Am anderen Morgen erschien der Verurteilte beim Hauptmann. Er sei in dem furchtbaren Raume des Wachtlokals, erklärte er, von einer plötzlichen Übelkeit befallen worden und habe sich zu einem Arzt gerettet, der ihm dann auch ein Zeugnis über seine Krankheit mitgegeben hatte. Der Syndic von Courlemont wurde nicht hingerichtet.

An einem schönen Mittag befand ich mich auf Wache vor dem im Sonderbundskrieg schwer mitgenommenen Jesuitenkollegium. Von meinem hohen Standort aus, an der Zufahrtsstraße, konnte ich rechts hinabsehen gegen das Murtner Thor, links hinab gegen das Romonter Thor. Es war mir befohlen, jede Person, die dem Posten sich nahte, anzurufen. Die Disziplin ist die Mutter des Sieges, ich war selbstverständlich von dem festen Willen erfüllt, den mir gewordenen Befehl pünktlich auszuführen. Da nahte sich tief unten vom Murtner Thor her ein Schatten. Er nahm bestimmtere, er nahm menschliche Formen an. Mein Auge richtete sich immer schärfer auf die verdächtige Gestalt. Es war eine alte Frau, die mühsam ein Bündel Reisig auf dem Rücken, die Höhe hinaufklomm. „Qui vive?“ schrie ich sie an, daß es meilenweit zu hören war. „Bah, bah,“ schüttelte sie gleichmütig den Kopf. In demselben Augenblick vernahm ich am andern Abhang nach der Seite des Romonter Thors zu das helle Kommando: „Canonniers, à vos pièces!“ Das war die Antwort auf mein „Qui vive?“ — Jetzt war die Alte oben. „Passez au large!“ rief ich ihr zu. Die Kanoniere standen kampfbereit an ihren Geschützen. Als sie die Alte nun auf sich zukommen sahen, brachen sie in ein Höllengelächter aus, daß man in der guten Stadt Freiburg meinte, die Murtner seien vom Teufel besessen. So wurde uns der Dienst der Freiheit und des Vaterlandes eine Quelle der unschuldigsten Freuden.

Ich sage „des Vaterlandes“. Die Schweiz hatte ich schon liebgewonnen, als ich im Sommer des Jahres 1847 zum erstenmal ihren Boden betrat. Jetzt, drei inhaltsreiche Jahre später, wollte ich mir das Schweizer Bürgerrecht erwerben. Es wurde mir von der Gemeinde Montelier, einem Dorfe dicht bei Murten, zugesagt; die Freiburger Regierung hatte ihre Zustimmung gegeben, der Bundesrat aber versagte die seine.

Als nun meinem Naturalisationsgesuch durch bundesrätlichen Einspruch so unerwartete Schwierigkeiten entgegentraten, suchte ich den großen Berner Politiker Herrn Jakob Stämpfli auf, den ich kurz vorher auf einer Hochzeit im Kanton Bern kennen gelernt hatte, und der mir da mit großer Freundlichkeit entgegengekommen war. Ich besuchte ihn im Gefängnis, wo er eine Strafe für ein Preßvergehen abzusitzen hatte, die er sich mit einer Behauptung über das Verschwinden des Berner Schatzes während der französischen Revolutionszeit zugezogen hatte. Als Gefängnis war ihm ein anständiges Zimmer im Burgerspital, nahe beim jetzigen Bahnhof, angewiesen. Ich traf seine hübsche Frau bei ihm, sie war mit einer Handarbeit beschäftigt und verkürzte ihm plaudernd die Zeit. Herr und Frau Stämpfli nahmen mich sehr freundlich auf. Er schrieb mir einen Empfehlungsbrief an seinen Freund, den Bundesrat Furrer und riet mir, auch einen Besuch bei Herrn Druey zu wagen. Ich ging zu Herrn Bundesrat Furrer. Ich überreichte ihm den Brief des Herrn Stämpfli und trug ihm mein Gesuch vor. Er machte mir auch nicht die geringste Hoffnung auf die Erfüllung meines Wunsches, seine Antwort war ein unzweideutiges, rundes Nein. Der Bundesrat hatte den Beschluß gefaßt, denjenigen Flüchtlingen, welche in ihrer Heimat eine Führerrolle gespielt, eine Einbürgerung in der Schweiz nicht zu gestatten. Mitglieder provisorischer Regierungen waren sogar ausgewiesen worden. Der Mann, der mir ohne alle Umschweife „Nein“ sagte, gefiel mir; er hätte ja sein Nein in ein paar versüßende Phrasen wickeln können, die mich vielleicht verleitet hätten, doch noch, was meine Person betraf, an eine Änderung des gefaßten Beschlusses zu glauben. Er that es nicht, obgleich seine Frau, die zugegen war, mir einen teilnehmenden Blick zuwarf. Und er hatte recht.

Ganz anders benahm sich Herr Druey. Im Gegensatz zu einem ersten, von mir nicht gesuchten Zusammentreffen, nahm er mich mit ausgesuchter Freundlichkeit auf — ich hatte ihn während der Aufführung des „Marcel“ im Theater gesehen, ich war also für ihn ein Stück Poet, also doch immer etwas, wenn auch wenig genug — er drückte mich auf das Sofa, schüttelte mir die Hand, sprach mit mir über die Quellen, aus denen ich mein Drama geschöpft, über die Chronik des Froissart, die er vor Jahren mit Interesse gelesen, und schließlich sagte er mir: was mein Naturalisationsgesuch betreffe, so solle ich mir für den Augenblick die Sache aus dem Kopfe schlagen, der Bundesrat könne einen noch so neuen Beschluß nicht jetzt schon zurücknehmen. Die Zeit werde Rat bringen, in einem Jahre, vielleicht schon früher, werde die Geschichte eingeschlafen sein. Dann werde sich alles machen lassen. Er begleitete mich beim Abschied bis an die Thür. Ich war ganz entzückt von dem würdigen und dabei so humanen Manne.

Wir werden bald sehen, wie weit auf dieses Mannes Herzlichkeit zu rechnen war.

Ich habe mich oben lange bei der Garde civique aufgehalten; sie spielte indessen nur die angenehme Rolle der Abwechslung in dem idyllischen Alltagsdasein der kleinen Stadt. Welch gute Menschen! muß ich noch heute mir sagen, wenn ich an alle die Personen denke, denen ich während meines zweijährigen Aufenthaltes in Murten näher getreten bin. Es waren nicht die banalen Leute, denen man überall und allerwegen begegnet. Wie die Mauern und Türme dem Orte selbst einen individuellen Stempel aufdrücken, so haben seine historischen Zeugen und Denkmäler auch auf die Natur und die Physiognomie des einzelnen Bewohners gewirkt. Es leben so manche liebe und dabei originelle Gestalten aus jener Zeit in meiner Erinnerung fort. Ich darf sie nicht ins Leben rufen, weil an ihre Namen leider sich tragische Ereignisse knüpfen. Wenn man einen noch so kleinen Ort während eines so langen Zeitraums wie nahezu fünfzig Jahre zu überblicken vermag — wie viel schwere Schicksalsschläge haben da sich indessen vollzogen! Auch auf dem engsten Raume findet die Welttragödie ihre Helden und Opfer.

Herr Druey, der Chef des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, hatte sein liebendes Auge nicht von mir abgewendet. Eines Morgens überraschte mich der mir wohlgesinnte Oberamtmann des Seekreises, Herr Chatoney, in Begleitung des Oberamtsschreibers, um auf Grund eines ihm von Freiburg zugegangenen Befehls Haussuchung in meiner Druckerei und Wohnung zu halten. Ich stand bei der obersten eidgenössischen Behörde in Verdacht, revolutionäre Schriften zu drucken. Dieser Verdacht war vollkommen unbegründet und die Haussuchung brachte in der That nichts gegen mich zum Vorschein. Doch hätte es mir leicht schlimm ergehen können. In meinem Schreibtisch lagen verschiedene Briefschaften; der Herr Oberamtmann öffnete einige, diskret nur nach der Unterschrift blickend, und war beruhigt. Mir klopfte das Herz dabei. Hätte er weiter gesucht, so wäre ihm ein Brief in die Hände geraten, in welchem ein Mann, der seither von der Weltbühne verschwunden ist, bei mir anfragte, ob ich geneigt sei, etwas Politisches für Deutschland zu drucken. Ich hatte abgelehnt. Wie aber hätte ich dies beweisen können, und hätte man überhaupt meinen Beweis abgewartet? Kaum war der Herr Oberamtmann mit seinem Schreiber aus meinem Zimmer, als ich rasch jenen unglückseligen Brief hervorholte, ihn anzündete und in den Ofen warf. In diesem Augenblicke kam der Schreiber wieder herein. Ich war sehr erschrocken. Er hätte merken können, was vorgefallen war, er hätte das verbrannte Papier riechen können. Der Mann hatte keine Nase. Er hatte seinen Regenschirm vergessen, deshalb war er zurückgekehrt.

Einige Tage darauf erfuhr ich aus dem Munde des Herrn Oberamtmanns, daß er, um kein Aufsehen zu erregen, die Morgenstunde des Sonntags gewählt, wo alle Welt sich in der Kirche, keine Seele sich auf der Straße befand, daß er übrigens sich geweigert hatte, den Befehl auszuführen, weil nach freiburgischem Gesetz eine Haussuchung nur auf richterlichen Befehl gestattet sei, daß der Freiburger Staatsrat Herrn Druey gegenüber denselben Einwand erhoben, jedoch mit der Antwort abgefertigt worden sei, er habe einfach dem Befehle zu gehorchen. Das that er schließlich, und ich mache ihm daraus keinen Vorwurf. Die Schweiz kann nicht wegen eines kleinen Buchdruckers in Murten den äußersten Widerstand gegen ausländische Zumutungen fortsetzen, wie sie es zu Gunsten des Prinzen Napoleon Bonaparte gethan. Und dieser entschloß sich zu gehen, als er merkte, daß es um seinetwillen Ernst werden könnte.

Auf meine eigenen Entschlüsse sollte übrigens derselbe Prinz Napoleon sehr bald einen entscheidenden Einfluß ausüben. Sein Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 brachte in mir die schon seit einiger Zeit gehegte Absicht zur Reife, Murten zu verlassen und einen anderen Lebensweg einzuschlagen. Ich hatte oben gesagt, daß ich „die Geheimnisse des Volkes“ von Eugen Sue in deutscher Übersetzung druckte. Infolge des Staatsstreiches sah der französische Dichter sich veranlaßt, die Fortsetzung seines Werkes einzustellen. Für meine Presse fiel nun die Hauptbeschäftigung dahin, anderes fand sich nicht sogleich. Ich konnte meine Buchdruckerei in den ersten Monaten des Jahres 1852 verkaufen und siedelte nach Zürich über, wo ich an der Universität mich inskribieren ließ.