahres 1849 und was ich dabei erfahren, belebten die frühe Absicht, mich auf dramatischem Gebiet zu versuchen, und so entstand mein Marcel. Die Diktion ist noch ungelenk genug, durch das ganze Stück jedoch pulsiert ein frisches, jugendliches Blut, es ist vom Feuer des jungen Knappen durchglüht, der in der ersten Schlacht sich die Sporen verdienen will, und so kam es, daß „Marcel“ bei seiner ersten Aufführung in Bern, und zwei Jahre später in Zürich eine beifällige Aufnahme fand, die den jungen Dramatiker zu weiteren Bühnenstücken ermutigten, über die er jetzt sehr kühl und nüchtern denkt.

Die erste Aufführung des „Marcel“ beraubte mich der Teilnahme an einer für den Kanton Freiburg interessanten, ebenfalls historisch-dramatischen Handlung. Während ich nämlich dem Schicksal meines Helden auf den Brettern des Berner Theaters beiwohnte, hatte Carrard, ein Parteigänger des gestürzten Jesuitenregiments, einen Putsch in Freiburg versucht, war jedoch mit seinen Bauern an der Überwältigung der liberalen Regierung gehindert und in die Flucht geschlagen worden. Es war freilich schon alles vorbei, als das Korps der Garde civique de Morat stolz in der Hauptstadt einrückte. Carrard aber war nicht ganz entmutigt, er wiederholte mehrere Monate später den Versuch eines Handstreichs und verlor dabei das Leben. Wer weiß, ob nicht ein Jesuitenzögling kommender Jahrhunderte den Tod dieses Helden dramatisch verherrlicht, wie ich den Tod „Marcels“, des Pariser Rebellen? Die Murtener Garde civique kam auch diesesmal erst nach dem Ereignis nach Freiburg. Wir hatten keine Gelegenheit, von unserer Tapferkeit Zeugnis abzulegen. Als wir nach drei Tagen uns wieder auf den Heimweg begaben, ließ uns unser Hauptmann auf eine Wiese, rechts von der Straße, abschwenken, und dort in die geduldige Mutter Erde unsere Gewehre entladen.

Es war uns die Ehre zu Teil geworden, die Kantonshauptstadt vor etwaigen erneuten revolutionären Angriffen zu schirmen und diese Ehre teilten wir mit den Bürgerwehren verschiedener anderer Ortschaften, die auf höheren Befehl herangezogen wurden. So hatte ich die Freude, an der Spitze des Kontingents von Chatel St. Denis meinen Freund, Dr. d’Ester, als Chef de la fanfare zu erblicken. Dem ehemaligen Mitglied der äußersten Linken in der preußischen Nationalversammlung hatte es ein besonderes Vergnügen gemacht, in seinen Mußestunden einige junge Dörfler zu einem Trompeterkorps auszubilden, und es war ihm nach redlicher Anstrengung gelungen, ihnen die Marschmelodie des damals so beliebten, entsetzlichen Liedes „Zin, zin, rataplan! Vivent les rouges, à bas les blancs!“ beizubringen, sodaß sie es ziemlich erträglich in den Straßen der erstaunten Stadt ertönen ließen. Wir hatten bei unserem nicht allzu strengen Dienst viele heitere Stunden. Ich erinnere mich einer Nacht, wo wir, etwas mehr als ein Dutzend, in einem feuchten Wachtlokal eingepfercht waren, das, von einem schmierigen Öllämpchen karg beleuchtet, von den unedelsten Gerüchen erfüllt war, welche in einem seit Monaten ungelüfteten Raum eine von dickem Tabaksqualm und den Hochgenüssen aus der nächsten Fuhrmannskneipe verpestete Atmosphäre nur zu erzeugen vermochte. Da plötzlich bemerkte man, daß wir einen Wehrmann weniger zählten. Der Syndic, d. h. Gemeindeammann eines welschen Dorfes aus der Nachbarschaft von Murten, war verschwunden. Der Mann stand schon in reifen Jahren, er war nicht, wie viele von uns, Krieger aus Neigung, sondern aus Pflicht und Schuldigkeit, wie das Gesetz der neuen Regierung es den Beamten vorschrieb. Es war ihm sicherlich an der Erhaltung der radikalen Regierung blutwenig gelegen; der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, marschierte er in unseren Reihen und bei der damaligen engen Marschordnung passierte es ihm sehr häufig, daß er seinem Vordermann auf die Ferse trat, was seine Beliebtheit im Korps nicht eben verstärkte.

„Wo ist der Syndic von Courlemont hingekommen?“ fragte man mit Besorgnis. Man suchte ihn an allen Orten, wo ein Mann unter den gegebenen Verhältnissen in tiefer Nacht zu suchen war. Verschwunden blieb er, Mann und Gewehr. „Er ist desertiert,“ erscholl es wie aus einem Munde. Und die fröhlichen Lieder, die uns bis dahin über den trägen Lauf der Stunden hinweggeholfen, verstummten. „Vor dem Feinde desertiert! Das muß furchtbar geahndet werden.“ Es wurde sofort ein Kriegsgericht ernannt und eröffnet. Der Ankläger erhob sich. Mit eindringlichen Worten stellte er die tiefe Verworfenheit des Beamten, des Bürgers, des Wehrmannes dar, der heimlich den ihm anvertrauten heiligen Posten verlassen hatte, auf welchem seine Kameraden mit den schwersten Opfern, mit Einsetzung ihres Lebens ausharrten. Er erinnerte an die vielerlei Zeichen bösen Willens, an das öfters verspätete Erscheinen des Angeklagten auf dem Sammelplatz, an die Unsauberkeit seiner Uniform und Waffe, an die üble Laune, die er zu allen Zeiten gezeigt und namentlich an den schmerzlichen Anstoß, den er so häufig bei seinen Vordermännern erregt hatte. Der Verteidiger erhob sich. In kunstvoll gesetzter Rede versuchte er es, die Richter zur Milde zu stimmen. Er schilderte den fleißigen Landmann, den sorglichen Hausvater, den redlichen Bürger, der seine Steuern stets pünktlich bezahlt, nie gegen einen Bettler ein verderbliches Mitleiden gezeigt, mit aller Welt in Eintracht gelebt hatte, mit dem Herrn Oberamtmann wie mit dem Pfarrer und dem Mönch; er führte in rührenden Bildern die Frau, die Söhne und namentlich die Töchter des Angeklagten vor, die Zierden und der Stolz ihres Dorfes, das niemals, seitdem die ersten Hütten dort gebaut worden, einen Verräter in ihrer Mitte gekannt. So sprach der wortreiche und gemütvolle Verteidiger. Aber das Gericht ließ sich nicht irre machen. Es folgte seiner männlichen, soldatischen Überzeugung und Pflicht; es verurteilte den Syndic von Courlemont zum Tode.